"Eskandar" erzählt die Geschichte Irans

13. Juli 2011, 15:39
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Siba Shakib illustriert anhand der Geschichte ihrer Romanfigur die historischen Ereignisse der vergangenen 100 Jahre Irans

Es ist ein ruhiger Sommermorgen, irgendwo im Südwesten Irans, die einzigen Geräusche, die zu hören sind, kommen von den Motoren und Maschinen der ausländischen "Fremdlinge", die tief in das iranische Niemandsland eingedrungen sind. Ihre Mission ist so einfach wie lukrativ - sie suchen nach dem "schwarzen Gold", dem Rohstoff, der seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts in aller Munde ist.

Dabei sind die Suchenden wohl oft an den gleichen Äußerlichkeiten zu erkennen: starre Augen, angespannte Blicke, zerzaustes Äußeres - alle sind sie auf der Suche nach dem gewinnbringenden Erdöl. Die britischen Arbeiter haben seit dem Gerücht, im Südwest Iran solle es Öl im Überfluss geben, nur wenige Ruhestunden. Sie arbeiten rund um die Uhr wie Sklaven - in der unerträglichen Hitze des Nahen Ostens.

Zuerst Profit, dann Rechte

Im Auftrag der britischen Regierung wird im Iran nach Öl gesucht - an einem Ort, der ungefähr zwischen den Gebirgsketten des Zagros und der irakischen Grenze liegt. Das ist der wirtschaftliche Aspekt eines Landes, das neben Jahrtausende alten Schätzen aus Literatur, Kunst und Wissenschaft reich an Rohstoffen wie Erdöl und Erdgas ist. Diese Fülle an natürlichen Ressourcen - zweitgrößte Erdöl- und Erdgasreserven der Welt - machen es seit je her zum Spielball der jeweils herrschenden Machthaber. Dabei erhalten die stolzen Despoten aus Iran Order aus London, danach Washington und dazwischen aus dem vermeintlich roten Moskau.

In Mitten dieser wirtschaftlichen Machenschaften wird der Protagonist des Romans "Eskandar" geboren - seine eigene Geschichte führt wie ein roter Faden durch die unterschiedlichsten historischen Ereignisse. Der Ort und die Zeit seiner Geburt sind nicht genau überliefert. Eskandar - auf Deutsch: Alexander - wächst in einem unbekannten Dorf ohne Eltern auf. Mit neun Jahren treibt ihn der Tatendrang und er beschließt die Ortschaft außerhalb der Grenzen seines kleinen Mikrokosmos zu Erkunden.

Immer am Puls der Zeit

Dabei entdeckt er schnell die britischen Belagerer, die bei der Suche nach Erdöl nach grenzenlosen Reichtum und unvorstellbarer Macht lechzen. "Eskandar" lernt stellvertretend für seine Nachfahren - seinem Volk - was es heißt in einem Land zu leben, das außerordentlich Reich an Rohstoffen ist. So wie seine Heimat, wird auch er zum Spielball und gleichzeitig Knecht seiner ihm "überlegenen" Gebieter. Er verschafft sich die Gunst derer, die in seinen Augen die Mächtigen sind.

Im Laufe der Geschichte erlebt der wissenshungrige "Eskandar" viele neue Seiten der britischen und amerikanischen Invasoren kennen. In einer besonderen und unnachahmlichen Art und Weise lernt er im Laufe der Zeit spannende Geschichten zu erzählen. Sein großer Drang nach Wissen ist es auch, der ihm von Ort zu Ort führt. Er schlägt sich mit einfachen ausführenden Arbeiten durch das Leben: als Diener, Bewacher und Hilfskraft. Dabei spielen besonders die historischen Momente im Roman eine große Rolle.

Prägende Erfahrungen

Geschichtliche Begebenheiten wie die Auseinandersetzungen der nationalen iranischen Bewegung gegen die Russen und Briten sind für ihn ein persönlicher Schicksalsschlag. Seine erste Frau geht für den damaligen Premierminister Mossadegh auf die Straßen - sie bezahlt dafür mit dem Leben. In seiner zweiten Ehe, verliert "Eskandar" seine Tochter. Sie wird unter der Herrschaft des Schahs im Evin-Gefängnis zu Tode gefoltert. Dabei rekonstruiert Shakib jedes kleine Stück, jeden noch so unbedachten Blickwinkel in der die Geschichte als großes ganzes hervorgeht. Auch die iranische Revolution Anfang des Jahres 1979 und die darauffolgenden Ereignisse werden dabei nacherzählt. Die Rolle als guter Geschichtenerzähler vererbt "Eskandar" an seine Enkelin weiter. Der Grund dafür ist sein Ableben, seine Enkelin - eine TV-Journalistin - illustriert die Geschichten und Ereignisse und setzt die Erzähler-Tradition der Familie fort.

"Jede dunkle Nacht hat ein helles Ende"

Der in Köln lebenden Autorin Siba Shakib ist damit ein ausgesprochen feinfühliges und detailgetreues Instrumentarium zur Rekonstruktion der iranischen Geschichte gelungen. Die Geschichte "Eskandars" ist die Geschichte Irans. Eines Landes, dass seine Belagerer nie auf Abstand halten konnte, weil es zu verlockende ökonomische Vorteile besaß. Es ist auch eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem "Westen", dem die Ressourcen und wirtschaftlichen Interessen immer schon wichtiger waren als die Stabilisierung oder Bildung einer Gesellschaft. Hinzu kommt, dass Bürgerkriege, Volksaufstände und zwei Besatzungsmächte die stabile Situation des Landes auf Kosten der Sicherheit der Bürger ins Wanken bringen. Auslöser dieser Höhen und Tiefen sind nicht zuletzt die weltpolitischen Großmächte vergangener und neuer Epochen. Angesichts dieser Tatsachen erscheint ein altes persisches Sprichwort in hoffnungsvollem Glanze: "Jede dunkle Nacht hat ein helles Ende". (Toumaj Khakpour, daStandard.at, 13. Juli 2011)

Siba Shakib: "Eskandar"
Roman, 512 Seiten
ISBN: 978-3-570-00968-0
Verlag: C. Bertelsmann
Erscheinungstermin: 2. Juni 2009

  • Der Roman "Eskandar" erzählt die Geschichte des Irans.
    foto: verlag

    Der Roman "Eskandar" erzählt die Geschichte des Irans.

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