"Menschen gejagt und wie Wild gegessen"

24. Mai 2003, 15:01
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Neue Gräueltaten im Nordosten des Kongo - UNO schickt Beobachterteam - Mit Kommentar

Bunia/Wien - Neue Gräueltaten wurden am Freitag aus der Bürgerkriegsregion im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo bekannt. Dort liefern sich nach dem Abzug der ugandischen Besatzungsarmee die Völker der Hema, die mehrheitlich Viehzüchter und Händler sind, und der Lendu, die Ackerbau betreiben, seit Anfang Mai einen Ausrottungskrieg.

Beiden Seiten werden entsetzliche Verbrechen, darunter auch Kannibalismus, vorgeworfen. "Wir haben Grausamkeit, Massaker und Völkermord erlebt", erklärte Sinafasi Makelo als Vertreter der Mbuti-Pygmäen, die in den Wäldern der Ituri-Region leben, in New York: "Aber wir haben vorher noch niemals erlebt, dass Menschen wie kürzlich geschehen gejagt und wie Wild gegessen werden." Er forderte die Vereinten Nationen auf, ein internationales Tribunal zur Verfolgung der Verbrechen einzusetzen.

Makelo reiste als Vertreter seines Volks zu einer Anhörung des Ständigen UN-Forum über Indigene Fragen (PFII) nach New York. Den Kannibalismus-Vorwurf richtete er sowohl gegen reguläre Soldaten der kongolesischen Streitkräfte als auch gegen Angehörige von diversen Rebellengruppen sowie gegen Stammeskämpfer der Hema und Lendu.

Die britische BBC bestätigte diese Vorwürfe, wies jedoch darauf hin, dass viele der bisher gefundenen Leichen durch Machetenhiebe so stark verstümmelt seien, dass der Vorwurf des Kannibalismus nicht hundertprozentig überprüfbar sei. Es sei überdies auch möglich, dass streunende Hunde oder andere Tiere Leichenteile gefressen hätten.

Massengräber in Bunia entdeckt

In der Stadt Bunia, dem Mittelpunkt der Kämpfe in der Region Ituri, hätten Angehörige der UNO-Blauhelm-Mission in Kongo (MONUC) und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen am heutigen Freitag erneut Massengräber entdeckt, teilte eine MONUC-Sprecherin mit.

Zudem hätten sie bei den Begehungen in zwei Stadtvierteln auch "zahlreiche ausgebrannte Häuser" gesehen. Es sei durchaus möglich, dass es auch in anderen Vierteln Massengräber gebe; die Zahl der Toten könne deshalb noch "sehr viel höher" werden. Wie die UNO-Mission am Donnerstag mitgeteilt hatte, waren seit dem 4. Mai mehr als 310 Tote in Bunia geborgen worden, bei denen es sich überwiegend um Zivilisten gehandelt habe. Am Mittwoch war bereits ein Massengrab mit etwa 30 Toten entdeckt worden.

Carolyn McAskie, stellvertretende Nothilfe-Koordinatorin der UNO, sah bereits den "Schatten Ruandas", als "Männer, Frauen und Kinder ihre Nachbarn angriffen". Sie berichtete, dass sich in der Umgebung der Bezirkshauptstadt Bunia ganze Dörfer gegenseitig abschlachtet hätten. In Ruanda war es 1994 zu einem Genozid am Volk der Tutsis gekommen, bei dem die damals regierenden Hutus auch Andersdenkende ihres eigenen Volkes ermordeten.

Das Nachbarland Ruanda unterstützt heute die größte Rebellenorganisation "Kongolesische Sammlungsbewegung für die Demokratie" (RCD) und die Hema, während Uganda auf der Seite der Lendu steht. Die beiden Länder haben nach jahrelanger Truppenpräsenz in Kongo nach eigenen Angaben in der Folge des Friedensabkommens ihre Soldaten zurückgezogen.

UNO entsendet Beobachter

Angesichts der verheerenden Kämpfe verfeindeter Volksgruppen im Nordosten Kongos haben die Vereinten Nationen ein Beobachterteam in die Region entsandt. Die Experten der UNO-Blauhelm-Mission in Kongo (MONUC) sollen sich nach dem Fund von mehr als 300 Leichen in der umkämpften Stadt Bunia ein Bild von der Lage vor Ort machen, wie eine MONUC-Sprecherin am Samstag in der kongolesischen Hauptstadt Kigali mitteilte. Wenn es die Lage erlaube, sollen sie sich mindestens zehn Tage in der Region aufhalten.

Unterdessen trafen Offiziere der französischen Streitkräfte weiterhin Vorbereitungen für die Entsendung einer internationalen Stabilisierungstruppe. Etwa 700 UNO-Soldaten aus Uruguay sind derzeit in der Region im Einsatz. (red/Gerhard Plott/DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.5.2003)

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    Die seit sechs Jahren andauernden diversen Konflikte in der Demokratischen Republik Kongo sind nach Angaben der UNO mit bislang rund 2,5 Millionen Todesopfern die schlimmste kriegerische Auseinandersetzung der Gegenwart.

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