Rundschau: R.I.P., Raumschiff Enterprise

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coverfoto: chizine

Derryl Murphy: "Napier's Bones"

Broschiert, 300 Seiten, ChiZine 2011.

Then the sky exploded in a bright flash of integers, logarithms, algebraic formulae, more. Entire sequences plummeted from the sky, dropping and screaming like Nazi Stukas, twisting and pulling up the last second to avoid hitting the ground, ripping through people, cars, buildings, trees and birds, before climbing hard back into the sky and breaking up in lightning-bright explosions. (...) "Search numbers!" shouted Billy ... Einmal mehr gewährt uns ein Autor - diesmal der bislang auf Kurzgeschichten spezialisierte Kanadier Derryl Murphy - Einblick in eine Realität hinter dem fadenscheinigen Vorhang der Welt, kurz: in die eigentliche Wirklichkeit. Und natürlich ist wieder nur eine kleine Minderheit von Menschen in der Lage diese wahrzunehmen. Numerates nennen sie sich, denn was die Vorgänge in unserer Welt steuert, ist die Mathematik. Bei Murphy bloß ein wenig unmittelbarer als im richtigen Leben.

Der 31-jährige Dom, ein in den USA lebender Kanadier, ist ein solcher numerate. Und wie alle VertreterInnen seiner geheimen Zunft ist er einzelgängerisch veranlagt und begierig auf die Erbeutung von Artefakten, die durch die Zufälligkeiten (? ... wer weiß) ihrer Entstehung und Benutzung mathematische Macht in sich tragen. Ein solcher Beutezug wird ihm gleich zu Romanbeginn beinahe zum Verhängnis: Er trifft auf einen wesentlich stärkeren Kollegen, kommt knapp mit dem Leben davon ... und findet sich zu seiner Überraschung mit einem zweiten Bewusstsein in seinem Körper wieder. Billy ist ein adjunct, auch "Template" oder "numerischer Schatten" genannt, kurz: jemand, der sein Bewusstsein enkodieren und damit über die körperliche Existenz hinaus am Leben erhalten konnte. Über diese frühere Existenz weiß er jedoch nichts mehr, und die Suche nach seiner ehemaligen Identität wird die beiden künftig als Nebenhandlung beschäftigen.

Weil es an zwischenmenschlicher Chemie aber noch nicht ausreicht, wenn aus einem Munde zwei Stimmen mit zwei Akzenten sprechen und der eine den Kopf des anderen schüttelt, bringt Murphy noch eine dritte Person ins Spiel. Jenna ist eine Kassierin, die Dom und Billy unterwegs aufgabeln, und zugleich ein großes, aber unausgebildetes numerisches Talent. Seltsam nur, dass die omnipräsenten Zahlen, die von den Normalsterblichen nicht wahrgenommen werden, Jenna stets auszuweichen scheinen. Da ist also einiges an persönlichen Hintergründen zu klären - und das, während die drei auf der Flucht vor demjenigen sind, der Dom zuvor beinahe getötet hätte. Wohinter sich niemand Geringeres als der Schatten John Napiers verbirgt, eines - realen - schottischen Mathematik-Genies aus dem 16. Jahrhundert. Napier hat am Ende seines Lebens eine Abakus-ähnliche Rechenhilfe, die Napierschen Rechenstäbchen (englisch: "Napier's Bones") ersonnen - in der Romanwelt begnügt er sich mit einem derart soften Zugang zur Welt der Zahlen nicht; hier sinnt er auf Unterwerfung. Womit die Flucht unseres Trios bald in die Mission, Napier aufzuhalten, umschlägt und Dom, der ursprünglich als numerate-typischer Egoist eingeführt wurde, sich zum Helden wandeln muss.

Vieles in "Napier's Bones" erinnert an den Film "23", in dem der Hacker Karl Koch mit den "Illuminatus!"-Büchern im Hinterkopf überall Muster und Querverbindungen wahrzunehmen glaubt, bis er darüber den Verstand verliert. Auch bei Derryl Murphy spielen Koinzidenzen eine wesentliche Rolle - 56 Jahre alt war der Jazzmusiker Charlie Mingus, als er in Mexiko starb, und genausoviele Wale strandeten kurz darauf an einem nahegelegenen Küstenabschnitt. Zufall? Auf jeden Fall laden solche Zusammentreffen in Murphys Roman Gegenstände vor Ort mit Macht auf. Man achtet auf der Flucht darauf, Stufen in unregelmäßigen Schritten hinunterzulaufen, um kein Muster zu hinterlassen, das auf kundige Augen wie ein Leuchtfeuer wirken könnte. Beim äußerst praktischen Manipulieren des Zahlenkrams auf Kreditkarten und dergleichen (worldly mojo, wie Billy es nennt) ist mit Vorsicht vorzugehen und natürlich - John Twelve Hawkes lässt grüßen - führt man heikle Anrufe nur von der Telefonzelle, nie vom Handy aus. So paranoid kann man schließlich gar nicht sein, wie man verfolgt wird.

Damit aber kein falscher Eindruck entsteht: So tritt die Mathematik im Roman zwar auch auf, aber es ist nicht die vorherrschende Form. "Napier's Bones" ist alles andere als eine fundamentale Auseinandersetzung mit dem Wesen der Mathematik, wofür es Murphy wohl auch schlicht und einfach am Rüstzeug gefehlt hätte. Nehmen wir zum Vergleich Ted Chiangs Erzählung "Division by Zero": Hier gerät das gesamte Denken einer Mathematikerin ins Wanken, als sie eine unwiderlegbare Gleichung entwickelt, die die Willkürlichkeit der vermeintlich makellosen Arithmetik beweist. Murphy füllt seinen Roman auch nicht mit mathematischen Anekdoten, wie es Arthur C. Clarke und Frederik Pohl in "Das letzte Theorem" gemacht haben - die Biografie Napiers bleibt hier im Wesentlichen das einzige derartige Element. Und auch eine Weltkonstruktion durch permanent herunterratternde Zahlenreihen wie in "Matrix" braucht man sich nicht vorzustellen. Sehr viel näher liegt da der Bereich der Fantasy: Allüberall in der ecology of numbers schwirren bunte Zahlensymbole durch die Gegend wie Elementargeisterchen - sehr ähnlich den kighs in Tanya Huffs "Quarters"-Reihe. Und wenn unsere ProtagonistInnen Salzkristalle in einem Irrgartenmuster auslegen, um darin bedrohliche "Suchzahlen" zu fangen, dann ist zwar kurz von einem Quanteneffekt die Rede ... aber eigentlich kennen wir das sehr gut von der alten Mär, wie man einen Vampir ablenkt: Viele kleine Gegenstände ausstreuen, weil er sie zwanghaft zählen muss.

Endgültig von der Mystery in die Fantasy wandert der Roman, wenn tierische Schutzgeister (familiars) und veritable Riesen auftreten - bis man sich im spektakulären finalen Showdown endgültig an einem "Harry Potter"-Set wähnt. Mit SF-Erwartungen darf man an "Napier's Bones" also nicht herangehen. Zur Belohnung erhält man einen spannenden Roman, der zwischendurch immer wieder - etwa wenn unser Trio schottischen Boden betritt und sich im Mietwagen kreischend im ersten Kreisverkehr seiner drei Leben dreht - mit Witz glänzt.

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