Warum es für Anleger unklug ist, in den sicheren Hafen der starken helvetischen Währung auszuweichen
Dringende Warnung eines Schweizer Bankers: Warum es für Anleger - gerade angesichts der aktuellen Turbulenzen in der Eurozone - unklug ist, in den sicheren Hafen der starken helvetischen Währung auszuweichen.
***
Das Allzeithoch des Frankens hat für die Schweiz nichts mit Schönwetter zu tun: Der starke Franken belastet unsere Exportwirtschaft und vor allem auch den Tourismus. Zum Glück liegt die Schweiz nicht am Meer, der anstehende Badeurlaub käme Gäste aus dem Ausland so teuer zu stehen wie noch nie.
Aber Phasen mit einem starken Franken hat es in der Vergangenheit immer wieder gegeben. Wir können also auf die Anpassungsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft vertrauen, die sich derzeit allen Unkenrufen zum Trotz mit einem prognostizierten Wachstum von knapp zwei Prozent solide zeigt. Auch die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie lange nicht mehr, und der anhaltende Zustrom gut ausgebildeter und gut verdienender Ausländer unterstreicht die Attraktivität des Lebensraumes Schweiz. Inflation ist unwahrscheinlich, und die Nullzinspolitik der Schweizer Nationalbank hat die Gefahr einer Deflation klein gehalten.
Aber wo quasi die Währungsgrenze des Verkraftbaren liegt - niemand weiß es. Neu ist an der heutigen Situation allenfalls, dass der Schweizer Franken umgeben ist vom währungsvereinten Europa. Für die Anleger aus dem Euroraum, die durch den starken Franken und den schwachen Euro, aber auch wegen der Diskussionen um die Griechenlandkrise vielleicht mehr denn je verunsichert sind, erscheint der Wechsel in den Schweizer Franken besonders attraktiv. Nur, genügt ein ungutes Bauchgefühl für eine schnelle Flucht in den sicheren Hafen der helvetischen Währung? Soll man den hyperaktiven, erhitzten Dynamiken nachgeben? Sicher nicht. Übertreibungsphasen an Kapital- und Devisenmärkten aufgrund nie da gewesener Krisen gab es in den vergangenen Jahrzehnten in regelmäßigen Rhythmen. Und gerade wenn sie neuerdings mit verkürzter Amplitude auftreten, sollte man sich vor Überreaktionen hüten. Sicher, der Euro steckt zurzeit in Schwierigkeiten. Aber die gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung dieser Währung als Bindemittel für das geeinte Europa und für die Wettbewerbsfähigkeit in den Handelsbeziehungen zu anderen großen Wirtschaftsräumen ist nach wie vor enorm. Wie soll ein fragmentiertes Europa im Wettbewerb etwa mit Asien bestehen?
Zurzeit geht es um deutlich mehr als nur um die rechnerischen Kriterien einer erfolgreichen Vermögensanlage. Die Massenflucht in eine starke Währung könnte den Euro zusätzlich destabilisieren und die Turbulenzen im Euroraum noch fördern. Und damit ist auch der Schweiz nicht geholfen. Auch Anleger, die sich jetzt kurzfristig im starken Franken sicherer fühlen, brauchen längerfristig ein starkes Europa, einen stabilen Euro.
Die Schweiz ist mit Europa wirtschaftlich eng verknüpft, ob wir das wollen oder nicht. Geht es Europa schlecht, leidet auch die Schweiz, eigene Währung hin oder her. Niemand ist eine Insel. (Kommentar der anderen, Walter Ernst, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.7.2011)
WALTER ERNST ist Direktor der Vadian Bank AG in St. Gallen.