Wenn die Kanalisation durch zuviel Wasser kollabiert

12. Juli 2011, 19:43
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Punktuelle Unwetter überfluten immer öfter ganze Landstriche, neue Abwassersysteme sind gefragt - In Wien, wo das Kanalsystem teils aus dem 19. Jahrhundert stammt, wird mittels Simulation am Computer nachjustiert

Wien - Wer im Südburgenland, in der Oststeiermark oder im Innviertel wohnt, kommt besonders oft vom Regen in die Traufe. Der Gegenpol zu den unwetterträchtigsten Regionen Österreichs ist der Alpenhauptkamm, hier regnet es am wenigsten. Generell gilt: Es regnet zwar nicht häufiger als früher, aber wenn, dann mehr. "In den vergangenen zehn Jahren haben die Niederschlagsmengen bei Wolkenbrüchen zugenommen", so Stefan Eisenbach vom Wetterdienst Ubimet.

Starkregenfälle im Juli haben etwa Rohrbach im Mühlviertel oder dem nördlichen Waldviertel schon jetzt so viel Wasser gebracht wie sonst im gesamten Monat. Für Mittwoch gilt fast fürs gesamte Bundesgebiet eine Unwettervorwarnung. Von Starkregen spricht man bei einer Regenmenge von mindestens fünf Millimetern innerhalb von fünf Minuten.

Nicht selten versinken betroffene Gemeinden nach den Überschwemmungen in finanziellen Schäden. Die Misere ist zumindest teilweise hausgemacht. Durch sorglose Widmung neuer Baulandflächen kommt es auch im ländlichen Bereich immer mehr zu einer Versiegelung der Landschaft, was ein Versickern Richtung Grundwasser verhindert. Da auch die meisten Kanalisationen nicht auf Starkregen ausgelegt sind, strömt der Niederschlag in ohnehin belastete Bäche und Flüsse - und fertig ist die Flut.

Nachrüstung mit Pumpanlagen

Ein Ausweg wäre, Kanalisationen mit Pumpanlagen nachzurüsten und Rückhaltebecken zu schaffen. Doch diese Variante ist sehr teuer. In Niederösterreich wurde deswegen der Leitfaden "naturnahe Oberflächenentwässerung" entwickelt. Im Prinzip handelt es sich dabei um ausreichend unbebaute Grünflächen entlang von Straßen. Das Problem: Die sogenannten Retentionsmulden müssen bis zu 20 Prozent der Gemeindefläche ausmachen.

Grundsätzlich sind die niederösterreichischen Kanäle auf Regenereignisse ausgelegt, die alle zwei bis fünf Jahre auftreten. Die Veränderungen seien aktuell "nicht so stark, dass man das System überdenken muss" , heißt es aus dem Büro von Landesrat Stephan Pernkopf (VP).

Wo mehr Beton und Asphalt ist, stellen sich andere Probleme. In Wien wurden in den letzten Jahren ganze Straßen und U-Bahn-Stationen überflutet. Die 2400 Kilometer Kanal, die unter der Stadt verlegt sind, kann man freilich "nicht von heute auf morgen umbauen" , sagt Josef Gottschall, Sprecher von Wien Kanal. Vielmehr gebe es 250 "Knotenpunkte" , an denen man Regulierungen vornehmen könne - allerdings nicht mit dem Schraubenzieher.

Eine Milliarde Liter Wasser

Vielmehr sitzen die Planer von Wien Kanal nach großen Unwettern in ihren Büros und simulieren anhand der Regendaten das Ereignis in einem digitalisierten Kanalnetz am Computer. Die Erkenntnisse daraus fließen in Baumaßnahmen ein. Ein wichtiges Regulierungsinstrument ist der sogenannte Wiental-Sammler unter dem Wienfluss, der bis zu eine Milliarde Liter Wasser aufnehmen kann. Beim Starkregen am 8. Juni war er zeitweilig zu 90 Prozent gefüllt. Grundsätzlich müsse man "darüber nachdenken, wo man den Kanal ausbauen muss" , sagt Gottschall, aber das unterirdische Netz könne "nie so groß gebaut werden, dass es jeden Regen abtransportieren kann". (Andrea Heigl, Michael Simoner, DER STANDARD; Printausgabe, 13.7.2011)

  • Die Ottakringer Straße nach einem Unwetter: Es regnet in den letzten Jahren zwar nicht öfter, wenn es regnet, dann aber ordentlich, sagen Meteorologen.
    foto: heribert corn

    Die Ottakringer Straße nach einem Unwetter: Es regnet in den letzten Jahren zwar nicht öfter, wenn es regnet, dann aber ordentlich, sagen Meteorologen.

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