Ein Scheck, wenn Oma daheim gepflegt wird

11. Juli 2011, 18:15
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Kärntens Soziallandesrat will die teure Pflege alter und behinderter Menschen in Familien verlagern

Klagenfurt - Kärntens blauer Sozialreferent Christian Ragger (FPK) hat ein klares politisches Ziel. Dem früheren Wirtschaftsanwalt privater deutscher Alten- und Pflegeheimbetreiber schwebt der gänzliche Umbau des bis dato in Kärnten von Sozialdemokraten geführten Sozialsystems vor.

Weil vor allem die Pflegefinanzierung im finanzmaroden Kärnten aus dem Ruder zu laufen droht, schlägt Ragger ein Gutscheinsystem vor - den sogenannten "Pflege-Voucher".

Das Pflegegeld soll demnach nicht mehr an die Heimträger überwiesen, sondern über den "Voucher" den Betroffenen direkt ausbezahlt werden. "Die können dann selbst entscheiden, was sie damit machen", sagt Ragger im Standard-Gespräch. 50 Prozent des Gutscheins könnten pflegenden Angehörigen überlassen, um das restliche Geld müssten verpflichtend Leistungen von professionellen Anbietern zugekauft werden.

Dieses aus Luxemburg stammende Modell will Ragger ab 2012 vorerst als Pilotprojekt mit 100 Personen starten - gemeinsam mit der Arbeitsvereinigung der Sozialhilfeverbände Kärntens (AVS) und dem Kärntner Hilfswerk.

Dass mit dem Pflege-Voucher die Pflege wieder großteils zurück in die Familien geholt werden soll, gibt Ragger unumwunden zu: "In Luxemburg gibt es europaweit die niedrigste stationäre Unterbringung." Zudem will er auch den Bau neuer Pflegeheime ab 2014 stoppen und die Heimpflege erst ab Pflegestufe vier erlauben. In einer ersten Phase will Ragger allen Frauen, die ihre Angehörigen zu Hause betreuen, einen Scheck über 226 Euro überreichen. Sie könnten von mobilen Krankenschwestern möglichst auf Selbstständigen-Basis unterstützt werden. Zudem soll in Kärnten für öffentliche Heime der Pflegeregress für Angehörige wieder eingeführt werden.

"Kärnten ist pleite und kann sich die Pflege nicht mehr leisten. Deshalb müssen die Frauen zurück ans Pflegebett", lehnt SPÖ-Chef Peter Kaiser "Subjektförderungen" für Pflege rundweg ab: "Das ist Aufgabe der Solidargemeinschaft und auch eine Frage der Pflegequalität." Diese will Ragger durch regelmäßige Landeskontrollen in den Familien sicherstellen. Die pflegenden Angehörigen sollen später auch sozial- und pensionsversichert werden.

"Billiges Trinkgeld"

Für den Kärntner Grünen-Chef Rolf Holub ist der Scheck über 226 Euro "ein Witz". Derselbe Dienst, von Profi-Pflegern geleistet, koste mehr als 2000 Euro. Die FPK wolle die Frauen mit einem "Bettel als Trinkgeld abspeisen". Rechne man bei einer durchschnittlichen Kärntner Pension von 700 Euro das Pflegegeld dazu, bliebe für die Angehörigen nach Abzug der professionellen Pflegeleistungen vom Voucher kaum etwas übrig.

Koalitionspartner ÖVP kann Raggers Modell einiges abgewinnen, zumal dadurch nicht nur die "Familien gestärkt" würden, sondern auch ein Explodieren des Kärntner Sozialbudgets bis 2020 von 311 auf rund 600 Millionen Euro eingebremst werden könnte.

Beim VP-nahen Hilfswerk regt sich dagegen Skepsis: "Bis jetzt wissen wir nicht, wie das funktionieren soll", sagt Geschäftsführer Horst Krainz. Andere Pflegeanbieter halten sich bedeckt. Wer aufmuckt, dem drohen massive Kürzungen der Landesmittel.(Elisabeth Steiner, DER STANDARD; Printausgabe, 12.7.2011)

  • Pflegegeld soll laut FPK künftig nicht mehr an Heimbetreiber sondern 
per Gutschein an Pflegebedürftige ausbezahlt werden, die dann selbst 
entscheiden können, wie sie gepflegt werden möchten.
    foto: der standard/corn

    Pflegegeld soll laut FPK künftig nicht mehr an Heimbetreiber sondern per Gutschein an Pflegebedürftige ausbezahlt werden, die dann selbst entscheiden können, wie sie gepflegt werden möchten.

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