Jedes Jahr gehen tausende Menschen jenen Weg nach, auf dem im Juli 1995 tausende Bosniaken aus Srebrenica getötet wurden
Und jedes Jahr werden es mehr.
*****
Auf der Anhöhe über dem Dorf Nezuk, oberhalb der Romasiedlung haben sich etwa 6000 Menschen eingefunden. Jeder bekommt eine blaue Karte umgehängt: Marš mira 2011, Friedensmarsch, steht drauf. Manche haben eine Karte, auf der steht: Überlebender des Todesmarsches 1995. Sie sind diesen Marsch im Juli 1995 gegangen. Der Weg geht zunächst bergab durch den Wald, wo sich 1995 die Frontlinie zwischen der bosniakisches Armee und der bosnisch-serbischen Armee befand. Vor den Häusern sitzen Bosniaken und sehen zu wie die Kolonne von etwa 6000 Menschen an ihnen vorbei zieht. Es sind Kriegsveteranen dabei, Organisationen aus ganz Bosnien-Herzegowina, Menschen mit bosnischen Flaggen, Flaggen der bosniakischen Armee, grüne Flaggen für den Islam, viele Menschen aus der Diaspora, die gerade hier auf Urlaub sind und einige Überlebende.
Der Marsch dauert drei Tage, 120 Kilometer. Er geht über jene Strecke, auf der ab dem 11. Juli 1995 etwa 15.000 Bosniaken (die genaue Zahl ist unbekannt) versuchten den Truppen des damaligen Generals der bosnisch-serbischen Truppen Ratko Mladić zu entkommen. Beim Friedensmarsch gehen die Menschen aber nicht von Srebrenica nach Nezuk, sondern in die umgekehrte Richtung, von Nezuk nach Potocari, dem Friedhof neben Srebrenica, auf dem tausende Opfer begraben liegen. Wer diesen Weg geht, kann das größte Verbrechen, das nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa begangen wurde, nachvollziehen. Denn ein großer Teil des Genozid an den Bosniaken von Srebrenica geschah während dieser Flucht, in den Wäldern, auf den Straßen, auf den offenen Feldern, auf dem Weg von Potocari nach Nezuk. Am Ende schafften es vielleicht insgesamt 4.000 Menschen ins bosniakische Gebiet. Die ersten kamen nach ein paar Tagen. Manche erst nach vielen Wochen. Manche trauten sich erst nach Monaten aus dem Wald heraus, obwohl der Krieg schon längst zu Ende war.
Fahik O., heute 49, war damals Teil der bosniakischen Armee und empfing die Flüchtlinge, die in Nezuk ankamen: „Manche hatten keine Hosen mehr an, manche waren wahnsinnig geworden vor Angst und Durst, wir mussten sie festbinden, weil sie sonst auszuckten. Viele waren starr vor Schrecken, sie fielen um, wen man sie nur angriff", erzählt er über den Juli 1995 in Nezuk. Fahik lebt heute in Köln, er ist zum ersten Mal beim Friedensmarsch dabei, der im Jahr 2005 mit einigen hunderten Leuten startete und an dem jedes Jahr immer mehr Leute teilnehmen.
Es ist ein Marsch des Respekts für die Toten. Es ist ein Wahlfahrt für diejenigen, die um ihre Angehörigen trauern. Es ist eine politische Demonstration für jene Bosniaken, die versuchen mit dem Thema Genozid politisches Territorium zu sichern. Es ist eine Wanderung für jene, die die Hügellandschaft in Ostbosnien kennenlernen wollen, die stark an die Weststeiermark erinnert. Es ist eine Möglichkeit ins Gespräch zu kommen, eine Art Gruppenpsychotherapie. Es ist eine Übung in Geduld und Solidarität, ein Teilen von Wasser, Essen, Salben und Pflaster für schmerzende Füße und von Schlafplatz in den Militärzelten. Der Marš mira ist aber vor allem Teil jener Gruppen- Identität, die die Bosniaken seit Jahren entwickeln und in deren Zentrum der Genozid an den Bosniaken von Srebrenica steht. Srebrenica ist das Zentrum dieser Erinnerungskultur.
Wir kommen an unverputzten Häusern vorbei, Bosniakinnen sitzen in ihren traditionellen Hosen, den Dimije auf den Balkonen ohne Geländer. Bei fast jedem Haus gibt es Kaffee, man setzt sich einfach in die Vorgärten zwischen die Rosen, plaudert ein wenig und geht weiter. Ein junger Mann schreit: „Tekbir". Einige antworten mit: „Allahu Akbar". Der Schlachtruf der bosniakischen Armee im Bosnien-Krieg wird den Marsch drei Tage lang begleiten, doch nur eine kleine Gruppe kann sich damit identifizieren.
Von den Bosniaken, die am 11. Juli 1995 aufbrachen, weil sie sich dachten, dass der Marsch ins bosniakische Terrain sicherer sein würde, als im UN-Lager in Potocari zu bleiben, gehörte etwa ein Drittel der bosniakischen Armee an. Während die Soldaten von den Truppen der bosnisch-serbischen Armee oft durchgelassen wurden, warteten Mladićs Truppen auf die unbewaffneten Zivilisten, die auf ihrem Weg zumindest zwei breite Verbindungsstraßen überqueren mussten und eröffneten dort das Feuer. Die meisten Bosniaken starben aber, weil sie nach Tagen ohne Wasser und Nahrung so entkräftet waren, dass sie sich den bosnisch-serbischen Truppen freiwillig ergaben, die sie danach in Lagerhallen, Schulen oder andere Gebäude brachten und exekutierten. Viele wussten auch nicht, wie sie ins bosniakische Territorium gelangen könnten. Manche orientierten sich an den Hochspannungsleitungen, die nach Tuzla gingen.
Der Weg ist bereits am ersten Tag gesäumt von Massengräbern, auf die mittels Schildern aufmerksam gemacht wird: 120 Tote, 87 Tote, 17 Tote und so weiter. Nach drei Tagen nimmt man die Schilder nicht mehr wahr. Meistens handelt es sich um Sekundär-Gräber. Den die Toten wurden nach dem Massaker eingegraben und dann nochmals in Massengräbern verscharrt, um das Ausmaß des Verbrechens zu vertuschen. Die meisten Teilnehmer am Marsch sind männlich, viele sehr jung, sie tragen T-Shirts, mit der Aufschrift: Srebrenica niemals vergessen und der Stadt in Bosnien, aus der sie kommen.
Aliya hat eine Schweizer Fahne im Rucksack. Er ist 15, er lebt in der Aargau. Sein Vater war einer jener, die den Marsch überlebten. Meho Omerović selbst geht nicht mit, er hat zuviel Angst vor den Bildern, die dabei hochkommen könnten. Aliyas Mutter Amela Omerović war 20 und im ersten Monat schwanger mit Aliya, als sie im UN-Lager in Potocari saß und Ratko Mladić an den Zaun herantrat: „Euer Präsident Aliya Izetbegović will euch nicht, er hat keinen Platz für euch, hat Mladić gesagt", erzählt Amela. „Aber euch wird nichts passieren, ihr seid sicher." Amela Omerovićs Vater, ihr Schwiegervater, ihre beiden Großväter, Onkel und Cousins wurden ermordet.
Ihr Sohn Aliya kennt jede Stelle auf dem Marsch, wo es Exekutionen gab. Er kennt die Geschichten von Menschen, die sich hier von Schnecken und Früchten ernährten, während sie in der Nacht durch den Wald krochen, immer in der Angst entdeckt und erschossen zu werden, sowie jene Menschen, die sie tot im Wald und auf den Strassen liegen sahen.
Am zweiten Tag des Marsches gehen wir einen Hohlweg durch einen Wald, wir sehen Schuhsohlen, Trainingsjacken, zerfetzte Decken der Flüchtlinge aus dem Juli 1995 an den Büschen hängen. Dann wird eine lange Pause eingelegt. Gerüchte tauchen auf, die serbische Polizei hätte die Straße gesperrt und würde nicht erlauben, dass die Wassertanks aufgefüllt werden. So manche Teilnehmer des Marsches glauben das wirklich, sie sehen „die Serben" noch immer als potenzielle Feinde an, so als hätte der Krieg nie aufgehört. Am Abend, nachdem die Zelte aufgestellt sind und die Sonne hinter den tiefgrünen Hügeln verschwindet, wird ein bosniakischer Propaganda-Film gezeigt, in der ehemalige Offizier Naser Orić zu Wort kommt, der als „Verteidiger von Srebrenica" Angriffe gegen serbische Dörfer durchführte und auch vor dem Kriegs-Verbrecher-Tribunal in Den Haag angeklagt war. Leider gibt es dazu kein kritisches Wort, die Erinnerungskultur bleibt einseitig. Muhamed Duraković, Organisator des Friedensmarschs kämpft gegen alle ideologischen Vereinnahmungsversuche von Militärs und islamistischen Gruppen wie den Wahabiten, den Vehabis: „Die missbrauchen die Toten. Und auch die bosnische Armee sollte lieber still sein, denn die haben auch darin versagt uns zu schützen", sagt Duraković. Er selbst war als 20-Jähriger 37 Tage auf dem Marsch im Wald und versteckte sich, bis er es durch die serbische Frontlinie durchschaffte. „Während unsere Soldaten, weil sie bewaffnet waren, von den Serben durchgelassen wurden, haben sie die Zivilisten, Frauen und Kinder zurückgelassen und sind einfach weiter gegangen", erzählt er von seinen Erfahrungen im Sommer 1995. „Das ist wirklich kein Grund, um stolz zu sein."
Am dritten Tag des Marsches kommen wir durch das Dorf aus dem Amela Omerović stammt. Allerdings sind die Häuser alle niedergebrannt. Amela und Aliya erzählen, dass morgen drei Angehörige der Familie in Potocari begraben werden. Als gegen fünf Uhr nachmittags auf den Hügeln über Potocari unter uns die weißen Grabsteine auftauchen, ein riesiges Gräberfeld, schreit einer der jungen Marschteilnehmer laut: „Tekbir". Aber niemand antwortet mit „Allahu akbar." Es hat noch immer über 30 Grad. Es ist so heiß wie im Sommer 1995. Als wir hinuntergehen zu dem Friedhof, der das Ausmaß des Verbrechens zeigt, frieren die Gespräche der Marschteilnehmer ganz ein. Tausende Menschen bewegen sich an den Frauen vorbei, die am Straßenrand stehen mit weißen Tüchern, jene Frauen, die ihre Männer, Söhne, Väter verloren haben. Und es ist ganz still. (Adelheid Wölfl aus Potočari/DER STANDARD, Printausgabe, 12.7.2011)