Erdogan vs. John Peet

12. Juli 2011, 16:31
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Auf den Economist und seinen Europa-Redakteur ist der türkische Premier ziemlich angefressen.

Der Economist, so weiß man gemeinhin, ist ein besonderes Früchterl in der Medienwelt: Endzwanziger von der London School of Economics, die im Dreihreiher am Keyboard sitzen und afrikanischen Regierungen oder Frau Merkel in Berlin erklären, wo es wirtschaftspolitisch lang zu gehen hat. Im Verlautbarungsorgan der Marktwirtschaft sitzen aber auch Herren (zumeist) jenseits der 29 wie John Peet, Leiter des Europa-Desks und seit neuesten „public ennemy“ der türkischen Regierung. Peet hat – oder wie er lieber sagt: „wir haben“, denn der Economist zeichnet seine Texte ja nicht namentlich – in der Woche vor den Parlamentswahlen einen Kommentar verfasst („One for the opposition“), den ihm Erdogan vermutlich bis ans Lebensende nicht verzeihen wird: eine Empfehlung an die doch sehr überschaubare türkische Leserschaft des britischen Magazins oder vielleicht eher eine journalistische Denkübung dahingehend, man möge doch lieber der oppositionellen Republikanischen Volkspartei CHP die Stimme geben und nicht die Partei des autoritär denkenden Regierungschefs Tayyip Erdogan stärken.

Die türkischen Wähler haben sich bekanntlich wenig geschert um die Wahlempfehlung des Economist, nicht so aber die türkische Regierung. Schiere Fassungslosigkeit herrscht in den oberen Kreisen der konservativ-islamischen AKP darüber, dass Peet unbeeindruckt von Erdogans dritten Sieg in Folge vergangene Woche gewissermaßen als Wiederholungstäter auftrat und einen kritischen Vortrag im Chatham House hielt.

Peet hat zwei Thesen: Erdogan ist gefährlich für die Türkei, weil er wenig institutioneller Kontrolle ausgesetzt ist und nun gern ein Präsidialsystem einführen will; die türkische Wirtschaft wird in den nächsten drei, vier Jahren nicht mehr in dem hohen Tempo wie bisher wachsen, sondern könnte einen schweren Einbruch erleiden, auf den Erdogans Regierung nicht vorbereitet ist: „The problem that I have with the AKP and with Erdoğan is not about Islam. It's about autocracy and intolerance of criticism.“

Die Reaktion der AKP-Riege auf den Economist spricht in der Tat für sich selbst: Erdogan und andere Regierungsmitglieder haben der türkischen Öffentlichkeit erklärt, „internationale Gangs“ seien hier am Werk, und Israel natürlich, dass die AKP-Regierung nicht wolle. Cemil Cicek, mittlerweile neuer Parlamentspräsident, fiel mit der Bemerkung auf, jeder wüsste ja, dass ausländische Magazine ihre Artikel nur für Geldgeber schrieben, was tief in die demokratisch-pluralistische Seele des AKP-Menschen blicken lässt.

Zugegebenermaßen ist die europäische Presse – wohl mit Ausnahme der bosnisch-muslimischen – im Allgemeinen eher hässlich zu Erdogan. Unfair und beleidigend fand ein junger türkischer Ex-Regierungsberater, Gökhan Yücel, etwa einen Kommentar der britischen Tageszeitung Guardian nach den Wahlen, auf den er knapp einen Monat später antworten durfte. Für seine wilde Geschichte vom September vergangenen Jahres über angebliche Geldmittel aus dem Iran für die AKP hat sich der Daily Telegraph wiederum mittlerweile entschuldigen müssen. Sie war – trotz Berufung auf „sichere Quellen“ – ein Unsinn.

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    Erdogan gegen den Economist, das ist Brutalität.

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