Der Soul-Sänger Charles Bradley nahm den Wiener Rathausplatz im Sturm
Wien - Das Jazzfest Wien präsentiert sich jährlich wiederkehrend als
sicherer Hafen für mehr oder weniger verdienstvolle Pop-Rentner. Von so
edlem wie unpassendem Ambiente wie der Staatsoper wird dazu Bedeutung
suggeriert, aber die wahre Sensation spielte sich heuer nicht um teures
Geld in der Oper oder dem Arkadenhof des Rathauses ab, sondern gratis am
Rathausplatz.
Dort betrat am Montag der New Yorker Soul-Gigant Charles Bradley mit der
grandiosen Menahan Street Band die Bühne. Das blinde Huhn Jazzfest hatte
sein Korn zwar gefunden, versemmelte es aber gleich wieder. Denn Bradley
und Band mussten auf der schmalen Bühne vor der Leinwand des
Opernfreiluftkinos auftreten.
Dessen Soundanlage ist so konzipiert, dass die Sitzreihen zehn Meter vor
der Bühne bis zu den hintersten Rängen des Platzes bespielt werden kann.
An die hunderten Fans direkt vor der Bühne hatte das Jazzfest nicht
gedacht - man glaubte offenbar nicht, dass das selbstgestaltete Programm
so viele Leute anlocken könnte. Also erlebte man eine grandiose Band,
einen gottvollen Sänger mit dem denkbar miesesten Sound: jenem aus den
kleinen Monitorboxen, die dazu da sind, dass sich die Musiker auf der
Bühne hören können. Bravo Jazz.
Aber sogar inmitten dieses Szenarios der Ignoranz gegenüber den Musikern
betörte der 62-jährige mit Deep Soul. Der frühere Koch hat heuer sein
spätes Debütalbum No Time For Dreaming veröffentlicht und litt sich live
durch tief empfundene Hadern wie Heartaches And Pain oder The World (Is
Going Up In Flames). Stücke, die von der Interpretation und der
Spielweise jenen von Größen wie Otis Redding oder James Carr das Wasser
reichen können. Das kann nicht sein? Doch.
Bradley kreiste mit der Körpermitte, spielte mit dem Mikroständer wie
einst James Brown und Joe Tex - oder fiel melodramatisch auf die von
Schützern unter dem Anzug gepolsterten Knie. Seine Physiognomie bildete
die Empfindungen seiner Songs ab: ein Faltenwurf des Schmerzes, dann
wieder ein glückseliges Grinsen, als er bemerkte, wie sehr sich sein
Publikum in ihn verliebt hatte. Und er liebte es zurück. Für ein Bad in
der Menge sprang er von der Bühne, umarmte Wildfremde, empfing
Zuneigung, während die Band amüsiert weiterspielte: mit trockenen
Bläsersätzen, einer vibrierenden Hammond-Orgel und den funky Licks des
Bradley-Entdeckers Thomas Brenneck.
Zwei Zugaben, Liebesbekundungen in den Songs und deren Pausen, und
dieses Beinahwunder war zu Ende. Schade, aber toll. (Karl Fluch / DER STANDARD, Printausgabe, 14.7.2011)