Empörung in der Filmszene

23. Oktober 2003, 14:01
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Viennale-Leiter Hans Hurch für Boykott - Produzent Dumreicher-Ivanceanu: "Krasse Fehlentscheidung"

Cannes/Wien - Viennale-Leiter Hans Hurch berichtete aus Cannes von großer Empörung bei der dort beim Festival zahlreich versammelten österreichischen Filmszene auf die Bestellung der Diagonale-Intendanz am Donnerstag. Als "krasse Fehlentscheidung" bezeichnet Alexander Dumreicher-Ivanceanu von der jungen Wiener Produktionsfirma "Amour Fou" die Besetzung.

Es gehe nicht um die Frage, ob Miroljub Vuckovic und Tillmann Fuchs die richtigen Leute seien, meinte Hurch, sondern darum, dass die Neubestellung der Festivalleitung eine "zutiefst undemokratische, willkürliche, rachsüchtige Aktion" von Kunststaatssekretär Franz Morak (V) sei.

Boykott, Deutsch-Kenntnisse

Die österreichischen Filmschaffenden und Journalisten sollten daher die zukünftige Diagonale boykottieren: "Dann würde sichtbar werden, was Morak angerichtet hat. So traurig das für die Leiter ist. Aber das müssen sie akzeptieren, wenn sie sich zu Handlangern Moraks machen, und das sind sie".

Vuckovic sei "ein durchaus kompetenter guter Mann", so Hans Hurch, Fuchs kenne er nicht. "Tatsache ist allerdings, dass Vuckovic nicht Deutsch kann, das ist für ein österreichisches Festival schon seltsam." Man könne der zukünftigen Diagonale prophezeien, dass sie nicht funktionieren werde. Denn mit Dollhofer und Wulff werde auch der Großteil des gewachsenen Diagonale-Teams, das sich etwa um Marketing und Presse gekümmert und gemeinsam das Festival aufgebaut habe, nicht mehr zur Verfügung stehen.

Manieren, Farce

Die neuen Diagonale-Mitarbeiter würden "immer als von Morak eingesetzte Funktionäre gelten", vermutet Hurch, es werde in der Filmszene "Zurückhaltung, Ressentiments und Verweigerung der Zusammenarbeit" geben. Das sei bereits in Cannes spürbar, so Hurch, "die Empörung hier ist groß".

Es sei schon allein "eine Frechheit", dass Morak die Bestellung während des Filmfestivals von Cannes bekannt gebe, in einer Zeit also, in der viele österreichische Filmschaffende nicht in Österreich seien. "Das sind einfach schlechte Manieren."

Auch das Auswahlverfahren durch die Beratungsfirma Ecker + Partner sei "eine Farce gewesen", so Hurch. "Mir ist, seit ich mich mit Film beschäftige, kein Fall untergekommen, wo mit solcher Willkür und Inkompetenz in österreichische Filmkultur hineinregiert und zerstört wurde. Und das Nächste ist, dass es eine Novellierung des Filmförderungsgesetzes geben wird und einer Reihe von Institutionen das Gleiche blühen wird wie der Diagonale."

Produzent Dumreicher-Ivanceanu: "Krasse Fehlentscheidung"

Als "krasse Fehlentscheidung" bezeichnet Alexander Dumreicher-Ivanceanu, gemeinsam mit Gabriele Kranzelbinder Gründer und Geschäftsführer der derzeit in Cannes mit vier Filmen vertretenen jungen Wiener Produktionsfirma "Amour Fou", die Bestellung des neuen Diagonale-Leitungsteams. Vuckovic sei "ein persönlich und künstlerisch integrer und interessanter Filmkurator, aber nicht der richtige Mann für die Besetzung der Diagonale-Intendanz", die Wahl von Fuchs sei "ein völlig falsches Signal".

"Ich halte die Ausrichtung nach Südosteuropa für interessant, und dafür wäre Vuckovic auch sicher der geeignete Leiter, aber nicht im Rahmen der Diagonale", so Dumreicher-Ivanceanu. "So wird die Diagonale keine erfolgreiche für den österreichischen Film mehr sein. Vuckovic ist ein profunder Kenner des Films, aber nicht unbedingt ein Fachmann für das österreichische Kino."

Mit Fuchs werde "ein Mensch mit Managererfahrung, der vom kommerziellen Fernsehen kommt, aber dort nicht erfolgreich war", für die Diagonale geholt. Die Diagonale sei ein Film- und kein Fernseh-Festival, und Fuchs "ganz sicher keine Integrationsfigur" für die so heterogene wie erfolgreiche österreichische Filmszene. "Ich gehe davon aus, dass Fuchs den Löwenanteil der kommunikativen Arbeit mit der Filmszene leisten wird, und ich bezweifle, dass er dafür der richtige Mann ist. Man bräuchte eine oder zwei Integrationsfiguren, um diese Szene unter einen Hut zu bringen, so wie das Dollhofer und Wulff gelungen ist."

Bady Minck, in Österreich lebende Regisseurin aus Luxemburg und derzeit in Cannes mit ihrem Film "Im Anfang war der Blick" vertreten, sieht in dem neuen Konzept "eine Zerschlagung der Strukturen der Diagonale": "Das ist nicht mehr die Diagonale. Da entsteht etwas Neues, das nicht zu verurteilen ist. Ein zusätzliches Festival des osteuropäischen Films würde ich sehr begrüßen - aber wozu dafür die Diagonale zerstören?"

Lakonischer Kommentar

Die ehemaligen Leiter der Diagonale, Christine Dollhofer und Constantin Wulff, kommentierten die Bestellung mit einem Satz: "Die Entscheidung spricht für sich." (APA)

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