Ratingagenturen – die falschen Sündenböcke

KrisenFrey
13. Juli 2011, 13:45

Die Herabstufungen von Griechenland & Co. kommen eher zu spät als zu früh und sind nicht Schuld an der Krise

Wenn es irgendeinen Beweis gibt, dass Europas Politiker die Tiefe der Euro-Schuldenkrise nicht sehen und sich um ernsthafte Lösungen drücken, dann ist es das Kesseltreiben gegen die amerikanischen Rating-Agenturen.

Immer öfter, und von immer höher gestellten Persönlichkeiten, werden Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch für die Probleme der Schuldnerstaaten verantwortlich gemacht, weil sie angeblich durch Herabstufungen zur inopportunen Zeit die Chance auf eine finanzielle Sanierung zunichtemachen.

Deshalb sollen nun die drei großen Agenturen zerschlagen werden, deshalb soll eine europäische Ratingagentur als Konkurrenz her, fordern etwa die EU-Kommissare Viviane Reding und Michel Barnier.

 Gewürzt werden die Attacken mit einer großen Prise Anti-Amerikanismus. Hier würden Amerikaner ein großes europäisches Projekt zerstören. Es dürfe nicht sein, so Reding, „dass ein Kartell dreier US-Unternehmen über das Schicksal ganzer Volkswirtschaften und ihrer Bürger entscheidet". Dass die dritte Agentur Fitch im mehrheitlich französischen Besitz ist, wird dabei gerne übersehen.

Nun kann man den Ratingagenturen einige Vorwürfe machen, wie das auch in den USA geschehen ist (siehe Bild der Kongressanhörung). Jahrelang haben sie komplexe amerikanische verbriefte Papiere (Asset-Backed Securities, Collateral Debt Obligations) viel zu hoch bewertet und dadurch zur Schuldenkrise beigetragen. Gleichzeitig haben sie Staatspapiere der europäischen Schuldnerstaaten viel zu optimistisch gesehen und das Risiko eines Staatsbankrotts ignoriert.

Das waren kapitale Fehler, für die die Rating-Agenturen zur Rechenschaft gezogen werden sollten – von den privaten Investoren, die jahrelang in falscher Sicherheit gewogen wurden. Interessanterweise haben die Agenturen aber das Vertrauen ihrer Zielgruppe nicht verloren. Wahrscheinlich, weil sie aus Fehlern gelernt haben, weil es keine gute Alternative gibt, und weil für einen privaten Fonds ein Rating kein Urteilsspruch, sondern nur eine  von mehreren Indikatoren für die Einschätzung von Risiken darstellt. Dies hat man etwa am Mittwoch gesehen, als irische Papiere trotz der jüngsten Senkung mehr Wert wurden und nicht weniger.

In vielen anderen Fällen folgen die Märkte auf die Einschätzung der Rating-Agenturen. Aber auch hier ist bei mittelfristigen Bewertungen viel mehr Korrelation – also gleichzeitige Bewegung – als Kausalität im Spiel. Weder haben die Agenturen Informationen, die andere nicht haben, noch sind sie eine unbedingte Autorität.

Die jetzigen Herabstufungen von Staatsbonitäten sind sicher nicht voreilig – wenn, dann kommen sie zu spät. Wer hat eigentlich Zweifel daran, dass Griechenland in akuter Insolvenzgefahr ist?

Ist es nicht tatsächlich realistisch, dass Irland ein zweites Hilfspaket benötigt, weil auch angesichts der Griechenland-Krise eine rasche Rückkehr von Staaten, die einmal Hilfe unter dem Euro-Rettungsschirm gesucht haben, von Tag zu Tag unwahrscheinlicher wird?

Und hätten bei Italien angesichts der massiven Staatsverschuldung und der zunehmend gelähmten politischen Führung schon lange die Alarmglocken läuten sollen?

Die Ratingagenturen für die Fiskal- und Wettbewerbsprobleme der Staaten verantwortlich zu machen oder auch nur für die Schwierigkeiten, Staatsschulden im Finanzmarkt zu finanzieren, ist absurd.

In einem Punkt haben die Kritiker recht: Weder die Europäische Zentralbank noch die Bankaufsichtsbehörden sollten die Ratings so wichtig nehmen, wie sie das in der Vergangenheit getan haben.  

Aber bereits jetzt hält sich die EZB nicht mehr an die Ratings, wenn sie entscheidet, welche Staatspapiere sie als Sicherheit für Kredite an Banken akzeptiert. Und auch die neuen Eigenkapitalvorschriften unter Basel III werden sich wahrscheinlich nicht mehr so sklavisch an die Ratings der drei Agenturen halten wie bisher.

Das Problem der Schuldnerstaaten sind die nicht Agenturen, sondern die Märkte und deren massive, vielleicht übertriebene Skepsis gegenüber südeuropäischen Staatsanleihen. Doch wer sich über Jahre hoch verschuldet, wird auch von den Launen des Gläubigers abhängig.

Statt billige Sündenböcke zu suchen, gibt es nur einen Ausweg: die Hausaufgaben zu machen und die Schulden einzudämmen. Das sollten auch die verantwortlichen Politiker wissen.

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25 Postings
Ratingagenturen sind keine Sündenböcke

sie sind Teil des irrationalen Wahnsinns, den wir "Finanzmarkt" nennen. Nationen sind keine Unternehmen. Ratingagenturen sind gar nicht in der Lage den Zustand einer Volkswirtschaft korrekt zu erfassen. Von Entwicklungen ganz zu schweigen.

Ratingagenturen sind dazu da, für die notorischen Krisenprofiteure Zinserträge festzulegen. Normale Menschen (also diejenigen, die wirklich etwas zum Fortbestand unserer Spezies tun anstatt sich am Leid zu bereichern) sollten Ratingagenturen ignorieren so wie Schulnoten. Wir brauchen die nicht. Wenn eine Nation Geld benötigt, soll sie sich dieses drucken. Fertig. Ist doch alles nur eine Frage des Glaubens.

Hat das ganze Elend nichtdamit angefangen

das die schlimmen Schuldnerstaaten Banken retten mußten die in von den Ratingagenturen hervorragend eingestuften Papiern investiert hatten???

im übrigen herr frey,

willkommen im "jahr des euros"...

naja ... er übliche gequirlte quark von hr "frey ...von vwl. sachverstand", denn hr hetzer (oberster eu-korruptionsjäger,

autor des buches "finanzmafia) sieht dies ganz anders : „Der US-Kongress konstatiert in seinem aktuellen Bericht, dass zum Teil bewusst gute Ratings vergeben wurden, um keine Kunden zu verlieren. Das ist ja nahezu ein perfektes Beispiel für organisierte Kriminalität“. (FORMAT 25, 2011, Seite 34).

der beweis ...für das "orgnaisierte verbrechen" ist seit der subprime krise längst x - mal erbracht.

im neuen us-finmarktregulierungsgesetz sollten die ratingagenturen als "experten" eingestuft werden : nach 2 wochen lobbying war davon keine rede mehr, d.h. sie äussern nur ihre "meinungen" . . .
und vor solchen völlig getürkten ... meinungen
erzittern alle premiers europas ? ? ?

Eine wirklich relevante europäische Ratingagentur als Gegengewicht zu den amerikanischen Organisationen zun installieren, ist nichts anderes als der Versuch, "den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben"!

Es geht nicht darum, die "Allmacht" und den Einfluss der Ratingagenturen per se zu verringern, sondern darum, sie einfach obsolet werden zu lassen, indem man die Ratingagenturen und ihre Tätigkeit ignoriert!

Die "Ratings", also auf gut Deutsch die Einstufungen, sollten eigentlich auch von jedem Finanz- und Wirtschaftsministerium und von jedem durchschnittlichen Volkswirtschaftsexperten erstellt werden können, sofern man die betreffenden Daten zur Verfügung hat...

Dank den Ratingagenturen!

Die bewegen endlich etwas in Richtung Reformen. Wenn im Parlament alleine die Raiba Clubstärke hat kann man abschätzen wieviele Bankster da noch drinnen sind - Zusammen mit den Profipolitbeamten eine unheilvolle, Gemeinwohl schädigende Mischung.

Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen.

So schlimm wie sie, lieber Herr Frey, haben wohl nicht einmal unsere Politiker die Krise verkannt. Waren es nicht sie, der schon vor einem Jahr die Euro-Krise für beendet erklärt hat? Dazu passt auch ihre damalige, absurde Prognose zum Goldpreis. Sie wollen einfach nicht wahrhaben, daß eine verheerende Geldentwertungspolitik im Gange ist, mit der man die Probleme lösen möchte.

Es mag durchaus sein, dass Ratingagenturen in den Anfängen durchaus positiv zu bewerten waren.
Im Laufe der Zeit - und nach deutlichem Mangel an Kontrolle - sind sie aber nun der Nagel zu so manchem Sarg (und sie handeln im Auftrag der Sarg- und Nägelmacher).
Eines der Symptome einer ungebildeten "demokratischen Gesellschaft" die sich selbst aus allen Kontrollgremien entfernt hat, weil es zu wenig "spaßig" ist!

Gerät man als Privatperson in Zahlungsschwierigkeiten und legt einen Sanierungsplan vor, würde es wohl wenig helfen, wenn die Bank feststellt, dass man - oh welch Wunder - nicht mehr zu den A Kunden gehört, deshalb postwendend die Zinsen erhöht und den Sanierungsplan zunichte macht.
Genau das tun Ratingagenturen. warum sollte dies also bitte NICHT als letzklassig gewertet werden und warum sollte Europa als Betroffene nicht mit aller Macht dagegen vorgehen?

seh ich auch so. Hab ich auch zu einem anderen Artikel geschrieben. Aber wir haben hier so eine Sündenbock-Mentalität, da führt anscheinend kaum ein Weg vorbei.
Ob das mit einem christlichen Erbe zu tun hat, wo es ja immer schuldige Menschen geben muss?
Darauf folgt dann der Erlösungsplan und so weiter...

Man könnte meinen , bei dem Artikel handle es sich um Bezahlte Werbung !

Am Beispiel Irlands sieht man doch am besten , wie eine aufstrebende Wirtschaft zum Spielfeld der Banken und Börsen gemacht worden ist . Da geht es wirklich um das ganz große Geld.
Für den Kick von weltweit ein paar Profiteuren , denen es längst nicht mehr um die Milliardengewinne geht , sondern um skrupellose Macht.
Es muß dringend Schluß gemacht werden mit Institutionen wie diesen , die ganze Volkswirtschaften , genaugenommen die ganze Welt zum Spielball einiger weniger machen !
Wenn erst alles in Scherben liegt, werden die sich als erste achselzuckend abwenden .

Eine detailiertere Durchleuchtung der Tätigkeiten von Ratingfirmen zeigt, wie korrupt das System ist.

Eine tiefgehendere Analyse kommt zu Recht zu einem anderen Urteil als jenes von Herrn Krisenfrey. Es gibt enorme Verfilzungen zwischen den Ratingagenturen und den Profiteuren des Ratings, großen Investmentbanken und Firmen.

http://www.nrhz.de/flyer/bei... p?id=16292

http://www.nrhz.de/flyer/bei... p?id=16322

Volkswirtschafter Manfred Gärtner, Professor an der Universität St Gallen, glaubt auch nicht so sehr an Strukturprobleme in Europa. Er ist Hauptautor einer kürzlich veröffentlichten Studie, nach der die Rating-Agenturen die PIGS-Staaten, also Portugal, Irland, Griechenland und Spanien, übertrieben pessimistisch bewertet haben:

http://www.zeit.de/wirtschaf... w-Gaertner

ministrant??

also, wenn man weiss, wie viel "insider" knowledge für ratings herangezogen wird,..und dann noch überall herumposant wird, und die eigenen investoren scchon vorab informiert, die dann die große kohle absahnen,..
dann kann man nur sagen,..korruption in reinkultur.

die ratingagentur verbündet sich mit den erben,bestimmt den todestag, verkündet den dann vorab,.. und kassiert.

was das mit freier marktwirtschaft zu tun hat, ist mir entgangen,..
man könnte ja auch eine ratingagentur für printmedien einführen, mal sehen , ob dann der kommentar auch so unterwürfig ausfallen würde...

Verbrechen am Steuerzahler

ist die Möglichkeit auf Zinsen zu spekulieren und überhaupt Zinsdifferenzen zwischen Euro-Ländern zu erlauben. Die Agenturen sind nur bewährte Handlanger der Spekulanten.

Und warum werden dann die Bewertungskriterien nicht endlich offen gelegt?
Oder sind die ähnlich sinnvoll wie die Kennzahl der EK Quote?
Was für ein Scherz...

Das Geschäftsmodell der Ratingagenturen ist korrupt, und wäre da nicht Barack Bankertool Obama, dann sähen wir diese Leute reihenweise ins Gefängnis wandern.

Werden wir jemals mündig,

wenn uns dauernd jemand vorkaut, wie wir sind?
Oder schlimmer, wie wir WAREN? Ws wir tun müssen. Was uns schlecht bekommt?
Wir schauen nicht mehr beim Fenster hinaus, sondern ziehen uns nach dem Wetterbericht von an?

Hätte Moody's wirklich schlaue predictive models, würden diese nicht unendlichen Reichtum ermöglichen?

Oder messen sie nur die Temperatur unterm Arm von Staaten?

solange nicht auch die USA herabgestuft wird ist das alles einfach nur unglaubwürdig...

sehr wahrscheinlich haben griechenland und co es verdient aufgrund schlechterer wirtschaft herabgestuft zu werden, aber wie gesagt - solange nicht auch die schUldeSA richtig dargestellt wird macht es einfach den anschein als würden die ratingagenturen gegen europa arbeiten...

USA ist aber in eigener Währung verschuldet

über die sie mit der FED das Monopol hat. Sie kann davon jederzeit immer soviel ausgeben, wie sie es für nötig hält (abgesehen von der selbst auferlegten und immer wieder ausser Kraft gesetzten Schuldengrenze). Im Gegensatz dazu sind die EWU Staaten quasi in einer fremden Währung verschuldet und der EZB hat man dummerweise verboten die Eurostaaten (offiziell) direkt mit Geld zu versorgen. Und da das alle wissen (bis auf unsere Eurobosse), kann daher auch gegen sie mit Erfolg spekuliert werden. Was würden die "Märkte" sagen wenn morgen die EZB Kredite zu sinnvollen Zinsen vergeben würde? Die Spekulation hätte ein sofortiges Ende. Eine Fiat Währung macht so etwas möglich. Allen Defizit-Terroristen und Inflationsbefürchtern zum Trotz.

Spät aber doch--> brillant!

Griechenland: Schuldenstand irgendwo zwischen 140 und 160% BIP, USA leicht unter 100 (Italien um die 120). Die Amis sitzen zudem auf der Weltersatzwährung. Und wem nimmt man im Ernstfall wohl eher ab, mit einer Krise fertig zu werden? Eine Herabstufung wurde den USA übriges schon angedroht.

unbegrenzt

Griechenland verfuegt doch ueber praktisch unbegrenzte Sicherheiten. Die ganze EU haftet fuer deren Schulden - wie sollte es da ernsthaft einen schlechten Status geben?
Wer haftet fuer die USA?

Die ganze EU haftet? Wofür? In der ganzen EU ist praktisch jeder der Meinung, dass es einen Schuldenschnitt geben wird. In Brüssel liegen zur Zeit nur die Nerven blank, und man versucht Zeit zu gewinnen. Niemand glaubt daran, dass die Griechen das stemmen, wohl nicht einmal in Athen.

Jetzt ist Eric Frey wieder der Alte! Dazwischen hat er ja mit durchaus kritischen Kommentaren aufhorchen lassen. Aber jetzt wieder alte Marke: neoliberaler USA-Verteidiger!

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