Zwischen Sorgen, Stärke und Solidarität

24. Mai 2003, 14:48
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Herausforderungen für Frauen in einer globalisierten Wirtschaft und das sich wandelnde Konzept der "Sicherheit"

Wien - "Veränderung, Mitbestimmung und Gendergerechtigkeit: Feministische Herausforderungen in einer globalisierten Wirtschaft" ist das Thema der diesjährigen internationalen Jahreskonferenz von WIDE in Wien (noch bis 25. Mai).

Die Situationsanalysen von Frauen aus Afrika, Asien, Lateinamerika, Osteuropa und Westeuropa sowie aus den Vereinigten Staaten lassen einen Grundtenor klar deutlich werden: "Es gibt nicht viel zu lachen, aber wir geben nicht auf." Aus den Beiträgen der hochkarätigen Referentinnen aus aller Welt zum Thema "Vom Reagieren zum Agieren" ging hervor, dass wir uns international mitten in einem riesigen Umbruch, vergleichbar mit der Zeit rund um den zweiten Weltkrieg, befinden.

"Sicherheit" neu definieren

Die enge Verknüpfung sogenannter "(inter)nationaler Sicherheitsmaßnahmen", der Wirtschaft mit neuen Fundamentalismen scheinen die durch lange Kämpfe erreichten Menschenrechte mehr und mehr zu entkräften. Diese sich zunehmend verschlimmernde Situation verlangt, sich auf allen Ebenen für die Einhaltung der ökonomischen, sozialen und kulturellen Menschenrechte, die spezifischen Menschenrechte von Frauen, einzusetzen und auch den Begriff der "Sicherheit" neu zu definieren.

Lobbying im herkömmlichen Sinn nicht mehr ausreichend

Auf den verschiedenen nationalen Ebenen geht es um Strategien, die EntscheidungsträgerInnen zu erreichen. Aber die Interaktion zwischen Zivilgesellschaft und Regierungen, oder Lobbying im herkömmlichen Sinn, reicht schon lange nicht mehr um auf die Rechte von Frauen aufmerksam zu machen. Die Verschiebung der Machtstrukturen, vor allem seit dem 11. September, sind eklatant. Die 180 Teilnehmerinnen aus aller Welt waren sich in einem Punkt völlig klar: Zentrales Augenmerk in diesem Spiel der Macht wird es sein, die Rolle der Vereinten Nationen genau zu beobachten und die Frauenrechte in den diversen Organismen zu stärken. Sicherheit dürfe nicht als "nationale Sicherheit" definiert werden, die militärische Schläge gegen angebliche Terroristen forciert. Sicherheit ist ein Konzept, dass die Erfüllung der Menschenrechte für alle beinhaltet. Der Bogen spannt sich vom Recht auf Ernährung, über das Recht auf Bildung, auf reproduktive Gesundheit und viele andere, in internationalen Verträgen verankerte Rechte, die den Menschen ein Leben in Würde ermöglichen.

Marianne Holzner, Vorsitzende von WIDE International: "Wir haben den Konsens darüber erreicht, dass die Vereinten Nationen in diesem Machtspiel sehr wichtig sind. Tiefste Besorgnis drücken wir über die zunehmende Militarisierung der Welt aus, über den amerikanischen Unilateralismus, der mit der Diffamierung progressiver Kräfte einhergeht. Es wird dazu ermuntert, jede Bewegung als terroristische Gefahr abzustempeln."

"Schätze aus dem 20. für das 21. Jahrhundert"

Das Panel am Nachmittag brachte unter dem Titel "Schätze aus dem 20. für das 21. Jahrhundert: Rückblick auf Strategien, strategische Räume und Allianzen" eine Bandbreite an Erfahrungen für die Konferenzteilnehmerinnen. Johanna Dohnal, die ehemalige österreichische Frauenministerin, Charlotte Bunch, die Direktorin des Center's for Women's Global Leadership, und Nelcia Robinson aus Trinidad&Tobago von der Caribbean Association for Feminist Research and Action - CAFRA, schöpften aus ihrem reichen Erfahrungsschatz von dreißig Jahren Geschichte der Frauenrechte.

Die internationale Frauenrechtsbewegung wird derzeit einerseits durch große, gemeinsame Sorgen vereint, was die Weltsituation betrifft. Andererseits gibt es aber auch ein Gefühl der Stärke, eine große Solidarität zwischen Nord und Süd, zwischen Ost und West. Das stellten die Teilnehmerinnen fest. Die Unterschiede seien nichtig, da alle Frauen im globalen Boot des Neoliberalisierungsrausches strukturell sehr ähnliche Probleme erleiden. "La luta continua", so Holzner. "Auf verschiedensten Ebenen und Fronten. Aber trotz aller Sorgen haben wir als Frauenbewegung auch Vertrauen, dass wir den Weg für negative Kräfte nicht so schnell freigeben werden."

Rückschau - Folgen für Frauen

Am ersten Tag der internationalen Jahreskonferenz ging es darum, die Welthandelsorganisation als Institution aus feministischer Sicht und einer Perspektive der Menschenrechte zu analysieren. Verschärfte Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, der Verlust der Lebensgrundlagen, der Verlust von Land, der Zusammenbruch der Subsistenzwirtschaft, eine immer größer werdende Arbeitsbürde und zunehmende Armut sind die Folgen für Frauen, die weltweit zu beobachten sind.

Besonders schlimm seien die Auswirkungen des Landwirtschaftsabkommen (AOA), innerhalb des General Agreement on Tariffs and Trade (GATT), weil es den Zwang zu Nahrungsmittelimporten und der Aufhebung staatlicher Subventionen für die nationale Landwirtschaften enthalte, erklärten die Organisatorinnen in einer Aussendung. Frauen werden an den Rand gedrängt, verlieren ihre Lebensgrundlage als Bäuerinnen und können die Ernährung ihrer Familien nicht mehr sicherstellen. Das bedeutet für Millionen von Menschen die Verletzung ihres Rechtes auf Ernährungssicherheit, das auch von der FAO eingefordert wird.

Ungeheure ökologische Verluste

Das Abkommen über handelsbezogene Aspekte geistiger Eigentumsrechte, auch als TRIP's bekannt, besteht aus verschiedenen Instrumenten zum Schutz geistigen Eigentums. Aufgrund dieses Abkommens können transnationale Konzerne nicht nur exklusive Rechte über Saatgut erwerben, sie können sogar Produkte jahrtausendelanger Kultivierung, indigenes und traditionelles Wissen als Biopiraten stehlen. Vor allem indigene Frauen verlieren so jegliches Recht über ihr Jahrtausende altes Wissen. Marginalisierung und ungeheure ökologische Verluste zeichnen sich ab.

GATS betrifft alle

Das General Agreement on Trade in Services (GATS), das derzeit unter Ausschluss der Öffentlichkeit innerhalb der WTO und auch in der EU verhandelt wird, ist ein Abkommen über die Privatisierung der Dienstleistungen. Dazu gehören nicht nur Informations- und Kommunikationsbereich, sondern auch die Bildung, soziale Einrichtungen, Transportwesen, die Wasserversorgung, und vieles anderes mehr. Die Zivilgesellschaft ist von diesen wichtigen Prozessen und Entscheidungen weder informiert, noch darin eingebunden. Beispiele aus den Ländern des Südens zeigen, dass die Privatisierung lebenswichtiger Grundlagen, wie zum Beispiel der Wasserversorgung, oft katastrophale Folgen hat. In Bolivien, Puerto Rico und auch Argentinien resultierte die Privatisierung dieses kostbaren Gutes in der Verdoppelung der Preise und Verschlechterung der Qualität. Aufstände der armen Bevölkerung, die sich daraufhin Wasser nicht mehr leisten konnte, waren die Folge. Bis 2005 soll GATS von der WTO umgesetzt werden und dies betreffe uns alle: "Das Wasser im 21. Wiener Gemeindebezirk ist übrigens von Amerika geleast..."

Strategien der Frauenbewegung in Überlegung

In erster Linie sind Frauen sind die großen Verliererinnen im Globalisierungsprozess. Sie stellen mit 70 Prozent auch den Großteil der ärmsten Weltbevölkerung. Aber: die alten Strategien der Bewegungen der Zivilgesellschaft scheinen keine Wirkung zu haben, nicht einmal die schon sehr starke Antiglobalisierungsbewegung wird beachtet. Um die Allmacht der WTO einzudämmen, scheint der einzig richtige Weg, die ökonomischen, sozialen und kulturellen Menschenrechte vehement einzufordern.

WIDE

Das internationale Netzwerk Women in Development Europe (WIDE) ist ein europäisches Netzwerk von Gender Spezialistinnen, aktiven Frauen aus Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) im Bereich Entwicklungszusammenarbeit und Menschenrechtsaktivistinnen. Weltweit setzt sich WIDE für Empowerment von Frauen ein. Ein Arbeitsbereich ist das Economic Literacy Projekt. Im Rahmen dieses Projektes werden derzeit 25 Frauen aus Asien, Afrika, Lateinamerika und der Karibik, Osteuropa und dem Nahen Osten als Trainerinnen im wirtschaftlichen Bereich ausgebildet. Sie haben bereits den ersten Konferenztag gestaltet.
(red)

  • Um über feministische Herausforderungen in einer globalisierten Wirtschaft zu diskutieren und von eigenen Erfahrungen zu erzählen, sind zahlreiche Frauen aus der ganzen Welt nach Wien gekommen.
    foto: wide

    Um über feministische Herausforderungen in einer globalisierten Wirtschaft zu diskutieren und von eigenen Erfahrungen zu erzählen, sind zahlreiche Frauen aus der ganzen Welt nach Wien gekommen.

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