Stiller Ausgleich bei Biomasse-Riesen naht

11. Juli 2011, 18:25
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Bundesforste und Kelag führten ihre Biomasse-Tochter in die finanzielle Bredouille, ein außergerichtlicher Ausgleich soll die Werke retten

Wien - Wolfgang Viertler kann sich einer gewissen Genugtuung nicht entziehen. Zwei Jahre lang habe er immer wieder davor gewarnt, dass der Kärntner Stromkonzern Kelag und die Österreichischen Bundesforste bei ihren Biomassewerken falsch kalkulierten. Durch Sonne und Mond habe man deswegen geschossen, beide Unternehmen seien schließlich sorgfältige Kaufleute, habe man ihm vorgehalten, erinnert sich der Bürgermeister von Mittersill. Nun zeigte sich, dass er mit seiner Kritik Recht behielt.

Kelag und Bundesforste betreiben eine gemeinsame Tochter für Strom- und Wärmeerzeugung aus Holz: Unter dem Dach ihrer SWH laufen derzeit 28 Anlagen in Oberösterreich, Kärnten, Salzburg und der Steiermark. Doch der Betrieb ist in einer massiven finanziellen Schieflage. Ein außergerichtlicher Ausgleich mit den Gläubigern soll ihn vor der Pleite retten. Die Deadline für die Zustimmung zum stillen Ausgleich lief gestern, Montag, um 17.00 Uhr ab.

Dem Vernehmen nach haben fünf Banken dem Forderungsverzicht von 40 Prozent zugestimmt, nur die Bank für Kärnten und Steiermark und die Hypo Alpe Adria sollen sich quer legen, hieß es aus Bankerkreisen. Ob die beiden Institute hoch pokern oder per se gegen diese Art der Sanierung sind, konnten Involvierte nicht beurteilen. Auch Bundesforste und Kelag erklärten sich bereit, Geld nachzuschießen, die Höhe ihrer Kapitalspritze war zuletzt noch unklar.

Elf Werke

Der Ausgleich betrifft elf Biomassekraftwerke. Es sind jene, bei denen die SWH Alleineigentümer ist. Für alle übrigen sind individuelle Lösungen geplant, konkret der Verkauf an die beteiligten Genossenschaften und Gemeinden.

Bis Freitag soll die neue Situation geprüft werden. Dann entscheidet sich, ob das Unternehmen der Insolvenz entgehen kann. "Es steht Spitz auf Knopf", heißt es. Die Gespräche liefen gut, man sei zuversichtlich, die Sache zu finalisieren, sagt der Sprecher der Bundesforste, Bernhard Schragl.

Zwei Jahre lang hatten die Banken zuvor zugesichert, still zu halten. Die finanzielle Misere zeichnete sich nämlich schon 2009 ab: Der Jahresverlust summierte sich damals auf mehr als 20 Millionen Euro, das Eigenkapital belief sich auf minus 33 Prozent. Es gab Wertberichtigungen und Abschreibungen im Umfang von 19 Millionen Euro. Eine Prognose zum positiven Fortbestand fehlte. Daraufhin verweigerten die Wirtschaftsprüfer ihr Prüfungsurteil.

220 Millionen Euro wurden in die Anlagen investiert. Bis zu 35 Prozent davon waren Förderungen. Banken trugen die Hauptlast, von ihnen erbaten sich die Eigentümer dem Vernehmen nach Kreditnachlässe von 100 Mio. Euro.

In der Krise sieht sich die SWH durch die gestiegenen Preise für Biomasse. Im Gegenzug seien jene für Wärmeerzeugung gesunken. Das Kundenpotenzial wurde überschätzt, der Bedarf der Industrie brach um bis zu 70 Prozent ein. Die Branche ortet vor allem gravierende Managementfehler: An Parametern sei solange gedreht worden, bis das betriebswirtschaftliche Ergebnis stimmte. Und man ist sauer: Bundesforste und Kelag brächten den gesamten Biomassemarkt in Verruf. Der berge zwar zig andere unrentable Werke, die keiner wolle. Unterm Strich gebe es aber ebenso viele solide Projekte.

"Dilettantismus"

Die Holzindustrie selbst betreibe keine einzige notleidende Anlage, sagt Michael Offner, Vizepräsident der Sparte und wirft SWH Dilettantismus vor. Werke zu bauen, die sich nur mit Förderungen rechneten, sei höchst bedenklich.

Er spüre nichts von einer Krise der Biomasse, im Gegenteil, meint Komptech-Chef Josef Heissenberger, der Anlagen zur Behandlung von Biomasse baut. Er sehe jedoch zwei Schwächen: Fehlende Abwärmekonzepte und die Möglichkeit, Tarife an höhere Holzpreise anzupassen. Aus Sicht von Christoph Pfemeter, Chef des Biomasseverbands, habe die Branche aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt, der Boom setze sich fort.

In Mittersill prüft nun eine Genossenschaft, das Hackschnitzelwerk der SWH ganz zu übernehmen, wenn die Rahmenbedingungen passen, wie Viertler sagt, "wir wollen eine saubere Lösung." (Verena Kainrath, Andreas Schnauder, DER STANDARD, Printausgabe, 12.7.2011)

  • Aufräumarbeiten in der Biomassebranche nach dem Boom: Teures Holz und 
falsche 
Konzepte sorgen für Verwerfungen unter etlichen Betreibern.
    foto: roman david-freihsl

    Aufräumarbeiten in der Biomassebranche nach dem Boom: Teures Holz und falsche Konzepte sorgen für Verwerfungen unter etlichen Betreibern.

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