Viennale-Leiter Hans Hurch für Boykott - Produzent Dumreicher-Ivanceanu: "Krasse Fehlentscheidung"
Cannes/Wien - Viennale-Leiter Hans Hurch berichtete aus Cannes von großer
Empörung bei der dort beim Festival zahlreich versammelten österreichischen Filmszene auf die Bestellung der Diagonale-Intendanz am Donnerstag.
Als "krasse Fehlentscheidung" bezeichnet
Alexander Dumreicher-Ivanceanu von der jungen Wiener Produktionsfirma
"Amour Fou" die Besetzung.
Es gehe nicht um die Frage, ob Miroljub
Vuckovic und Tillmann Fuchs die richtigen Leute seien, meinte
Hurch, sondern darum, dass die Neubestellung der
Festivalleitung eine "zutiefst undemokratische, willkürliche,
rachsüchtige Aktion" von Kunststaatssekretär Franz Morak (V) sei.
Boykott, Deutsch-Kenntnisse
Die
österreichischen Filmschaffenden und Journalisten sollten daher die
zukünftige Diagonale boykottieren: "Dann würde sichtbar werden, was
Morak angerichtet hat. So traurig das für die Leiter ist. Aber das
müssen sie akzeptieren, wenn sie sich zu Handlangern Moraks machen,
und das sind sie".
Vuckovic sei "ein durchaus kompetenter guter Mann", so Hans Hurch,
Fuchs kenne er nicht. "Tatsache ist allerdings, dass Vuckovic nicht
Deutsch kann, das ist für ein österreichisches Festival schon
seltsam." Man könne der zukünftigen Diagonale prophezeien, dass sie
nicht funktionieren werde. Denn mit Dollhofer und Wulff werde auch
der Großteil des gewachsenen Diagonale-Teams, das sich etwa um
Marketing und Presse gekümmert und gemeinsam das Festival aufgebaut
habe, nicht mehr zur Verfügung stehen.
Manieren, Farce
Die neuen Diagonale-Mitarbeiter würden "immer als von Morak
eingesetzte Funktionäre gelten", vermutet Hurch, es werde in der
Filmszene "Zurückhaltung, Ressentiments und Verweigerung der
Zusammenarbeit" geben. Das sei bereits in Cannes spürbar, so Hurch,
"die Empörung hier ist groß".
Es sei schon allein "eine Frechheit",
dass Morak die Bestellung während des Filmfestivals von Cannes
bekannt gebe, in einer Zeit also, in der viele österreichische
Filmschaffende nicht in Österreich seien. "Das sind einfach schlechte
Manieren."
Auch das Auswahlverfahren durch die Beratungsfirma Ecker + Partner
sei "eine Farce gewesen", so Hurch. "Mir ist, seit ich mich mit Film
beschäftige, kein Fall untergekommen, wo mit solcher Willkür und
Inkompetenz in österreichische Filmkultur hineinregiert und zerstört
wurde. Und das Nächste ist, dass es eine Novellierung des
Filmförderungsgesetzes geben wird und einer Reihe von Institutionen
das Gleiche blühen wird wie der Diagonale."
Produzent Dumreicher-Ivanceanu: "Krasse Fehlentscheidung"
Als "krasse Fehlentscheidung" bezeichnet
Alexander Dumreicher-Ivanceanu, gemeinsam mit Gabriele Kranzelbinder
Gründer und Geschäftsführer der derzeit in Cannes mit vier Filmen
vertretenen jungen Wiener Produktionsfirma "Amour Fou", die
Bestellung des neuen Diagonale-Leitungsteams.
Vuckovic sei "ein persönlich und künstlerisch integrer und
interessanter Filmkurator, aber nicht der richtige Mann für die
Besetzung der Diagonale-Intendanz", die Wahl von Fuchs sei
"ein völlig falsches Signal".
"Ich halte die Ausrichtung nach Südosteuropa für interessant, und
dafür wäre Vuckovic auch sicher der geeignete Leiter, aber nicht im
Rahmen der Diagonale", so Dumreicher-Ivanceanu. "So wird die
Diagonale keine erfolgreiche für den österreichischen Film mehr sein.
Vuckovic ist ein profunder Kenner des Films, aber nicht unbedingt ein
Fachmann für das österreichische Kino."
Mit Fuchs werde "ein Mensch mit Managererfahrung, der vom
kommerziellen Fernsehen kommt, aber dort nicht erfolgreich war", für
die Diagonale geholt. Die Diagonale sei ein Film- und kein
Fernseh-Festival, und Fuchs "ganz sicher keine Integrationsfigur" für
die so heterogene wie erfolgreiche österreichische Filmszene. "Ich
gehe davon aus, dass Fuchs den Löwenanteil der kommunikativen Arbeit
mit der Filmszene leisten wird, und ich bezweifle, dass er dafür der
richtige Mann ist. Man bräuchte eine oder zwei Integrationsfiguren,
um diese Szene unter einen Hut zu bringen, so wie das Dollhofer und
Wulff gelungen ist."
Bady Minck, in Österreich lebende Regisseurin aus Luxemburg
und derzeit in Cannes mit ihrem Film "Im Anfang war der Blick"
vertreten, sieht in dem neuen Konzept "eine Zerschlagung der
Strukturen der Diagonale": "Das ist nicht mehr die Diagonale. Da
entsteht etwas Neues, das nicht zu verurteilen ist. Ein zusätzliches
Festival des osteuropäischen Films würde ich sehr begrüßen - aber
wozu dafür die Diagonale zerstören?"
Lakonischer Kommentar
Die ehemaligen Leiter der Diagonale,
Christine Dollhofer und Constantin Wulff, kommentierten die
Bestellung mit einem Satz: "Die Entscheidung
spricht für sich." (APA)