+++PRO&CONTRA--- Pediküre

24. Oktober 2003, 14:14
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Also: Der Anfang war hart. So sehr die Vorstellung auch meine Fantasie beflügelte, über Jahre hinweg dominierte die nackte Angst den Wunsch, wildfremde Leute an intimste Körperstellen zu lassen

+++PRO

Von Markus Mittringer

Also: Der Anfang war hart. So sehr die Vorstellung auch meine Fantasie beflügelte, über Jahre hinweg dominierte die nackte Angst den Wunsch, wildfremde Leute an intimste Körperstellen zu lassen. Und so musste ich eben immer wieder selber ran. Doch mit jedem Mal wuchs die Ahnung, dass da mehr drin sein müsste, dass ein Service durch dritte zu noch weitaus befriedigenderen Ergebnissen führen sollte. Allein, meine Liebsten darum zu bitten, kam nicht in Frage. Das hätte alles erschüttert - nicht nur ob einer eventuell schroffen Abfuhr. Schließlich war doch meine gesamte behutsam begleitete Einführung in das Mensch-Sein darauf hin ausgerichtet, selbsttätig zu werden, autonom in jeder Lebenslage.

Gerüstete mit dem Basiswissen um leibfreundliche Kulturtechniken galt es nun einmal, einsam den Helden zu geben, Erfahrungen zu sammeln, so schmerzhaft die auch sein sollten. Und in der Tat musste ich feststellen, dass jedes Heranwachsen untrennbar mit Einwachsen verbunden ist, dass die dicke Haut, die man sich zulegen soll, bisweilen unangenehm, ja ekelhaft ausfällt. Und: Das Herumfummeln am Selbst mit allerhand Hilfsmittel und Hygieneartikel in radikal gebückter Haltung hat schon etwas Erniedrigendes.

Ich fasste Mut, suchte und fand ein entsprechendes Studio, umkreiste es unauffällig für mehrere Wochen, trat schließlich zittrig und gerötet ein. Das ist jetzt auch schon wieder fast zwanzig Jahre her, und seitdem lasse ich nur mehr die Chefin - Frau Erni - an meine Zehen und dazwischen. (Während Frau Rosa an meinen Nägeln feilt.)

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---CONTRA

Von Gerhard Plott

Keiner redet darüber, wir schon. Oft, wenn wir tagträumend dahindösen, bricht die Natur in uns durch, dann erwacht das Herrenherz: Rebellen sind wir doch in unserem Innersten, Freiheitskämpfer, die dieser undankbaren Welt ein kategorisches Nein entgegenschmettern, Aufrührer, die auf Konventionen pfeifen - kraftvolle, kernige Naturburschen, ja so sind wir Männer eben.

Wir lassen uns von niemandem sagen, dass Mittel gegen Schuppen bereits erfunden sind, wir genieren uns nicht für Foetor ex ore, den Mitbürger Mundgeruch nennen, wir schätzen unsere Socken auch dann, wenn sie schon alleine stehen können. Und überhaupt: Die Unterwäsche wechseln wir, wenn wir wollen. Männer sind nämlich natursauber, das gibt Sicherheit, wir sind bio. Außerdem ist der Mann an sich völlig uneitel, von Karl-Heinz Grasser einmal abgesehen.

Deshalb fällt es Männern leicht, auf Unnötiges zu verzichten. So braucht man uns mit Hornhaut-Hobel oder Zehenwaschung gar nicht erst zu kommen. Das Bisschen, was wir an Pediküre brauchen, machen wir uns immer noch selbst; zumindest so lange, wie wir über die Leibesmitte hinweg die Zehen erreichen. Unsere Füße gehören uns, da kennen wir Bonvivants rein gar nichts, und wie es im Schuh aussieht, geht niemanden etwas an. Einige von uns sagten "Schau mir in die Augen, Kleines" und meinten dabei sicher nicht die Hühneraugen. Es ist doch wunderbar, ein echter Kerl zu sein.

Solche Tagträume enden oft abrupt. (Der Standard/rondo/23/05/2003)

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    foto: derstandard.at
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