Das Musical im Plastik-Pool

12. Juli 2011, 17:43
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Die Staatsoper Unter den Linden bringt Leonard Bernsteins "Candide" ins Schillertheater

Seinem Kultstück West Side Story von 1957 kann Leonard Bernsteins ein Jahr davor entstandener Candide nicht das Wasser reichen - egal in welcher der nach 1956 kursierenden Versionen. In Berlin gab es jetzt jene der Scottish Opera von 1989. Dabei hat die Story nicht nur einen Problemstadtteil, sondern gleich die ganze Welt im Visier und geht obendrein auf nicht weniger als Voltaires berühmte Romanattacke gegen Leibniz zurück.

Es hätte schon historischen Witz gehabt, diese Musical-Version von Candide in Berlin über die Bühnenbretter der Opernschmuckschatulle von Voltaires zeitweiligem Freund Friedrich II. gehen zu lassen. Das ist aber derzeit nicht zu haben, da die Staatsoper Unter den Linden gerade ausführlich renoviert wird.

In der Ausweichspielstätte Schillertheater fehlte Bernstein freilich mehr als nur diese Gratispointe. Wenn am Ende der Marthaler-Mime Graham F. Valentine sein "Noch Fragen?" krächzt, drängt sich der vielzitierte Brechtsatz "Vorhang zu und alle Fragen offen" wie von selbst auf. Die XL-Brecht-Gardine und die Kostüme hat sich Regisseur Vincent Boussard nämlich, markenbewusst und auf den Glamourfaktor schielend, vom Nobelmodisten Christian Lacroix aufpeppen lassen.

Das ist auf den ersten Blick ganz witzig. Die Bühne hinter Rahmen und Gardine sieht aus wie ein Plastik-Pool ohne Wasser und soll wohl ein metaphorisches Labor sein. Der Chor steckt in einem dunklen Ancien-Régime-Look, liest gelegentlich und sieht vom Rand aus zu und auf das Gewimmel zu seinen Füßen herab. Für den Habitus des quirligen Candide (Leonard Capalbo) und jenen des Philosophen Alter Egos Pangloss hat man sich offensichtlich auch von Wilhelm Buschs spitzer Feder anregen lassen.

Die Damen, allen voran die koloraturglänzende Maria Bengtsson als Cunegonde und Bühnenlegende Anja Silja als Old Lady, dürfen wenigstens zwischendurch auch mal Eleganz zur Schau stellen, bis sie dann am Ende im Venedig-Bild, nicht beim Karneval, sondern, dank eines (zu) späten Aufflackerns von Regie-Ehrgeiz, in der Irrenanstalt landen. Auf dem Weg dorthin wird Bengtssons Glitter and be Gay zum hinreißenden Koloraturhit. Und die Silja ist selbst, obwohl sie jetzt tatsächlich die Old Lady ist, die sie spielt, immer noch ein Hingucker, bei dem auch das Hinhören lohnt.

Kann ja sein, das Boussard die Musik und das Stück mag, aber mit seiner bunten Vorhang-auf-Vorhang-zu-Nummernfolge hat er weder die krude Geschichte in den Griff bekommen noch ihre Gegenwartsrelevanz aufscheinen lassen. Immerhin geht es während Candides Weltreise ja um Mord und Totschlag, um Naturkatastrophen und die Syphilis, um Prostitution und das Auswandern, um das große Scheitern und das kleine Glück.

Die eingeblendeten Handlungskommentare ersetzten die gestrichenen Dialoge jedenfalls nicht. So bleiben die Episoden, ob nun in Westfalen oder Lissabon, in Paris oder in Buenos Aires, ob in Eldorado oder Neu-Westfalen und dann schließlich in Venedig, und die daraus destillierten Erkenntnisse zur Demontage der These von der besten aller Welten durch Welterfahrung nur Behauptungen.

Am Pult der Staatskapelle kann Wayne Marshall immerhin über weite Strecken das Potenzial von Bernsteins Musik aufscheinen lassen. Dass die Verbindung von Nobelkapelle mit musikalischem Staatsopernhabitus und Candide keine Liebesheirat ist, sondern eher eine Vernunftehe, kann auch er nicht überspielen.

Vielleicht hat eine der notorischen Berliner Musiktheaterdoubletten ja auch mal was Gutes, denn nach der Produktion hat die Deutsche Oper, gleich nebenan, im nächsten Jahr selbst mit ihrer konzertanten Version mit Loriot gute Chancen dem Bernstein-Stück näher zu kommen. (Joachim Lange aus Berlin/DER STANDARD, Printausgabe, 13. 7. 2011)

  • Bunte Figuren für Bernsteins Voltaire-Stück.
    foto: braun/drama

    Bunte Figuren für Bernsteins Voltaire-Stück.

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