Kamerafahrten begleiten den Wiederaufbau der vom Tsunami zerstörten Regionen in Japan
Durch die Straßen der Hafenstadt Kesennuma, die von der Flutwelle am 11. März fast vollständig zerstört wurde, kreuzt seit einigen Tagen neben Bulldozern und Lastautos voller Schutt ein Vehikel, auf dessen Dach ein Konglomerat aus neun Kameras, befestigt ist, die ein 360-Grad-Panoramabild der verwüsteten Gegend aufnehmen. Am Steuer sitzen Google-Mitarbeiter.
Nichts zu befürchten
"Ich weiß, dass wir von diesen Leuten nichts befürchten müssen", sagt Shigeru Sugawaraim Gespräch mit der New York Times. Der Bürgermeister der an der Ostküste gelegenen Stadt, die vor dem Tsunami 75.000 Einwohner zählte, ist froh darüber, dass der US-Internetkonzern den gegenwärtigen Zustand der Straßen festhält. "Wenn wir alles wieder aufgebaut haben, möchte ich, dass sie zurückkommen und der Welt vom neuen Kesennuma berichten."
Vor wenigen Jahren herrschte in Japan noch eine ganz andere Meinung über das Unternehmen. Der digitale Straßenatlas Google Street View erzürnte die sehr auf ihre Privatsphäre bedachten Japanern. Nach einer Welle von Beschwerden, zeigte sich Google einsichtig und kürzte 2009 die Aufnahmehöhe der Kameras um 40 Zentimeter auf 2,50 Meter. Die Street View-Aufnahmen mussten zwar wiederholt werden, doch dem japanischen Bedürfnis nach Uneinsichtigkeit in den Privatbereich war genüge getan.
Seit über zehn Jahren in Japan
Seit mehr als zehn Jahren engagiert sich Google im technikbegeisterten Japan. Doch so richtig Wurzeln zu schlagen gelang es dem weltgrößten Suchmaschinenkonzern dort bisher kaum. Nach wie dominiert bei der Suche Yahoo Japan, die sich mehrheitlich im Besitz des japanischen Telekomriesen SoftBank befindet.
Anders als im Rest der Welt setzte es Yahoo Japan durch, dass die Ende Juli 2009 abgeschlossene Partnerschaft zwischen Microsoft und Yahoo Inc. nicht für den japanischen Markt gilt. Seit Anfang 2011 wird das Webangebot von Yahoo Japan nun mit Suchergebnissen von Google beliefert.
Entwicklung durch Erdbeben
Nun könnte das Erdbeben Google in Japan zu weiterer Stärke verhelfen. Der Webkonzern hatte sich schon zu Beginn der Katastrophe in Japan engagiert. Mit dem People Finder konnte Google 616.300 vermisste Personen in der Krisenregion aufspüren. Unter anderem wurden auch abfotografierte und auf den Bilderdienst Picasa gespielte Listen aus Evakuierungszentren genutzt, um die Personensuche zu verbessern.
Bei dem neuen Kameraprojekt, das den Fortschritt des Wiederaufbaus verfolgt, kommt die einst verfemte Street View-Technik zum Einsatz. Anders als noch vor ein paar Jahren, will jeder betroffene Küstenort teilnehmen. Ob sich Japans Bevölkerung nun generell mehr für Google interessiert, lässt sich nicht abschätzen. Sollten sich die Onlinedienste des Konzerns aber als hilfreich für den Wiederaufbau Japans nach dem Erdbeben beweisen, sagen Experten Google eine aufgehende Sonne in dem Land voraus. (kat/ DER STANDARD Printausgabe, 12. Juli 2011)