Mitteleuropa: Eindrücke mit Nachhaltigkeit

11. Juli 2011, 18:55
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Zehn Tage mitteleuropäischer Momentaufnahmen in einer zufälligen und dennoch höchst aussagekräftigen Konstellation – Von den bedrohten Naturschutzgebieten im Gebiet von Donau, Drau und Mur über die Prioritäten des neuen EU-Vorsitzlandes Polen bis zur "Invasion" chinesischer Touristen in Südböhmen. Josef Kirchengast hat Eindrücke mit Nachhaltigkeitseffekt gesammelt und zieht Rückschlüsse auf Europas Fähigkeit, Herausforderungen anzunehmen

Er heißt Denis, was weder zu seinem Nachnamen noch zu seinem Kostüm passt. Denis Sklepiæ ist Gast- und Landwirt in der kroatischen Baranja, der Ebene im Dreiländereck mit Ungarn und Serbien. Ob die Wahl seines Vornamens einer Mode oder dem Bekenntnis seiner Eltern zum Westen oder beidem entsprang, lässt sich nicht so genau sagen.

Jedenfalls versucht Denis auch in seinem Leben den kulturellen Spagat. Seinen Hof in Karanac hat er zu einem kleinen Heimatmuseum inklusive lebendem Inventar in seiner Person umgestaltet. In der "Spajza" (von Speis, Speisekammer) werden selbstgebrannter Sliwowitz und hausgemachte Marmeladen angeboten. Haupteinnahmequelle ist die Pension in einem anderen Gehöft.

Ethno-Dorf mit sanftem Tourismus

Einige gibt es davon in Karanac, das sich Ethno-Dorf nennt und auf sanften Tourismus setzt. Die meisten Höfe mit ihrem typischen Säulengang an der linken Innenseite sind vorbildlich restauriert. Der Ort lebt zu einem Gutteil von den Touristen, die den nahegelegenen Kopaèki rit, die wunderbare Aulandschaft am Zusammenfluss von Drau und Donau, besuchen.

Neben seinen schmucken Höfen hat Karanac noch anderes zu bieten: Es ist wieder das multiethnische Dorf, das es vor dem serbisch-kroatischen Krieg der frühen 1990er-Jahre mit wechselseitigen Vertreibungen war. Von den rund tausend Einwohnern sind 50 Prozent katholische Kroaten, 30 Prozent orthodoxe Serben und 20 Prozent Ungarn, teils Katholiken, teils Calvinisten. Drei Kirchen stehen im Ort.

Fünfländer-Naturpark

Karanac könnte ideelles Vorbild sein für das Gelingen eines großen mitteleuropäischen Projekts: des Fünfländer-Biosphärenreservats Donau/Drau/Mur. Es geht um die Erhaltung einer der größten noch weitgehend intakten natürlichen Flusslandschaften des Kontinents, des "europäischen Amazonas". Im März haben die Umweltminister Ungarns, Kroatiens, Serbiens, Sloweniens und Österreichs eine Absichtserklärung unterschrieben.

Der WWF Österreich hat das Projekt federführend entwickelt, seine Verwirklichung wäre weltweit einzigartig. Aber dazu bedarf es einer konzertierten und koordinierten Anstrengung. Es geht darum, dieses wunderbare Stück Natur vor kurzsichtigen Einzelinteressen aus Wirtschaft und Politik zu schützen und ein nachhaltiges Gesamtkonzept zu entwickeln, das der Region auch ökonomisch viel bringen könnte.

Vielfältige Gefahren

Bei einem Lokalaugenschein wiesen WWF-Vertreter jüngst auf die vielfältigen Gefahren hin. Flussregulierungen, Vertiefung der Schifffahrtsrinnen, Schotter- und Kiesausbaggerungen: Das alles erhöht die Fließgeschwindigkeit der Flüsse und gräbt den Auen buchstäblich das Wasser ab. Speziell im Fall Kroatiens steht der Verdacht im Raum, dass ein politisch-wirtschaftliches Beziehungsgeflecht mit der staatlichen Wasserbehörde im Zentrum noch schnell den großen Reibach machen will, bevor mit dem EU-Beitritt Unionsrecht gilt. Nach diesem nämlich, betont der WWF, wären die auf einem überholten Konzept basierenden Flussregulierungsprojekte an Donau und Drau nicht mehr umzusetzen

Noch schweigen die kroatischen Behörden zu den immer drängenderen Anfragen heimischer und internationaler Umweltschutzorganisationen. Diese wiederum hoffen auf Unterstützung seitens der EU-Kommission.

Die Baranja steht nicht nur für bedrohtes Naturerbe, sondern auch für Geschichte - trennende und verbindende. Auf dem Hügel über Batina direkt am Dreiländereck, wo man auf die - teils schon regulierte - Donau hinunterschaut, ragt ein Kriegerdenkmal in den Himmel. Es erinnert an die Schlacht im November 1944, als jugoslawische und sowjetische Verbände gemeinsam die deutschen Truppen besiegten. Die meisten der rund 3000 Gefallenen waren Ukrainer. Für die nationale Identität der heutigen unabhängigen Ukraine hat das Monument deshalb besondere Bedeutung.

Solidarität mit europäischen Problemkindern

Rund 700 Kilometer Luftlinie nördlich von Batina hat man ebenfalls ein klares Bild der Ukraine: Nach den Vorstellungen der polnischen EU-Präsidentschaft ist es ein eindeutig europäisches. Wenn ein EU-Beitritt der Türkei quer durch alle politischen Lager Polens mit größter Selbstverständlichkeit befürwortet und als strategischer Gewinn für Europa gesehen wird, dann gelte dies erst recht für die Ukraine, hört man unisono von Politikern und Intellektuellen.

Solidarität mit europäischen Problemkindern, von Premier Donald Tusk im Europaparlament soeben auf eindrucksvolle Art beschworen, fordern die Polen nicht nur im Fall Griechenlands ein. Sie praktizieren sie auch selbst, politisch wenig spektakulär, langfristig vermutlich aber umso wirksamer: etwa gegenüber den "Untertanen" des weißrussischen Diktators Alexander Lukaschenko. Viele hundert junge Weißrussen studieren mit polnischen Stipendien an den Universitäten des Landes. In der Nationalen Kunstgalerie Zacheta in Warschau läuft derzeit (noch bis 21. August) eine höchst sehenswerte Schau weißrussischer Gegenwartskunst. Die politische Lage prägt die Arbeiten.

Erfahrungen mit China

Was eine andere Herausforderung Europas betrifft, so macht Polen gerade eigene Erfahrungen: Der chinesische Baukonzern Covec erhielt als Billigstbieter den Zuschlag für zwei Abschnitte der Autobahn A2 (Warschau-Lodz). Dann konnte er zum vereinbarten Preis plötzlich nicht mehr bauen.

Wie attraktiv Europa für China geworden ist, zeigt sich unter anderem in der südböhmischen Schloss-Stadt Krumau (Èeský Krumlov): Während sich die einheimischen Gäste vorzugsweise in Schlauchbooten auf den Moldauschlingen tummeln, wird das Bild in Gassen und Souvenirläden von Chinesinnen und Chinesen mit Kamera und lockerer Geldbörse geprägt. Da dürfte es nicht mehr lange dauern, bis neben Hallstatt auch Krumau als Disneyland-Nachbau in China auftaucht.

Und die europäische Antwort auf all das? In einem Saal der Warschauer Weißrussland-Schau wird ein Film gezeigt: Ein gemischter Chor singt sanfte Weisen mit einem beruhigenden und zugleich anregenden Grundton. Ganz nett, denkt sich der Besucher, und? Auf einem Pult wartet die Antwort. Der Künstler Maxim Tyminko hat 50 Kolleginnen und Kollegen - Maler, Bildhauerinnen - und zwei Kunstkritiker zusammengebracht. In einem Katalog werden alle einzeln mit ihren Werken vorgestellt. Individualisten, die jede/r für sich schöpferisch arbeiten und dann gemeinsam etwas Neues, Unerwartetes schaffen: eine berührende Metapher für Europas Potenzial. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, Printausgabe, 12.7.2011)

  • Plakative Besorgnis von Naturschützern des WWF Österreich und der 
deutschen EuroNatur im kroatischen Batina am Dreiländereck mit Ungarn 
und Serbien. Weitere Uferbefestigungen wie jene am gegenüberliegenden 
Donauufer würden die einzigartigen Aulandschaften noch mehr gefährden.
    foto: kirchengast

    Plakative Besorgnis von Naturschützern des WWF Österreich und der deutschen EuroNatur im kroatischen Batina am Dreiländereck mit Ungarn und Serbien. Weitere Uferbefestigungen wie jene am gegenüberliegenden Donauufer würden die einzigartigen Aulandschaften noch mehr gefährden.

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Das Denkmal erinnert an die Schlacht von Batina im November 1944, als 
jugoslawische und sowjetische Truppen die deutschen Besatzer besiegten.
    foto: kirchengast

    Das Denkmal erinnert an die Schlacht von Batina im November 1944, als jugoslawische und sowjetische Truppen die deutschen Besatzer besiegten.

  • Wie Diktator Alexander Lukaschenko seine Untertanen gerne hätte: 
Skulptur des weißrussischen Künstlers Alexej Lunew, derzeit in der 
Warschauer Nationalgalerie Zacheta zu sehen.
    foto: kirchengast

    Wie Diktator Alexander Lukaschenko seine Untertanen gerne hätte: Skulptur des weißrussischen Künstlers Alexej Lunew, derzeit in der Warschauer Nationalgalerie Zacheta zu sehen.

  • Für die Gäste seines Hofes in Karanac in der kroatischen Baranja spielt 
Denis Sklepiæ ein bisschen den Ethno-Kasperl. Sein Mienenspiel 
verrät, dass er das weiß.
    foto: kirchengast

    Für die Gäste seines Hofes in Karanac in der kroatischen Baranja spielt Denis Sklepiæ ein bisschen den Ethno-Kasperl. Sein Mienenspiel verrät, dass er das weiß.

  • Für die chinesischen Touristen, die das 
südböhmische Krumau (Èeský Krumlov, li.) in Massen besuchen, ist 
Sightseeing dagegen eine sehr ernste Sache.
    foto: kirchengast

    Für die chinesischen Touristen, die das südböhmische Krumau (Èeský Krumlov, li.) in Massen besuchen, ist Sightseeing dagegen eine sehr ernste Sache.

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