Wodka lässt russische Wirtschaft absaufen

Interview |
  • Gerhard Mangott: "Die Menschen in Russland greifen 
immer früher zum Alkohol. Das Einstiegsalter liegt heute bereits bei 13 
bis 15 Jahren."
    foto: privat

    Gerhard Mangott: "Die Menschen in Russland greifen immer früher zum Alkohol. Das Einstiegsalter liegt heute bereits bei 13 bis 15 Jahren."

Jede Stunde sterben in Russland acht Menschen an den Folgen von Alkoholmissbrauch - ein immenser Schaden für die Volkswirtschaft

In Russland läuten längst in periodischen Abständen die Alarmglocken. Die Demografiekurve zeigt stark nach unten. Jedes Jahr sterben bis zu 500.000 Menschen an direkten oder indirekten Folgen des Alkoholmissbrauchs. Warum der Staat seit den Zarenzeiten einerseits gut mit dem Suff seiner Bevölkerung leben kann, welche Maßnahmen er dennoch gegen den steigenden Wodka-Konsum setzte und welchen unrühmlichen Weltrekord das Land hält, erklärt Gerhard Mangott im derStandard.at-Interview.

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derStandard.at: Hochprozentiges ist in Russland Teil der nationalen Identität. Mit verheerenden Auswirkungen. Die Bevölkerungszahl schrumpfte innerhalb von nur acht Jahren um 2,2 Millionen Menschen.

Gerhard Mangott: Der extrem hohe Alkoholkonsum zählt zu den wichtigsten Faktoren für die hohe Sterberate in Russland. Die Russen greifen immer früher zum Alkohol. Das Einstiegsalter liegt derzeit bei 12 bis 13 Jahren. Allerdings wird zunächst Bier und Wein getrunken, erst allmählich auch Wodka und andere harten alkoholische Getränke. Der frühe und starke Alkoholkonsum ist noch immer ein männliches Phänomen. Bei Jungen ist das Einstiegsalter noch niedriger.

derStandard.at:  Für den Russen ist sein "Wässerchen" kein nationales Übel, sondern Ausdruck seiner nationalen Identität.

Mangott: Der Wodka-Konsum ist kein rezentes Phänomen. Berichte von Kaufleuten aus dem frühen Mittelalter zeugen vom starken Alkoholismus in der slawischen Bevölkerung. Mit Beginn des Getreideanbaus in Russland setzt die Herstellung von Wodka ein. Die langen lichtarmen Winter förderten den Alkoholkonsum und erhöhten das Suchtrisiko. In der zaristischen Zeit hielt zumeist der Staat das Alkoholmonopol. Ein hoher Anteil der Steuereinnahmen wurde durch den Alkoholverkauf gewonnen. Die Herrscher waren daher am starken Alkoholkonsum in der Bevölkerung interessiert. In den Jahren, in denen das staatliche Monopol aufgehoben war, waren es private Anbieter, die den Alkoholkonsum beförderten. Die Qualität des verkauften Alkohols war zudem niedrig; oft wurde der Alkohol gepantscht, um die Gewinnspanne zu steigern; zumal die privaten Anbieter auch hohe Abgaben aus dem Verkauf an den Staat zu zahlen hatten. Durch den minderen Alkohol wurden die gesundheitlichen Schäden noch größer.

derStandard.at:  Ein kulturpolitischer Teufelskreis demnach?

Mangott: Nicht immer. In Phasen reformerischer Regierungen gab es immer wieder Versuche, dem Alkoholismus entgegenzutreten. Sobald der Staat allerdings Geld brauchte, wurde das Alkoholmonopol wieder eingeführt. Stalin machte Lenins Maßnahmen zur Verringerung des Alkoholkonsums 1926 rückgängig, um die Industrialisierung voranzutreiben - mit verheerenden Auswirkungen für die Bevölkerung. Michail Gorbatschow wollte ab 1985 die Trunksucht mit restriktiven Verkaufsauflagen und höheren Preisen bekämpfen - nach vehementen Protesten musste er die Anordnung 1988 aber wieder zurücknehmen. Überdies waren die Einnahmen für den Staatshaushalt ausgeblieben und die Bevölkerung hatte begonnen, billigen Wodka zu brennen, den "Samogon".

derStandard.at:  Heute sterben pro Stunde im Schnitt acht Russen an den Folgen des Alkoholkonsums. Ist es nicht Zynismus, dass Namen von Kremlchefs, wie "Putinka" und "Medwedeff" Wodkaflaschen schmücken?

Mangott: Den "Putinka" gibt es seit 2004; er gilt als qualitätsvolle Marke. Den russischen Alkoholiker interessiert das aber nicht; entscheidend ist der Preis. Putin selbst trinkt den Wodka wohl nicht; er ist bekannt für seine Abstinenz.

derStandard.at: Boris Jelzin dagegen stand bei seinen Auslandsaufenthalten häufig unter dem Einfluss mehrerer Gläschen.

Mangott: Bei Jelzin war die Kombination von Psychopharmaka, Schmerzmitteln und Alkohol fatal. Seine teils entwürdigenden und beschämenden angetrunkenen Auftritte im Ausland haben trotzdem nicht zu einer Ächtung des Alkoholismus in Russland beigetragen.

derStandard.at: Gibt es Personen mit Vorbildwirkung?

Mangott: Es zeigt sich, dass der Alkoholkonsum mit dem wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg zurückgeht. Weniger zu trinken, wird geradezu zum Ausdruck des sozialen Aufstiegs. Abstinenz wird als Merkmal gesunder und moderner Lebensführung gesehen. In wirtschaftlichen Führungsstäben finden sich immer weniger Russen, die trinken. Abstinenz wird zum Aushängeschild hoher Leistungs- und Arbeitsqualität.

derStandard.at:  Der Wodka-Markt beläuft sich in Russland immerhin auf etwa 18 Milliarden Dollar.

Mangott: Nicht jeder Russe und nicht jede Region ist gleich betroffen. Alkohol ist nicht nur ein männliches Phänomen, sondern auch ein slawisches. Nicht-ethnische Russen in den muslimischen Regionen des Landes haben eine sehr niedrige Alkoholismusrate, eine deutlich höhere Lebenserwartung und eine hohe Geburtenrate. Im islamischen Nordkaukasus oder in Tatarstan und Baschkortostan ist der Alkoholkonsum sehr viel niedriger. Besonders hoch ist der Alkoholismus in Ostsibirien und dem Fernen Osten, die wirtschaftliche Krisenregionen sind. Wirtschaftlich verfallende Industriestädte weisen extrem hohe Alkoholismusraten aus.

derStandard.at:  Und die Regierung schaut zu?

Mangott: Die Regierung hat ein umfassendes Gesundheitsprogramm gestartet. Bis 2020 soll der Alkoholkonsum um die Hälfte verringert werden. Mindestpreise für Wodka wurden festgelegt, durch Vertriebsrestriktionen sollen vor allem Jugendliche vom Alkoholkonsum ferngehalten werden. Höhere Preise aber fördern den Konsum von illegal gebranntem, gesundheitsschädlicherem Wodka; auch werden Industriealkohole und andere Substitute getrunken. 2010 wurde der Verkaufspreis für Wodka angehoben. Ein halber Liter Wodka muss mindestens 89 Rubel kosten (2 bis 2,5 Euro). Das monatliche Durchschnittseinkommen eines Russen beträgt 18.000 Rubel, also kann man immer noch eine ganze Menge trinken. Jährlich trinken Russen im Durchschnitt 17 Liter Wodka.

derStandard.at: Man schätzt, dass im Jahr 750 Millionen Liter Wodka illegal hergestellt werden. Zeitgleich stellte Vladimir Putin während seiner Amtszeit acht Millionen Euro für Aufklärungskampagnen bereit. Ein Tropfen auf dem heißen Stein?

Mangott: Die Ergebnisse sind mässig. Auch wenn imm mehr weniger starke Alkoholika wie Bier und Wein getrunken werden, liegt der Anteil von Wodka am konsumierten Alkohol bei den über 29-Jährigen bei über 60 Prozent. Bei den Jüngeren sind es nur mehr 20 Prozent.

derStandard.at:  Experten schätzen die Zahl der jährlichen Todesopfer als Folge des Alkoholmissbrauchs von 75.000 bis 500.000. Der demographische Rückgang in Russland ist somit höher als beispielsweise der in Bangladesch.

Mangott: Die unterschiedlichen Zahlen entstehen durch die Definition, welche Todesfälle indirekt auf Alkoholismus zurückgeführt werden können. Alkoholvergiftungen, die unmittelbar zum Tode führen, sind statistisch präzise messbar. Schwieriger wird es bei Arbeits- und Verkehrsunfällen, bei Mord oder Selbstmord, die durch Alkoholismus verursacht werden.

derStandard.at:  Der volkswirtschaftliche Schaden ist immens.

Mangott: Dazu gibt es keine verlässlichen Studien, lediglich Schätzungen. Die Zahl der Russen, die im aktiven Erwerbsleben stehen - 15-59 Jahre - nimmt ständig ab; gerade in diesen Alterskohorten ist aber die alkoholinduzierte Sterblichkeit groß. Durch die niedrigen Geburtenraten ab 1988 wird in den kommenden Jahren in vielen Sektoren Arbeitskräftemangel auftreten. Die Qualität und Produktivität der Arbeitsleistung wird durch die Trinksucht deutlich abgesenkt.

derStandard.at:  Wo steht Russland heute mit der Problematik?

Mangott: In dem Regierungsprogramm zur Eindämmung und Prävention des Alkoholkonsums sind nicht nur gesetzliche Mindestpreise festgelegt, sondern wird auch die Werbung für Alkohol deutlich eingeschränkt und ist eine restriktivere Zulassung von Verkaufsstellen vorgesehen. Es ist aber zweifelhaft, dass damit deutliche Erfolge erzielt werden können.

derStandard.at: Wie unterstützend wirken medizinische Maßnahmen?

Mangott: Die russische Medizin legt wenig Wert auf Prävention; sie ist kurativ orientiert. Krankheiten werden erst behandelt, wenn sie bereits aufgetreten sind. Vorsorge- oder Gesundheitsuntersuchungen gibt es kaum. Gerade in den ländlichen Regionen ist die Zahl der Allgemeinmediziner, die eine erste Anlaufstelle für Alkoholkranke sein könnten, niedrig. Demgegenüber ist die Zahl der Fachärzte sehr hoch. Dies war auch in der Sowjetunion der Fall gewesen.

derStandard.at: 1994 erreichte die Lebenserwartung den niedrigsten Stand der nachsowjetischen Zeit.

Mangott: Richtig. Die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern lag damals bei 57,8 Jahren, von Frauen bei 71,4 Jahren. Das gesetzliche Rentenantrittsalter liegt bei 60 Jahren. Danach ist die Lebenserwartung mit einigen Rückschlägen aber wieder angewachsen. Die Lebenserwartung von Männern liegt nunmehr bei 62,8 Jahren, von Frauen bei 74,7 Jahren. Die Lebenserwartung auf dem Land ist niedriger als in den Städten, die der Männer niedriger als die der Frauen. Nirgendwo sonst auf der Welt ist der gender gap größer als in Russland; mehr als 54 Prozent der russischen Bevölkerung sind Frauen.(Sigrid Schamall, derStandard.at, 12.7.2011)

Dr. GERHARD MANGOTT ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck. Seit 25 Jahren befasst er sich mit den Entwicklungen der Sowjetunion und von Russland.

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