Aufstieg, nein danke!

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Die Regionalligisten kämpfen mit teuren Bilanzprüfungen und hohen Lizenzanforderungen. Den Profi­fußball können und wollen sich nur die Wenigsten leisten

»Warum sollte ich das machen? Allein der Stadionumbau würde mich mehr kosten, als ich durch Fernsehgelder lukrieren könnte.« Raimund Harreither weiß, wovon er spricht. Der ehemalige Mäzen errang in der Saison 2009/10 mit dem FC Waidhofen/Ybbs den Meistertitel der Regionalliga Ost, verzichtete aber auf einen Lizenzantrag für die Erste Liga. Harreithers Aussage spiegelt eine gängige Meinung unter Österreichs Regionalligisten wider. Warum aufsteigen? Warum eine Lizenz beantragen? Für eine Liga, die sich der Klub nicht leisten kann oder will?

Beispiele dafür gibt es auch weiter westlich. Der FC Kufstein machte in der abgelaufenen Saison kein Hehl daraus, liebend gern in die Relegation zur Ersten Liga zu kommen, um die 50.000 Euro einzustreifen, die dem Verlierer dieses Duells zustehen. Am Aufstieg waren die Tiroler nicht interessiert. Beim SV Allerheiligen, über weite Teile der Saison Spitzenreiter der Regionalliga Mitte, kam es wegen der Aufstiegsfrage sogar zu Streitigkeiten innerhalb des Vorstands. Die eine Hälfte wollte den Antrag für die Bundesliga-Lizenz, Obmann Christian Gröss entschied sich jedoch dagegen. Es entwickelte sich eine peinliche Farce, weil Gröss seine Klubkollegen darüber lange im Unklaren ließ, dass er erst gar kein Gesuch eingereicht hatte. Nicht unähnlich die Vorgänge beim SC Ritzing aus dem Burgenland, der erst kurz vor Ende der Abgabefrist bemerkte, dass ein Antrag das Budget sprengen würde.

Neben den Kosten für die Infrastruktur dämpft vor allem der administrative Aufwand die Aufstiegslust der Regionalligisten. »Das Handbuch für den Lizenzantrag der Bundesliga ist mittlerweile 104 A4-Seiten dick«, sagt Hannes Auinger, Vizepräsident des Wiener Sportklub, dessen Antrag wegen Formalfehlern zurückgewiesen wurde. Seit zwei Saisonen müssen sämtliche Regionalligaklubs zudem eine Jahresbilanz vorweisen, um eine Spielgenehmigung für die dritte Liga zu erhalten. »Das kostet locker 5.000 bis 10.000 Euro«, polterte der Obmann des Floridsdorfer AC, Peter Eigl, schon bei der Einführung. Für externe Wirtschaftsprüfer war zuvor kein Budget vorgesehen, die Klubs fordern deshalb einen Beitrag zur finanziellen Entlastung. Die Wirtschaftsprüfer sollen von den Verbänden gestellt werden. Interessantes Detail am Rande: Anders als bei der Bundesliga mit ihrem Senat 5 gibt es für die Regionalligen keine unabhängige Instanz, die die Bilanzunterlagen prüft.

Prüfungen und Bauchweh
Doch dies ist nur ein Teil des Problems des Unterhausbetriebs: Jährlich steigen die Auflagen, die Betriebskosten werden einer Indexanpassung unterzogen, während die Einnahmen stagnieren. »Für gewisse Vereine ist das ein Ausschlusskriterium, wenn sie über halbprofessionellen Fußball nachdenken«, sagt Auinger. Für die restlichen Aufstiegskandidaten, die übrig bleiben und um eine Bundesliga-Lizenz ansuchen, gelten dieselben Anforderungen wie für die 20 Mitglieder der Profiliga. Der Senat 5 überprüft das Stadion, die Infrastruktur, das Budget. Und erneut muss ein Wirtschaftsprüfer eine Prognose erstellen, ob der Verein auf Kurs ist. Kostenpunkt: 20.000 bis 30.000 Euro. Was für große Vereine einen relativ geringen Budgetposten darstellt, tut dem Regionalligisten ungleich mehr weh. »Das Geld, das du in eine Lizenz steckst, ist nicht nachhaltig investiert. Es ist weg, wenn du nicht aufsteigst«, berichtet ein Funktionär eines steirischen Drittligisten.

Viele Klubs an der Spitze des Unterhauses blicken deshalb in eine düstere Zukunft. »Es geht in Richtung einer reinen Profipartie in den Bundesligen. Dort will keiner einen Amateurverein«, meint FAC-Boss Eigl. Tatsächlich geht die Schere zwischen den Ligen im österreichischen Unterhaus immer weiter auf. Der Sprung von der zweiten Verbandsliga in die oberste eines Bundeslandes ist schon immens, jener von dort in eine Regionalliga noch größer. Und alles, was darüber hinausgeht, übersteigt die Kapazitäten der meisten Vereine. »Die Erste Liga ist schwer zu finanzieren. Die meisten schaffen es mit Bauchweh und viel Augenzudrücken«, sagt Sportklub-Funktionär Auinger.

Die Bundesliga argumentiert, dass durch das aktuelle Lizensierungsverfahren Insolvenzen, wie sie in der Vergangenheit in der zweithöchsten Liga regelmäßig vorgekommen sind, verhindert werden. Weil die Vereine dazu gezwungen würden, sich eingehender mit der eigenen Finanzsituation zu befassen. Und weil ein hauptberuflicher Geschäftsführer sowie ein Angestellter für die Öffentlichkeitsarbeit und eine Bürokraft verlangt werden. Wie man am Beispiel FC Dornbirn sieht, haben sich die Probleme teilweise aber nur verlagert. Die Vorarlberger mussten nach dem Abstieg aus der Ersten Liga im Sommer 2010 Insolvenz anmelden - unter anderem wegen seiner unsicheren Finanzgebarung vor dem Aufstieg. Wegen nicht nachgewiesener Sponsorgarantien war den Dornbirnern die Profilizenz in den ersten zwei Instanzen verweigert worden, ehe das Ständig Neutrale Schiedsgericht das Urteil wegen eines Verfahrensfehlers aufhob.

Dritte Liga kein Thema
Dass angesichts dieser Situation heuer über die Schaffung einer dritten Profiliga diskutiert wurde, ist schwer nachvollziehbar. Sportklub-Vizepräsident Auinger sieht den Profistatus in der Zweitklassigkeit schon jetzt nicht gegeben: »Auch in der Ersten Liga gibt es viele Halbprofis, weil sie ihre Jobs nicht verlieren wollen oder es sich mit der Ausbildung nicht in Einklang bringen lässt.«

Im Zuge der Formatdiskussion wurde vonseiten des ÖFB, der Landesverbände, der Regionalligavereine und der Bundesliga eine Kompetenzplattform geschaffen, die als beratendes Gremium Stellung bezog. Ihr Auftrag war es, Entwicklungsoptionen der dritten Leistungsstufe zu bewerten, vor allem in Hinblick auf die Optimierung des Übergangs zwischen Amateur- und Profifußball. Im Mai wurde die Einschätzung der Plattform der ÖFB-Sportkommission übermittelt. »Die dritte Profiliga ist kein Thema«, erklärt Robert Sedlacek, Sprecher der Vereine im Osten und Präsident des Wiener Fußballverbandes, »die Regionalligen gehören gestärkt, davon profitiert auch die Bundesliga. « Der Grundtenor der Ostliga-Vereine sei einheitlich, so Sedlacek: »Die Regionalliga ist die richtige Ausbildungsliga.«

In der Empfehlung an die Sportkommission sprachen sich die Vertreter der Plattform mehrheitlich für eine zweite Leistungsstufe mit 16 Vereinen aus, in die auch maximal vier Amateurteams von Bundesliga-Vereinen aufsteigen dürfen. In diesem Modell wäre auch der Direktaufstieg der Meister aus der dritten Leistungsstufe gewährleistet. Die Bundesliga schloss sich der Empfehlung nicht an und stützte sich dabei auf eine Wirtschaftlichkeitsanalyse der Ligenformate von 2009 und einen Beschluss ihrer Klubs, der eine Änderung des Formats der Ersten Liga momentan unmöglich mache. Eine Reduzierung der Lizenzanforderungen hat die Bundesliga in der Debatte kategorisch ausgeschlossen.

Allerdings wurde Bereitschaft signalisiert, über eine Aufstockung zu diskutieren, wenn die Lizenzansuchen der Regionalligisten einen derartigen Bedarf erkennen lassen. Doch der ist momentan offensichtlich nicht gegeben. Von 48 Regionalligisten stellten heuer nur acht einen Lizenzantrag: Wattens und Anif im Westen, GAK, Blau-Weiß Linz und Pasching in der Mitte sowie Horn, Parndorf und der Wiener Sportklub im Osten. (Text: Clemens Gröbner)

 

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