Der Schlieffenplan und Salzburg

8. August 2003, 21:41
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Ein Ohrwurm führt auf die 74. Unglaubwürdige Reise

Seit einigen schlaflosen Nächten ist der Name "Schlieffen" als Ohrwurm nicht wegzukriegen. Und wie die meisten Ohrwürmer ist er nicht aktuell, ungeeignet für jede Zeitungsseite. Deshalb. Im Brockhaus, Seite 4094, steht: "Alfred Graf von Schlieffen, preußischer Generalfeldmarschall (seit 1911), geb. Berlin 28. 2. 1833, gestorben ebd. 4. 1. 1913, von 1891 bis 1905 Chef des Generalstabs der Armee. Er sah die höchste Führungskunst in doppelseitiger Umfassung und anschließender Vernichtung des Gegners.

Der 1905 entwickelte Schlieffenplan sah für den Fall eines Zweifrontenkriegs vor, zunächst die Masse des Heeres im Westen einzusetzen und mit Schwerpunkt auf den Nordflügel durch das neutrale Belgien den linken französischen Flügel zu umfassen und das französische Heer gegen die Schweiz zu drängen. Dieser Plan wurde 1914 nicht konsequent durchgeführt. Der äußerste rechte Flügel sollte nördlich von Brüssel über die Ebenen Flanderns vorstoßen und am 22. Tag nach der Mobilmachung die französische Grenze erreichen."

Er hatte sich offenbar schon früh überschätzt und hatte wenig Fähigkeit, mit sich in seinem Umfeld zu existieren. Schlieffen arbeitete oft bis Mitternacht und las seinen Töchtern danach Werke der Militärgeschichte vor. Er war auf Truppenbewegung fixiert und hatte die Befürchtung, dass im Fall einer Heeresvermehrung Sozialisten aus den Großstädten seine Soldaten, unpolitische Bauernburschen, verderben könnten. Bis Mitternacht brütete er über den Karten Flanderns und der Ile de France.

Der Schlieffenplan, in dessen Details Österreich nicht informiert wurde, rechnete mit sechs Wochen Krieg. Die Stärke der belgischen Forts hatte Schlieffen beunruhigt. Schlieffen hatte in seinem Schubladenplan, in dem auf einer Karte Nordfrankreichs "ein starker rechter Flügel" eingezeichnet war, mit einem stärkeren Willen der Österreicher und einer schwächeren Heeresmacht der Russen gerechnet. - Wie kann irgendjemand mit einem stärkeren Willen der Österreicher rechnen?

Mit einer Möglichkeit des Scheiterns rechnete er nicht. Im ersten Tafelteil der Abbildungen im Buch des Militärhistorikers John Keegan starrt er schräg unter Hindenburg und links neben Ludendorff (beide hoch dekoriert) rat- und planlos in die Gegend.

Die Figuren unglücklicher und halbwegs glücklicher Pläne- und Planmacher ließen mich selten los. Und am wenigsten die von Alfred Graf von Schlieffen.

Diese Erinnerung hing mit einer den Schlachtfeldern des frühen Ersten Weltkriegs ganz entgegengesetzten Landschaft zusammen: mit einer Gegend, die in schlechten oder besseren Touristenführern als "das Salzburger Land" bezeichnet wird. Das blieb ziemlich lang eine entscheidende Landschaft. Zugleich mit Ingmar-Bergman-Filmen im regenüberfluteten Salzburg begann der Schlieffenplan ein Teil meiner Existenz zu werden.

Ich kam damals ohne ihn ebenso wenig aus wie ohne die Freundschaft der siebenundachtzigjährigen Hausbesitzerin in Großgmain, der ich zwischen 15 Uhr und 17.30 beim Frühstück Gesellschaft leistete. Sie war es auch, die an einem unerträglichen Föhntag den Schlieffenplan erwähnte. So wurde er mit einigen anderen Ab-und Aufsteigern fast lebenswichtig.

Er hatte sich offenbar schon früh überschätzt und hatte wenig Fähigkeit, mit sich in seinem Umfeld zu existieren. Die unauslöschliche Erinnerung an ihn verdanke ich der Stimme, die von ihm, Ingmar Bergman oder Dolly Haas erzählte. Und die selbst im Salzburger Land die Verlockung der Zwielichtigkeit ernst nahm, fast ernster als alles Übrige. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.5.2003)


Die nächste "unglaubwürdige Reise" wird kommenden Freitag angetreten.
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