Wachstumsvorsprung verloren

23. Mai 2003, 10:42
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Wifo: Österreich weist massive Defizite in Ausbildung und Forschung auf - Wachstumsfaktoren leiden an Budgetknappheit und Konsensverlust

Wien - Gemessen an der sehr guten Wohlstandsposition in Europa weist Österreich bei den für die künftige Entwicklung entscheidenden Wachstumsfaktoren - Forschung, Bildung, Wettbewerbsrecht - klare strukturelle Defizite auf. Trist schauen diese Standortfaktoren vor allem im direkten Vergleich mit den EU-Top-4- Ländern Schweden, Finnland, Dänemark und Niederlande aus. Zu diesem ernüchternden Ergebnis kommt eine Zusammenschau mehrerer Analysen des Wirtschaftsforschungsinstitutes, die bei einem Hintergrundgespräch präsentiert wurde.

Der stellvertretende Wifo- Leiter Karl Aiginger sagte: "Österreich ist ein Erfolgsland, aber an einem kritischen Punkt angelangt. Wir haben noch immer ein wenig Zaubertrank in uns, aber wir können uns nicht darauf verlassen, dass Miraculix ewig lebt."

Traditioneller Wachstumsvorsprung verloren

Verloren gegangen sei ab Mitte der 90er-Jahre der traditionelle Wachstumsvorsprung vor europäischen Mitbewerbern. Es sei wenig Trost, dass Deutschland und Italien noch schlechter dastünden. Die angesprochenen Wachstumsfaktoren litten unter der Budgetknappheit und dem Konsensverlust durch den Clinch Regierung gegen Sozialpartner.

Forschung

Die Analyse des F&E-Experten (Forschung & Entwicklung) Hannes Leo vom Wifo zeigt, dass die Bundesregierung zwischen 2002 und 2006 die Forschungsausgaben nur um 1,1 Prozent pro Jahr anhebt, während 1998 bis 2002 die jährliche Wachstumsrate bei 7,4 Prozent lag.

Seine Schlussfolgerung: Alle öffentlichen und privaten Forschungsausgaben müssten bis 2006 um 50 Prozent steigen, um das Regierungsziel einer Forschungsquote von 2,5 Prozent gemessen am BIP zu erreichen. Tatsächlich sei derzeit nur eine Steigerung (öffentlich und privat) von 16,3 Prozent aus den Budgetansätzen abzulesen. Aiginger ergänzte: Finnland habe seine F&E-Quote in zehn Jahren von 1,9 Prozent auf nun 3,4 Pro 4. Spalte zent gesteigert, Schweden von 2,8 auf 3,8 Prozent. "Zumindest einen Teil davon sollte auch Österreich schaffen."

Ausbildung

Auch in der Bildungslandschaft seien die Strukturdefizite nicht zu übersehen, insbesondere bei Absolventen in techniknahen Studienfächern. Überall anders in Europa stiegen in den naturwissenschaftlichen Fächern die Absolventenzahlen, in Österreich seien sie stagnierend bis fallend, so Wifo-Fachmann Martin Falk. Angeregt werden individuelle Lernkonten, bessere steuerliche Bildungsanreize sowie die bessere Anerkennung von Weiterbildunsgzertifikaten.

Wettbewerb

Last but not least werde das heimische Wettbewerbsrecht in seiner Bedeutung für Wirtschaftswachstum, spätere Forschungsintensität und für mehr Arbeitsplätze "deutlich unterschätzt", so Wifo-Experte Michael Böheim. Das erst im Vorjahr reformierte Wettbewerbsrecht lasse eine "einheitliche strategische Ausrichtung nicht einmal im Ansatz" erkennen. Die neu installierte Bundeswettbewerbsbehörde leide unter einem "kaum zu glaubenden Ressourcenmangel". Zumindest eine Verdopplung des derzeitigen Jahresbudgets von einer Million Euro wäre wünschenswert. (Michael Bachner, Der Standard, Printausgabe, 23.05.2003)

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    foto: montage/derstandard.at
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