Rundschau: R.I.P., Raumschiff Enterprise

Ansichtssache | Josefson
13. August 2011, 10:13
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coverfoto: chizine

Derryl Murphy: "Napier's Bones"

Broschiert, 300 Seiten, ChiZine 2011.

Then the sky exploded in a bright flash of integers, logarithms, algebraic formulae, more. Entire sequences plummeted from the sky, dropping and screaming like Nazi Stukas, twisting and pulling up the last second to avoid hitting the ground, ripping through people, cars, buildings, trees and birds, before climbing hard back into the sky and breaking up in lightning-bright explosions. (...) "Search numbers!" shouted Billy ... Einmal mehr gewährt uns ein Autor - diesmal der bislang auf Kurzgeschichten spezialisierte Kanadier Derryl Murphy - Einblick in eine Realität hinter dem fadenscheinigen Vorhang der Welt, kurz: in die eigentliche Wirklichkeit. Und natürlich ist wieder nur eine kleine Minderheit von Menschen in der Lage diese wahrzunehmen. Numerates nennen sie sich, denn was die Vorgänge in unserer Welt steuert, ist die Mathematik. Bei Murphy bloß ein wenig unmittelbarer als im richtigen Leben.

Der 31-jährige Dom, ein in den USA lebender Kanadier, ist ein solcher numerate. Und wie alle VertreterInnen seiner geheimen Zunft ist er einzelgängerisch veranlagt und begierig auf die Erbeutung von Artefakten, die durch die Zufälligkeiten (? ... wer weiß) ihrer Entstehung und Benutzung mathematische Macht in sich tragen. Ein solcher Beutezug wird ihm gleich zu Romanbeginn beinahe zum Verhängnis: Er trifft auf einen wesentlich stärkeren Kollegen, kommt knapp mit dem Leben davon ... und findet sich zu seiner Überraschung mit einem zweiten Bewusstsein in seinem Körper wieder. Billy ist ein adjunct, auch "Template" oder "numerischer Schatten" genannt, kurz: jemand, der sein Bewusstsein enkodieren und damit über die körperliche Existenz hinaus am Leben erhalten konnte. Über diese frühere Existenz weiß er jedoch nichts mehr, und die Suche nach seiner ehemaligen Identität wird die beiden künftig als Nebenhandlung beschäftigen.

Weil es an zwischenmenschlicher Chemie aber noch nicht ausreicht, wenn aus einem Munde zwei Stimmen mit zwei Akzenten sprechen und der eine den Kopf des anderen schüttelt, bringt Murphy noch eine dritte Person ins Spiel. Jenna ist eine Kassierin, die Dom und Billy unterwegs aufgabeln, und zugleich ein großes, aber unausgebildetes numerisches Talent. Seltsam nur, dass die omnipräsenten Zahlen, die von den Normalsterblichen nicht wahrgenommen werden, Jenna stets auszuweichen scheinen. Da ist also einiges an persönlichen Hintergründen zu klären - und das, während die drei auf der Flucht vor demjenigen sind, der Dom zuvor beinahe getötet hätte. Wohinter sich niemand Geringeres als der Schatten John Napiers verbirgt, eines - realen - schottischen Mathematik-Genies aus dem 16. Jahrhundert. Napier hat am Ende seines Lebens eine Abakus-ähnliche Rechenhilfe, die Napierschen Rechenstäbchen (englisch: "Napier's Bones") ersonnen - in der Romanwelt begnügt er sich mit einem derart soften Zugang zur Welt der Zahlen nicht; hier sinnt er auf Unterwerfung. Womit die Flucht unseres Trios bald in die Mission, Napier aufzuhalten, umschlägt und Dom, der ursprünglich als numerate-typischer Egoist eingeführt wurde, sich zum Helden wandeln muss.

Vieles in "Napier's Bones" erinnert an den Film "23", in dem der Hacker Karl Koch mit den "Illuminatus!"-Büchern im Hinterkopf überall Muster und Querverbindungen wahrzunehmen glaubt, bis er darüber den Verstand verliert. Auch bei Derryl Murphy spielen Koinzidenzen eine wesentliche Rolle - 56 Jahre alt war der Jazzmusiker Charlie Mingus, als er in Mexiko starb, und genausoviele Wale strandeten kurz darauf an einem nahegelegenen Küstenabschnitt. Zufall? Auf jeden Fall laden solche Zusammentreffen in Murphys Roman Gegenstände vor Ort mit Macht auf. Man achtet auf der Flucht darauf, Stufen in unregelmäßigen Schritten hinunterzulaufen, um kein Muster zu hinterlassen, das auf kundige Augen wie ein Leuchtfeuer wirken könnte. Beim äußerst praktischen Manipulieren des Zahlenkrams auf Kreditkarten und dergleichen (worldly mojo, wie Billy es nennt) ist mit Vorsicht vorzugehen und natürlich - John Twelve Hawkes lässt grüßen - führt man heikle Anrufe nur von der Telefonzelle, nie vom Handy aus. So paranoid kann man schließlich gar nicht sein, wie man verfolgt wird.

Damit aber kein falscher Eindruck entsteht: So tritt die Mathematik im Roman zwar auch auf, aber es ist nicht die vorherrschende Form. "Napier's Bones" ist alles andere als eine fundamentale Auseinandersetzung mit dem Wesen der Mathematik, wofür es Murphy wohl auch schlicht und einfach am Rüstzeug gefehlt hätte. Nehmen wir zum Vergleich Ted Chiangs Erzählung "Division by Zero": Hier gerät das gesamte Denken einer Mathematikerin ins Wanken, als sie eine unwiderlegbare Gleichung entwickelt, die die Willkürlichkeit der vermeintlich makellosen Arithmetik beweist. Murphy füllt seinen Roman auch nicht mit mathematischen Anekdoten, wie es Arthur C. Clarke und Frederik Pohl in "Das letzte Theorem" gemacht haben - die Biografie Napiers bleibt hier im Wesentlichen das einzige derartige Element. Und auch eine Weltkonstruktion durch permanent herunterratternde Zahlenreihen wie in "Matrix" braucht man sich nicht vorzustellen. Sehr viel näher liegt da der Bereich der Fantasy: Allüberall in der ecology of numbers schwirren bunte Zahlensymbole durch die Gegend wie Elementargeisterchen - sehr ähnlich den kighs in Tanya Huffs "Quarters"-Reihe. Und wenn unsere ProtagonistInnen Salzkristalle in einem Irrgartenmuster auslegen, um darin bedrohliche "Suchzahlen" zu fangen, dann ist zwar kurz von einem Quanteneffekt die Rede ... aber eigentlich kennen wir das sehr gut von der alten Mär, wie man einen Vampir ablenkt: Viele kleine Gegenstände ausstreuen, weil er sie zwanghaft zählen muss.

Endgültig von der Mystery in die Fantasy wandert der Roman, wenn tierische Schutzgeister (familiars) und veritable Riesen auftreten - bis man sich im spektakulären finalen Showdown endgültig an einem "Harry Potter"-Set wähnt. Mit SF-Erwartungen darf man an "Napier's Bones" also nicht herangehen. Zur Belohnung erhält man einen spannenden Roman, der zwischendurch immer wieder - etwa wenn unser Trio schottischen Boden betritt und sich im Mietwagen kreischend im ersten Kreisverkehr seiner drei Leben dreht - mit Witz glänzt.

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Die Pforte

Hab's jetzt endlich geschafft und http://derstandard.at/129781915... 11&_seite=
gelesen.

Da ich täglich in Zürich bin, hätte ein kleiner Hinweis auf das dortige Gemetzel meinen Schock etwas gelindert...

ad 9 - "Quofum"

Hab' ich vor etwa einem Monat gelesen. Selten war mir so schnell klar, dass es verlorene Zeit sein wuerde, bis zum Ende durchzuhalten (und leider behielt ich Recht).

Uninspirierter, hanebuechener Quargel.

Habe mir gerade angekuckt, auf was man sich in Sachen F + SF bis Ende 2012 freuen kann.

Niven schliesst scheinbar sein Universum ab, Brenderson schafft es endlich den letzten Band vom Rad der Zeit rauszubringen und Lukianenko bringt auch 2 höchst interessante Bücher raus.

Was mich dann doch etwas verwirrt.... Wie schafft es Hohlbein in einem Zeitraum von 1,5 Jahren, gezählte 10 Bücher rauszubringen? Nimmt ja jetzt schon die gefühlte Hälfte der SF Verkauffläche in diversen Geschäften ein.

Man spürt auch stark, dass Hohlbein sich oft Zeilen abpressen muss, um irgendwelchen Vorgaben zu entsprechen. Mir erscheint ein solcher Output auch schon nahezu 'verdächtig'. Vielleicht ist das Teamwork mit seiner Frau eine Erklärung.

Was die Qualität seiner Romane angeht: Ein Michael Ende z.B. (eines seiner Vorbilder) ist er sicher nicht. Er lebt - wie auch andere - davon, dass in den 80ern deutschsprachige Autoren von Jugendliteratur rar waren, und jetzt ist er halt bekannt und etabliert.

ad Hohlbein: Masse statt Klasse. ;-)

Habe zwar erst 4-5 Bücher von ihm gelesen, aber die Einschätzung ist durchaus zutreffend. Wobei man ihm zugestehen muss, dass er für die Menge an Büchern doch ein gutes Niveau hält. Als Urlaubsschwarte, falls man mal wieder den vorab Buchkauf vergessen hat, gar nicht so übel.

Märchenmond war damals als 12 jähriger sozusagen meine Einführung in die fanastische Literatur.^^

Stimmt schon. Abgesehen davon finde ich nichts dabei, auch seichtere Literatur zu konsumieren - lässt einen schließlich die gute umso mehr genießen. Außerdem gibt es Gelegenheiten, wo man sich eher entspannen und dem Geist ebenfalls eine Ruhepause gönnen will. :-)

Genau so ist es. Deswegen genieße ich auch ab und zu mal sehr gerne Perry Rhodan-Hefterln aus den frühen Zyklen. Ich will damit aber nicht sagen, dass diese hohlbeinig seicht sind ...

Falls sie Perry Rhodan nicht kennen sollten:
Das ist eine deutsche SF-Heftromanserie, die seit ca. 50 Jahren existiert.
;-)

Ach ja noch etwas. Mittlerweile gibt es die Romane auch als Hörbücher (sehr gut gelesen) oder in digitaler Form.

Mein Lieblingsautor ist Leo Lukas, der immer wieder sehr witzige Elemente und Referenzen einbaut. Einmal ließ er zum Beispiel einen dekonstruktivistischen Architekten namens Wolf Deprix auftreten. Ähnlichkeiten zu lebenden Personen sind rein zufällig und nicht absichtlich. ;-)

Seit ca. fast genau 50 Jahren. ;-)
Es fehlt nur mehr ein halbes Monat bis zum Jubiläum.

Mein Vater hat da alle Romane von 1 - irgendwas über 1000. Habe mal damit angefangen, aber irgendwie spricht es mich leider nicht an. In Sachen Groschenromane waren mir John Sinclair und Prof. Zamorra immer lieber. Habe unlängst erst bemerkt, dass Sinclair noch immer rausgebracht wird. Werde wohl mal wieder reinschnuppern.

Ich möchte für den guten alten Perry auch eine Lanze brechen. Ich hab grad nicht so den Kopf für arg schwere Literatur und habe wieder mit Perry Rhodan begonnen (die Blauen Bände) und bin eigentlich wieder ganz angetan davon. Habe als 13jähriger so bis Band 30 oder 40 gelesen und es dann sein lassen.
Aber momentan (ich bin jetzt schon mehr als doppelt so alt) macht dieser anachronistische Scifi echt Spaß, da raucht sich Perry auch mal eine an, und zwar nicht um damit zu zeigen hey ich rauche, sondern einfach so um zu rauchen ;-)
Achja, und den leider wirklich nur schwer erträglichen Gucky hab ich in meiner Fantasiewelt kurzerhand in ein Tanuki Tom Robbinscher Prägung verwandelt :-)
oder so wie er in Japan leibt und lebt:
http://artmight.c

Apropos Zigaretten & PR:

Auslobung: Wer weiß, wo dies steht bekommt ein grünes Stricherl!

"...„Rotring“, stammelte Rhodan, um dann zu schreien: „Rotring – Shenons Zigarettenmarke. Sehen Sie es denn nicht? Kasom, lesen Sie die Aufschrift, ehe sie verbrennt. Das ist eine Rotring-Zigarette von Sergeant Miko Shenon.“ Sekunden später begriffen die Männer, was mit ihnen geschehen war. Rhodan fing sich zuerst. Er sah in bleiche Gesichter, in denen Entsetzen und Unglauben standen..."

Nachtrag: Das ist der Moment, in dem Rhodan erkennt, dass alle verkleinert wurden, nur halt nämlicher Sergeant und sein Team nicht, weil sie nicht im Wirkungsbereich der Waffe waren.

Müsste eines der Abenteuer in der Hohlwelt sein. Zum Nachschauen welches, bin ich jetzt zu faul.

Ich hatte irgendwann in den early 70s so eine Verhaftetheit mit Atlan-Heftelrn, deshalben ist mir "Tekener" ein Begriff. Inbegriff von Cool. Mein Leseratteneinstieg war gegeben. Ich mag alles von der Serie noch heute. Besitze ca 2500 Hefte ... will sie allerdings verschenken ...

"Inbegriff von Cool" klingt cool. :-)

Ich lese sie auch gelegentlich, bin aber jetzt auf die Hörbücher umgestiegen. Hefte lagern bei mir auch einige, allerdings keine Atlans - nur Rhodans.

Faulheit überwunden. :-)
PR Nr. 211 "Geheimwaffe Horror"

mmhh, das mit dem Link hat wohl nicht geklappt, aber vielleicht jetzt:
http://tinyurl.com/3eg32xn

Gucky-Tanuki der alte Eierbär, hehe

Die neue Art zu Denken,...

.
visionär - holistisch und dies alles in Echtzeit, erschaffen sie kontinuierlich das neue Weltbild der Zukunft,...daher "Raumschiff Enterprise & Co" war erst der Anfang,...;-)

Buchtipp: http://exopoliticshongkong.com/New_Book.html

kennt jemand eine buchhandlung in wien wo es eine größere auswahl an SF gibt? ich geh immer zum thalia auf die mariahilfer, aber hab mich gefragt ob es da auch andere buchhandlungen gibt ? über internet mag ich nichts bestellen.

Auf der rechten Wienzeile irgendwo zwischen Verkehrsamt und Schleifmühlgasse gibt (oder gab?) es eine Geschäft mit ausschließlich englischsprachigen Taschenbüchern. Die hatten eine recht große Auswahl an SF. Ich war aber schon lange nicht mehr dort, weiß nicht, ob es das noch gibt. Das Ambiente dort war, naja, nicht überwältigend, aber die Preise waren ok.

Indeed! :-)

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