Jazzfest Wien

Seelenpein und Glückseligkeit

13. Juli 2011, 18:35

Der Soul-Sänger Charles Bradley nahm den Wiener Rathausplatz im Sturm

Wien - Das Jazzfest Wien präsentiert sich jährlich wiederkehrend als sicherer Hafen für mehr oder weniger verdienstvolle Pop-Rentner. Von so edlem wie unpassendem Ambiente wie der Staatsoper wird dazu Bedeutung suggeriert, aber die wahre Sensation spielte sich heuer nicht um teures Geld in der Oper oder dem Arkadenhof des Rathauses ab, sondern gratis am Rathausplatz.

Dort betrat am Montag der New Yorker Soul-Gigant Charles Bradley mit der grandiosen Menahan Street Band die Bühne. Das blinde Huhn Jazzfest hatte sein Korn zwar gefunden, versemmelte es aber gleich wieder. Denn Bradley und Band mussten auf der schmalen Bühne vor der Leinwand des Opernfreiluftkinos auftreten.

Dessen Soundanlage ist so konzipiert, dass die Sitzreihen zehn Meter vor der Bühne bis zu den hintersten Rängen des Platzes bespielt werden kann. An die hunderten Fans direkt vor der Bühne hatte das Jazzfest nicht gedacht - man glaubte offenbar nicht, dass das selbstgestaltete Programm so viele Leute anlocken könnte. Also erlebte man eine grandiose Band, einen gottvollen Sänger mit dem denkbar miesesten Sound: jenem aus den kleinen Monitorboxen, die dazu da sind, dass sich die Musiker auf der Bühne hören können. Bravo Jazz.

Aber sogar inmitten dieses Szenarios der Ignoranz gegenüber den Musikern betörte der 62-jährige mit Deep Soul. Der frühere Koch hat heuer sein spätes Debütalbum No Time For Dreaming veröffentlicht und litt sich live durch tief empfundene Hadern wie Heartaches And Pain oder The World (Is Going Up In Flames). Stücke, die von der Interpretation und der Spielweise jenen von Größen wie Otis Redding oder James Carr das Wasser reichen können. Das kann nicht sein? Doch.

Bradley kreiste mit der Körpermitte, spielte mit dem Mikroständer wie einst James Brown und Joe Tex - oder fiel melodramatisch auf die von Schützern unter dem Anzug gepolsterten Knie. Seine Physiognomie bildete die Empfindungen seiner Songs ab: ein Faltenwurf des Schmerzes, dann wieder ein glückseliges Grinsen, als er bemerkte, wie sehr sich sein Publikum in ihn verliebt hatte. Und er liebte es zurück. Für ein Bad in der Menge sprang er von der Bühne, umarmte Wildfremde, empfing Zuneigung, während die Band amüsiert weiterspielte: mit trockenen Bläsersätzen, einer vibrierenden Hammond-Orgel und den funky Licks des Bradley-Entdeckers Thomas Brenneck.

Zwei Zugaben, Liebesbekundungen in den Songs und deren Pausen, und dieses Beinahwunder war zu Ende. Schade, aber toll. (Karl Fluch / DER STANDARD, Printausgabe, 14.7.2011)

Kommentar posten
22 Postings
Rosa Grün
 
00
14.7.2011, 21:01

kann bestätigen, dass sound im parkett hinten ok war.

cyberfrank
01
14.7.2011, 16:59

sorry hr. fluch, aber die wahre SENSATION spielte sich im arkadenhof des rathauses ab!! nämlich TROMBONE SHORTY!! ich habe beide konzerte gesehen, sie anscheinend nur den von ihnen verrissenen dr. john (spielte quasi als vorband von trombone shorty). Charles Bradley war gut, aber Trombone Shorty GRANDIOS!!

DreadCat
00
14.7.2011, 15:05
Liebe standard.at-Red,

...viell gibt es ja noch irgendwo eine Aufnahme, durch die man sich ein nicht ganz so genaues Bild vom Zustand der Zähne machen kann...? Hmmm...? ^^

hin und wieder ein tunichtgut
00
14.7.2011, 16:40
das amerikanische

gesundheitssystem hat ganze arbeit geleistet ...

hin und wieder ein tunichtgut
00
14.7.2011, 15:04
auf den tribünen

war der sound für meine ohren durchaus brauchbar. war ja vermutlich auch nicht vorgesehen, dass praktisch alle zuhörer den bereich direkt vor der bühne stürmen statt auf den sesseln platz zu nehmen. aber vl ist das ja so üblich?

THE MGT.
00
14.7.2011, 19:58

Es ist dort jedes Jahr das selbe. Das Publikum verliert sich ,meist irgendwo in den Sesselreihen und weit hinten auf den Tribünen, von wo die MusikerInnen nur noch als winzige Figuren unterhalb der riesigen Leinwand zu sehen sind.

Die Konzerte sind schon eine feine Sache. Aber für die Bands ist es ziemlich mühsam, müssen sie es doch erst schaffen, über die gut 20 m bis zu den ersten Sesselreihen irgendwie Kontakt zum Publikum aufzunehmen. Bradley und seine Band hatten, wohl nicht zuletzt dank der Winehouse/Daptone/Dunham-Fangemeinde, das Glück, dass recht viele Leute tatsächlich gezielt zum Konzert kamen und nicht nur einen Spaziergang unterbrachen.

hin und wieder ein tunichtgut
00
14.7.2011, 20:02
sollte doch möglich sein,

vorne noch ein bühnenrund anzudocken, damit diese mehr tiefe gewinnt. mit sponsoren oder so, damit die konzerte weiter gratis sein können.

THE MGT.
00
14.7.2011, 20:17

Eine Erweiterung der Bühen wäre auch gut, damit die MusikerInnen sich nicht in einer Linie nebeneinander aufreihen müssen.

Und da diese Konzerte eh an vier Tagen hintereinander stattfinden, könnte man ja den Zuseherbereich für diesen Zeitraum adaptieren, z.B. ein paar Enzis od. Enzos aus dem nahen MQ ausborgen (die heuer z.B. wegen der ImPulsTanz-Eröffnung eh zur Seite geräumt werden musssten).

hin und wieder ein tunichtgut
00
14.7.2011, 21:09
klingt gut,

vl. liest's ja jemand von der organisation? ich wünsch es den musikern und dem publikum.

Taji Soron
00
14.7.2011, 13:45

"Blindes Huhn Jazzfest" ist gut.
Aber für die schlechte Tonqualität kann "der Jazz" gar nichts (und weiter hinten war der Sound dem Vernehmen nach auch ganz ok).

Nirak8
00
14.7.2011, 12:28
Bitte um Aufklärung,

ich war montags mit einer Freundin am Rathausplatz, allerdings nur um zu essen und zu trinken und wir haben nicht auf die Bühne gesehen.
Uns ist nur aufgefallen, dass eine Frau sehr laut gesungen hat ... das war sicher keine Männerstimme - oder? Bzw. wann ist Charles Bradley aufgetreten?

THE MGT.
00
14.7.2011, 19:55

Montag war Soe Tolloy auf der Bühne. War ein sehr feines Konzert, sie hat Ausstrahlung, eine fabelhafte Stimme, eine gute Band und gute Songs - aber das Publikum war sehr zurückhaltend und durch den Aufbau der Bühne und des Platzes davor kam, wie leider oft bei diesen Rathausplatz-Konzerten, nur sehr zäh wirklich Stimmung auf. Den Leuten vor Ort hat's jedenfalls gefallen.

Was das "laut gesungen" betrifft: so ist das halt bei live-Konzerten, wobei ja im Essbereich Lautsprecher hängen, die die Konzerte dorthin übertragen.

Easy Rawlins
00
14.7.2011, 12:36

Dienstag

Nirak8
00
14.7.2011, 13:04
OK, Danke!

... im Artikel steht Montag!

p-hammer
20
14.7.2011, 09:35
Großartiges Konzert - und: "hätt ma wissen können..."

die Sache mit der Tonanlage nämlich.

Die ist natürlich für die Leinwand und die Sitzplätze ausgelegt. Und wenn ich keine Extra-Boxen seh, stell ich mich einfach etwas von der Bühne weg (umso mehr, wenn eine Band in einer Linie und nicht im Halbkreis steht).
Hintere Hälfte des "Stehplatzbereichs" - tadelloser Sound; auch wenn man Bradley gegenüber der Band noch etwas hätte pushen können. Da fällt man halt um ein paar Schweißtropfen des Idols um, aber man hat mehr von der Musik.

Und bei "normalen" Open-Airs sieht's ja auch immer so aus - nur dass da Sperrgitter sowieso einen Abstand von ein paar Metern erzeugen. Ist halt kein Jazzklub.

poledo2
 
00
14.7.2011, 01:31
tolles Konzert,

-wie schon gesagt: gute Interpretation des NY´Klassikers und weiter hinten ganz brauchbarer Sound!

Dilbert
00
14.7.2011, 13:28

Die Hammond-Orgel war zu leise.

Lilly Rush
 
11
13.7.2011, 19:56

Er ist der wiederauferstandene „Godfather Of Soul“.

Erwähnenswert ist auch die Interpretation von Neil Youngs "Heart Of Gold".

THE MGT.
00
14.7.2011, 20:03

„Godfather Of Soul“ gab's nur den Einen. Aber „Heart of Gold“ hat Bradley wirklich sehr fein interpretiert.

Lilly Rush
 
00
14.7.2011, 22:44

OK von mir aus. Aber fast so gut wie ;-)

Interessant fand ich, dass die Songreihenfolge nicht vorgegeben war sondern Thomas Brenneck von der Menahan Street Band entschied welcher Song als nächster gespielt wurde.

THE MGT.
00
15.7.2011, 09:08

Brenneck, als Entdecker Bradleys, Label-Gründer und Bandleader, ist wohl sowas wie das Mastermind - sehr sympathisch jedenfalls, dass die Setlist sich offenbar an der Stimmung von Sänger, Band und Publikum orientiert.

trampolene
00
13.7.2011, 19:15

war wirklich bewegent das konzert und auch wie er durch die menge spaziert ist.
das mit dem sound vor der bühne stimmt leider so.würde das ganze gerne nochmal in einem kleinern rahmen sehen.

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