Geheimnissen des frühen Christentums auf der Spur

  • Diese Handschriften sind Teil des Lukasevangeliums. Sie wurden 1883 in Mittelägypten gefunden, auseinander gerissen und blatt- oder lagenweise an Händler und Durchreisende verkauft.
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    foto: österreichische nationalbibliothek

    Diese Handschriften sind Teil des Lukasevangeliums. Sie wurden 1883 in Mittelägypten gefunden, auseinander gerissen und blatt- oder lagenweise an Händler und Durchreisende verkauft.

Basis ist die weltgrößte Fotosammlung koptischer Handschriften

Wien - Geheimnisse des frühen Christentums will man an der Universität Wien lüften. Basis dafür ist die weltgrößte Fotosammlung koptischer Handschriften, die der deutsche Ägyptologe und Koptologe Karlheinz Schüssler der Uni übergeben hat. Der mittlerweile 70-Jährige hat in den vergangenen 40 Jahren weltweit Seiten alter koptischer Bibeln abfotografiert und eine 240.000 Seiten umfassende Sammlung angelegt. Diese soll laut einer Aussendung nun von Wissenschaftern der Evangelisch-Theologischen Fakultät im Rahmen des neu gegründeten "Research Centre for Early Christian-Coptic Studies" untersucht werden.

Davon erhofft man sich Erkenntnisse über die ursprüngliche Erscheinungsform der Bibel oder den Ablauf der Gottesdienste koptischer Christen vom 4. bis zum 8. Jahrhundert und welche liturgischen Elemente möglicherweise heute noch erhalten sind. Problematisch waren derartige Untersuchungen bisher insofern, als ein Großteil der auf Papyrus überlieferten Schriften entweder schon zerfallen ist oder diese nur schwer gesammelt anzutreffen sind. "Der Verkauf einzelner Blätter brachte mehr Geld als der Verkauf der gesamten Handschrift", begründet Hans Förster vom Institut für Alttestamentliche Wissenschaft und Biblische Archäologie der Uni Wien, warum die Dokumente weltweit verstreut sind.

"Biblia Coptica"

Schüssler hat die Handschriften in seiner mehrbändigen "Biblia Coptica" zusammengeführt. Jetzt gelte es, die noch unbearbeiteten Blätter und Fragmente auf ihren genauen Inhalt und ihre Zusammengehörigkeit zu untersuchen. Endziel der Bearbeitung des digitalen Materials sei eine "Gesamtausgabe der koptischen Bibeltexte", so Förster. Der Forscher arbeitet derzeit an einer kritischen Edition des Johannesevangeliums - eines der am besten bezeugten biblischen Bücher in der koptischen Überlieferung.

Untersucht werden die digitalen Fotografien neben Wien auch an Instituten in Münster sowie Paris, Cambridge und Birmingham - ein enormer Forschungsaufwand, da fast alle neutestamentlichen Bücher auf die Erstellung eines kritischen Textes warteten, der alle bekannten Handschriften berücksichtigt.

Übersetzungsfehler

Ein spannendes Detail seiner Forschung stammt aus dem Römerbrief von Paulus (16:7): "Grüßt Andronikus und Junias, die zu meinem Volk gehören [...]; sie sind angesehene Apostel und haben sich schon vor mir zu Christus bekannt." In dieser deutschen Übersetzung wird Junias als Mann dargestellt, was laut Förster aber ein Übersetzungsfehler ist: "Im Griechischen lautet der Akkusativ für die weibliche als auch für die männliche Form Junian. Ab dem Mittelalter war es in unserer Gesellschaft nicht mehr vorstellbar, dass an dieser Stelle eine Frau erwähnt sein könnte, und so wurde aus ihr kurzerhand ein Mann. In der koptischen Version ist aber von Junia die Rede. Die koptische Sprache dekliniert die Namen nicht, weshalb wir in der koptischen Überlieferung den eindeutigen Beweis haben, dass Junia sehr wohl von Paulus als weibliche Apostelin gegrüßt wird", betonte Förster.

"Unsere Aufgabe ist es zu verstehen, was im Text Deutung und was wirklich auf die ursprüngliche Vorlage zurückzuführen ist. Das ist nicht immer einfach, da die Übersetzungen früher vergleichsweise frei waren", so der Forscher abschließend. (APA/red)

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