Ein Blickfänger als Choreograf

13. Juli 2011, 18:36
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Die kanadische Truppe La La La Human Steps hat mit "New Work by Édouard Lock" das heurige Impulstanz-Festival eröffnet

Wien - Ein im Flachwasser lebender Anglerfisch verblüfft die Forscher, weil er sein Maul in nur sechs Tausendstelsekunden aufreißen kann. Dadurch entsteht ein so starker Sog, dass es für Beutetiere kein Entrinnen mehr gibt. Angelockt werden sie von einer aus dem Kopf des Fisches gewachsenen Wurmattrappe.

Geschwindigkeit ist immer eine Sensation. Es leben Schnellplauderer unter uns, die bis zu 600 Wörter pro Minute über ihre Lippen schnattern lassen. Und der kanadische Choreograf Édouard Lock, der zum Auftakt des diesjährigen Festivals Impulstanz im Volkstheater sein New Work vorstellt, stachelt die Tänzer seiner Truppe La La La Human Steps zu einem rasanten Gestengeplauder mit großer Sogwirkung an. Ist Lock der Anglerfisch unter den Choreografen?

Keine einfache Frage. In New Work zeichnet der 57-jährige Choreograf jedenfalls auch für das Licht verantwortlich. Und der Anglerfisch Melanocetus johnsonii, ein Bewohner der Tiefsee, hat es nicht nur wegen seines spektakulären Gebisses zu einiger medialer Popularität gebracht, sondern auch, weil er seine Beutetiere mit einem an der Spitze seines "Angel"-Fortsatzes schimmernden Leuchtkörper anlockt.

Wie die zwei Vertreter aus der Anglerfisch-Familie arbeitet Édouard Lock effektvoll mit Geschwindigkeit und Licht: Vorhang auf, und schon ist er weg, der Blick. Diese Falle hat Lock bereits in früheren Stücken ausprobiert, die seinem Stil den Titel "Turbo-Ballett" eingebracht haben. Die Metapher hinkt hier nicht. Denn was Lock in Form bringt, erinnert durchaus an Karosserie-Romantik: elektrisierendes Schwarz-Weiß, die Erotik von Kraft und Schnelligkeit, die stromlinien hafte Dramaturgie.

Die fabelhaften Tänzerinnen und Tänzer, darunter die Österreicherin Sandra Mühlbauer, geben nun mit Locks Hilfe dem Begriff Geschwindigkeit eine besondere Bedeutung. Denn in ihren Bewegungen steckt eine Vielfalt an Nuancierungen, die in früheren Choreografien von La La La Human Steps nicht selbstverständlich waren: Vibrationen, flatterhafte Phrasierungen und kaum wahrnehmbare Knitterungen in den Bögen der Gesten.

Witz des Vergänglichen

Die New Work zugrunde gelegten Stoffe sind Dido and Aeneas von Henry Purcell und Orfeo ed Euridice von Christoph Willibald Gluck. Sie sind nur in losen Fäden zu erkennen. Aus Anspielungen an diese Erzählungen wird eine Abhandlung über den Witz des Vergänglichen. Auch Videoeinspielungen ironisieren die nicht enden wollende Mumifizierung der griechischen Antike in unserer Kultur.

Locks Brücke zwischen den barocken Opern und der Gegenwart leuchtet ein. Beide Perioden sind designverliebt und durchdrungen von der hedonistischen Coolness pseudohellenischer Ästhetik. Die daraus quellende Morbidität und Effektverliebtheit sind ganz das, was wir bis heute so oft als spektakuläre Karosserie von "Kultur" konsumieren: Schrott im Frühstadium.  (Helmut Ploebst / DER STANDARD, Printausgabe, 14.7.2011)

Bis 15. 7.

  • Vibrationen und flatterhafte Phrasierung: Mit "New Work by Édouard Lock" 
gab das Impulstanz-Festival seinen Einstand.
    foto: impulstanz

    Vibrationen und flatterhafte Phrasierung: Mit "New Work by Édouard Lock" gab das Impulstanz-Festival seinen Einstand.

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