Ratingagenturen – die falschen Sündenböcke

Die Herabstufungen von Griechenland & Co. kommen eher zu spät als zu früh und sind nicht Schuld an der Krise

Wenn es irgendeinen Beweis gibt, dass Europas Politiker die Tiefe der Euro-Schuldenkrise nicht sehen und sich um ernsthafte Lösungen drücken, dann ist es das Kesseltreiben gegen die amerikanischen Rating-Agenturen.

Immer öfter, und von immer höher gestellten Persönlichkeiten, werden Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch für die Probleme der Schuldnerstaaten verantwortlich gemacht, weil sie angeblich durch Herabstufungen zur inopportunen Zeit die Chance auf eine finanzielle Sanierung zunichtemachen.

Deshalb sollen nun die drei großen Agenturen zerschlagen werden, deshalb soll eine europäische Ratingagentur als Konkurrenz her, fordern etwa die EU-Kommissare Viviane Reding und Michel Barnier.

 Gewürzt werden die Attacken mit einer großen Prise Anti-Amerikanismus. Hier würden Amerikaner ein großes europäisches Projekt zerstören. Es dürfe nicht sein, so Reding, „dass ein Kartell dreier US-Unternehmen über das Schicksal ganzer Volkswirtschaften und ihrer Bürger entscheidet". Dass die dritte Agentur Fitch im mehrheitlich französischen Besitz ist, wird dabei gerne übersehen.

Nun kann man den Ratingagenturen einige Vorwürfe machen, wie das auch in den USA geschehen ist (siehe Bild der Kongressanhörung). Jahrelang haben sie komplexe amerikanische verbriefte Papiere (Asset-Backed Securities, Collateral Debt Obligations) viel zu hoch bewertet und dadurch zur Schuldenkrise beigetragen. Gleichzeitig haben sie Staatspapiere der europäischen Schuldnerstaaten viel zu optimistisch gesehen und das Risiko eines Staatsbankrotts ignoriert.

Das waren kapitale Fehler, für die die Rating-Agenturen zur Rechenschaft gezogen werden sollten – von den privaten Investoren, die jahrelang in falscher Sicherheit gewogen wurden. Interessanterweise haben die Agenturen aber das Vertrauen ihrer Zielgruppe nicht verloren. Wahrscheinlich, weil sie aus Fehlern gelernt haben, weil es keine gute Alternative gibt, und weil für einen privaten Fonds ein Rating kein Urteilsspruch, sondern nur eine  von mehreren Indikatoren für die Einschätzung von Risiken darstellt. Dies hat man etwa am Mittwoch gesehen, als irische Papiere trotz der jüngsten Senkung mehr Wert wurden und nicht weniger.

In vielen anderen Fällen folgen die Märkte auf die Einschätzung der Rating-Agenturen. Aber auch hier ist bei mittelfristigen Bewertungen viel mehr Korrelation – also gleichzeitige Bewegung – als Kausalität im Spiel. Weder haben die Agenturen Informationen, die andere nicht haben, noch sind sie eine unbedingte Autorität.

Die jetzigen Herabstufungen von Staatsbonitäten sind sicher nicht voreilig – wenn, dann kommen sie zu spät. Wer hat eigentlich Zweifel daran, dass Griechenland in akuter Insolvenzgefahr ist?

Ist es nicht tatsächlich realistisch, dass Irland ein zweites Hilfspaket benötigt, weil auch angesichts der Griechenland-Krise eine rasche Rückkehr von Staaten, die einmal Hilfe unter dem Euro-Rettungsschirm gesucht haben, von Tag zu Tag unwahrscheinlicher wird?

Und hätten bei Italien angesichts der massiven Staatsverschuldung und der zunehmend gelähmten politischen Führung schon lange die Alarmglocken läuten sollen?

Die Ratingagenturen für die Fiskal- und Wettbewerbsprobleme der Staaten verantwortlich zu machen oder auch nur für die Schwierigkeiten, Staatsschulden im Finanzmarkt zu finanzieren, ist absurd.

In einem Punkt haben die Kritiker recht: Weder die Europäische Zentralbank noch die Bankaufsichtsbehörden sollten die Ratings so wichtig nehmen, wie sie das in der Vergangenheit getan haben.  

Aber bereits jetzt hält sich die EZB nicht mehr an die Ratings, wenn sie entscheidet, welche Staatspapiere sie als Sicherheit für Kredite an Banken akzeptiert. Und auch die neuen Eigenkapitalvorschriften unter Basel III werden sich wahrscheinlich nicht mehr so sklavisch an die Ratings der drei Agenturen halten wie bisher.

Das Problem der Schuldnerstaaten sind die nicht Agenturen, sondern die Märkte und deren massive, vielleicht übertriebene Skepsis gegenüber südeuropäischen Staatsanleihen. Doch wer sich über Jahre hoch verschuldet, wird auch von den Launen des Gläubigers abhängig.

Statt billige Sündenböcke zu suchen, gibt es nur einen Ausweg: die Hausaufgaben zu machen und die Schulden einzudämmen. Das sollten auch die verantwortlichen Politiker wissen.

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