Die Marktwirtschaft und "die Märkte"

Kolumne | Hans Rauscher, 12. Juli 2011, 18:32

Silvio Berlusconi stürzte sein Land und die EU in eine neue finanzielle Vertrauenskrise

Mit der Art von krimineller Dummdreistigkeit, die ihn lange an der Spitze der italienischen Politik gehalten hat, stürzte Silvio Berlusconi sein Land und die EU in eine neue finanzielle Vertrauenskrise. Mit ein paar Sätzen über seinen Finanzminister, dessen Sparprogramm man nicht so ernst nehmen sollte, gab der italienische Premier den Hetzhunden der internationalen Finanzspekulation das Zeichen: Wir sind reif. Und die EU-Wirtschaftspolitiker müssen wieder einmal versuchen, irgendwie den Super-GAU abzuwenden.

Die gefährliche Situation, in der sich wir alle, unsere Arbeitsplätze und unser Erspartes befinden, hat zwei Komponenten: erstens die Existenz einer internationalen Finanzindustrie, die sich von der Realwirtschaft losgelöst hat.

"Die Märkte" können aber nur so agieren, weil zweitens die Politik in den westlichen Ländern die strukturellen Grundlagen dafür geschaffen hat. Da ist zum einen die Philosophie des Deregulierens (der Finanzindustrie), die von den USA ihren Ausgang genommen hat. Seit den 90er-Jahren galt als neue überwölbende politische Ökonomie, dass "die Märkte" schon wüssten, was am besten sei, bzw. die "unsichtbare Hand" alle Ressourcen richtig leiten würde. "Die Märkte", nicht der "Markt". "Die Märkte" haben sich von dem, was einmal "Marktwirtschaft" hieß und einen nie dagewesenen Aufstieg des Westens ermöglichte, weit entfernt. "Marktwirtschaft" war/ist ein politisch-ökonomisches System, das Wachstum und sozialen Ausgleich ermöglicht. Es besteht u. a. darin, Dinge und Leistungen tatsächlich zu erzeugen, die irgendjemand braucht. Die Banken hatten, bevor sie zur "Finanzindustrie" wurden, die Aufgabe, das zu finanzieren bzw. höchstens Marktschwankungen durch Termingeschäfte abzufangen, in begrenztem Umfang. Heute ist das hypertroph geworden (die Deutsche Bank besteht zu 85 Prozent aus "Investmentbanking", nicht aus den klassischen Bankgeschäften).

Aber: Die Kreditexplosion, die das mit sich brachte, wurde von der Politik begierig aufgegriffen, um ein System des Klientelismus aufzubauen, in dem wichtige Gruppen hypertroph alimentiert wurden. Sie setzten damit auf ihre Weise auch die Marktwirtschaft außer Kraft. In den USA kam eher die Oberschicht in den Genuss von (Steuer-)Privilegien. In Europa eher die Mitglieder organisierter Massenverbände. Fairerweise muss man auch dazusagen, dass sowohl in den USA wie in Europa die Politik die strukturelle Arbeitslosigkeit, hervorgerufen durch Abwanderung von einfacheren Produktionen nach Osten, mit Staatsgeld auf Kredit zu bekämpfen suchte.

Nun sitzt die westliche Welt auf einem Schuldenberg, einzelne Staaten in Europa stehen vor dem Staatsbankrott. "Die Märkte" nutzen das in bedrohlicher Weise aus. Ein Impuls wäre, "die Märkte" mit den Kräften des Marktes, der Marktwirtschaft zu disziplinieren. Das bedeutet, einige große "Player" pleitegehen zu lassen, wenn möglich kontrolliert. Wer das ohne Entgleisung des Finanzsystems schafft, sollte Präsident von Europa werden. (Hans Rauscher, DER STANDARD, Printausgabe, 13.7.2011)

Kommentar posten
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Peter Sichrovsky
00
14.7.2011, 19:24
Grausig

Wer den Wirtschaftsfachmann in der ZIB 2 gesehen hat, kann sich nur wundern, was für ein Schwachsinn zum Thema Wirtschaftspolitik hier verzapft wird...wenn die Kommentatoren doch nur bei der Bundeshymne blieben, dann machen sie sich mit ihren Meinungen wenigstens nicht lächerlich.

Mag. Schonsein
00
14.7.2011, 03:55
Wie lange ists her, dass der Herr Rauscher noch für eine komplett freie Marktwirtschaft geblökt hat?

dako4711
00
13.7.2011, 17:27
uii, der untergang ist nahe

wenn sogar der leistungsträger rauscher bedenken gegen "die märkte" und grenzenlose deregulierung bekommen, dann kann's nimmer lang dauern..
wie ist das eigentlich so wenn einem das einfache weltbild der letzten jahrzehnte so langsam doch a bisserl seltsam vorkommt?
aber respekt, so eine, wenn auch sehr verkausulierte und schaumgebremste kehrtwende schaffen nicht viele konservative
hoffe die einsichten die sie hier von sich geben haben sie nicht wieder in ein paar monaten vergessen, werter hr. rauscher

Bertel Mann
01
13.7.2011, 17:20
Ausgerechnet Rauscher, der einer der Propagandisten dieser "Märkte" und der "unsichtbaren Hand" war und ist

Aber jetzt sieht er sein Geld offensichtlich nicht bloß von den Verfechtern der Vermögenssteuer bedroht sondern auch von der unsichtbaren Hand...

Erzsébet Lucas
00
14.7.2011, 00:12

vom Saulus zum Paulus;-)

flotter denker
10
13.7.2011, 15:53
Ich bin fuer den Vorschlag

Aber man soll nicht glauben, dass man damit "Die maerkte zaehmt"
Das fuehrt nur dazu, dass Investoren vorsichtiger werden. Die rote Karte fuer hoch verschuldete Staaten und Unternehmen gibts dann halt schon frueher.

sixela
00
13.7.2011, 14:47
Präsident von Europa?

Gibt es sowas?

Ich finde, ein Herman van Rompuy ist genug. Er meinte kürzlich eh, dass sich die Finanzminister was Kreatives einfallen lassen sollen gegen die Krise....

Erimias Doolittle
00
13.7.2011, 13:52
voraussetzung wäre aber ...

... dass jene politiker, die vom derzeiten system profitieren (bestes beispiel pröll bei raika), entfernt werden.
hm, wer bliebe da noch über ?

stefon
01
13.7.2011, 13:46
Soziale Marktwirtschaft vs Böser Neoliberalismus

Notwendig ist ein Denken ausserhalb der von kapitalistischer Logik aufgestellten Grenzen. Nur ein Fallenlassen des Zwang der Konkurrenz, Lohnarbeit, Standortpolitik usw kann zu einer Lösung führen, die uns einer guten Gesellschaft näher führt. Einer Gesellschaft die, in den Worten von Rauscher selbst darin besteht " … Dinge und Leistungen tatsächlich zu erzeugen, die irgendjemand braucht."

Details warum Rauchers Annahmen grundfalsch sind: http://wutimbauch.wordpress.com/2011/07/1... eralismus/

Ruebezahl2
00
13.7.2011, 13:41
Von Saulus to Paulus

Leider auf Englisch:

http://fora.tv/2009/09/0... r_Creation

Der weiss wovon er redet!

Bei der EbertStiftung gibts das Buch:

"The financial crisis –
causes & cures" by Sony Kapoor.

Nicht nur interessant sondern witzig geschrieben (vor allem die Seiten 9 und 10.

märchenonkel
00
13.7.2011, 13:37
Wäre mal viel interessanter zu hören wer bei wem so Schulden hat. Dann könnte man gezielt ein bischen verstaatlichen :-)

bye bye austria
14
13.7.2011, 12:37
ich versteh's nicht ganz:

"..die westliche Welt (sitzt) auf einem Schuldenberg, einzelne Staaten in Europa stehen vor dem Staatsbankrott..": Weil die Märkte/Banken so böse waren und sie in die Schuldenmacherei gelockt haben?

Oder doch weil sie die Schulden als bequemen Weg selber ganz normal sehenden Augen gemacht haben?
Sprich: Opportunistische Wähler mit ausgeprägter Nehmerphilosophie aus ihrem Kreis seit Jahrzehnten die skrupelloseste Mittelklassigkeit in die Politik wählen. Und verantwortungsvolle Mahner/Denker in unseren Systemen insb. in dieser Politik gar keine Chance mehr haben.
Bzw. dass "die westliche Welt" ihren akt. Wohlstand jahrzehntelang nur durch die Belastung der Zukunft und anderer erreicht hat und jetzt einfach in die Realität zurückkehren muss?

Christoph Karl Steininger
13
13.7.2011, 13:34
Zum besseren Verständnis:

Um Schulden zu machen muss mir jemand Geld leihen. Da es nicht so viel Geld auf der Welt gibt wie alle Schulden haben, wird das Geld einfach erfunden. Das nennt man dann Buchgeld. Dieses Geld hat nie jemand verdient. Die Banken überweisen es zwar aber es war vor der Überweisung nicht vorhanden!
Auf diese Weise hat das erfundene Geld jenes Geld an Menge überflügelt welches im Wirtschaftskreislauf unerläßlich ist.
Da an dem System sehr viele Großkopferte unglaubliche Summen verdienen tun wir uns jetzt hart das Phantasiegeld einfach wieder verschwinden zu lassen!

bye bye austria
11
13.7.2011, 14:14
ist mir eh klar...

mir geht nur langsam das rumgejammere über "die märkte", banken, etc massiv auf den wecker.
in wirklichkeit gehören (alt-) politiker dutzendweise vor den kadi und ihre bezüge/pensionen eingefroren.
die fehlregulationen div. finanzmärkte, die sunshine-fehlratings, die usd-dominanz als rohstoffverrechnungswährung, die hirnrissigen maastrichtkrit., die euro-lügen, eu-vertragsbrüche, etc,
und schließl. das, was jede kleine familie für sich im griff haben muss, das ständige neue SCHULDENMACHEN selbst, alles POLITIKVERSAGEN.
wenn politiker nun andere (!) verantwortl. machen dass sie ihnen noch gestern zu viel geld zu billig geborgt haben und sog. "qualitätsmedien" folgen brav diesen argumentionen, dann sehe ich für unsere zukunft wirkl. schwarz.

onlooker
00
13.7.2011, 17:51
das problem ist, dass man die macht des euros brechen will,

gegen den euro kann man nicht gut spekulieren,
aber wenn man sich die schwächsten glieder aussucht, könnte man den euro sehr schädigen, die europäer haben durch diese massiven angriffe, endlich begriffen, dass es hier um sehr viel geld geht, europa ist ein reicher kontinent, bei einem armen staat würde man die anstrengungen nicht machen, aber je gefüllter die taschen, desto mehr ist zu holen, es kann ja kein zufall sein, dass nach dem zusammenbrechen der märkte, diese ratingagenturen auftauchen und alles schlecht machen wollen? diese ratingagenturen haben doch beim crash total versagt, und plötzlich treten sie als die retter auf? die EU muss hart bleiben, sonst ist der € weg, und wir müssen wieder auf den $ zurück greifen

bye bye austria
00
13.7.2011, 22:37
und wenn als das zutreffen sollte....

....(einige theorien über us-interessen in dem spiel schließe ich auch nicht aus, ich kann mich noch an die cross-border-bomben erinnern, wo keiner der europ. "partner" kapiert hat, dass mit ein paar prozent einmaliger nettorendite dann 40 jahre bonitätsrisiko der clearingsbank mitverpackt ist...) dann bleibt trotzdem noch: wir führen ständig markt- statt politik-versagensdiskussionen. ich muss mich hier bei diesen postings tw fragen: soll in einer demokratie die politik die märkte regulieren - und dafür die verantw. tragen - oder will etwa jemand tatsächlich dass die märkte die politik regulieren/verantworen. so klingt es nämlich leider wenn man einige meinungen hier konsequent zu ende denkt.

onlooker
00
14.7.2011, 13:05
die banken und auch die börsen waren sehr gut kontrolliert,

bis die republikaner diese gesetze lockerten und unter bush zusammenbrach, daher auch der riesige crash, diese liberalisierung hat verbrechern wie ein madoff, geholfen ihre tätigkeiten zu verschleiern,
aber die schrauben werden wieder angezogen, auch die chinesen haben eine eigene ratingagentur, "dagong", und konkurrenz belebt den markt, wollen wirs hoffen

L.B.
03
13.7.2011, 11:51

>einige große "Player" pleitegehen zu lassen

Zuerst vor allem zerschlagen. Marktwirtschaft braucht Konkurrenz. Die Banken sind viel zu groß und haben zuviel Einfluß. Kleinere Institute kann man dann auch ohne Systembrüche pletegehen lassen. Und ja, kleinere Banken erbringen manche Dienstleistung etwas teurer, aber das sollte es uns wert sein.

fanta
45
13.7.2011, 10:17

Im Prinzip machen die Märkte das, was eigentlich verantwortungsbewusste Politiker machen sollten und Institutionen wie der Rechnungshof erfolglos versuchen - sie zeigen verantwortungslosen Finanzpolitikern die gelbe bzw. die rote Karte. So nach dem Motto -" Häuft ruhig weiter Schulden an, macht ruhig weiter keine Refomen, aber wundert Euch nicht, wenn Euch irgendwann keiner mehr Geld borgt. " Insofern erfüllen die Finanzmärkte, bei aller berechtigter Kritik, eine wichtige Funktion!

her wig
02
13.7.2011, 09:42
Die Kombination aus Politik und Markt

ermöglicht auch ein kombiniertes Polit- und Marktversagen. Das ist sozusagen systemimmantent.

Übrigens: egal welches System, welche Ordnung, Religon, was auch immer: es ist menschliches Verhalten, menschliche Entscheidungen, menschliches (Un)Vermögen, (Un)Wissen, ... kurz: WIR TUN DAS. Und wenn wir mit den Ergebnissen unseres Tuns nicht zufrieden sind, sollten wir etwas daran verändern.

drwestbahn
07
13.7.2011, 09:59
Wieso Versagen?

Für das oberste Prozent passt doch eh alles. Mit den derzeitigen "Finanzkrisen" geht das Umverteilen halt ein bisserl schneller.

her wig
00
14.7.2011, 09:18
Genau das ist eine Definition von Versagen

Es profitiert zwar der Versager, dem Volk aber wird versagt was ihm zusteht.

Peter Jan
04
13.7.2011, 09:31

Marktwirtschaft ist eine lückenlose Aneinanderreihung von Marktversagen.

Flann O'Brien.
05
13.7.2011, 09:09

Marktwirtschaft war/ist ein politisch-ökonomisches System, das dem Profit alles unterordnet, das Menschen nur als "Humankapital" begreift und dem der soziale Ausgleich alles andere als immanent ist. Der wird höchstens GEGEN die blinden Marktkräfte erreicht.

double standard
03
13.7.2011, 08:41

wir gehören eben der generation derer an die sagen können wird sie hätte das scheitern des kommunismus und des kapitalismus miterlebt

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