Aus der Traum. Trotz Traumquoten ist das öffentliche Wehklagen in Deutschland groß
Berlin - Man kann nicht sagen, dass die Deutschen schlechte Gastgeber sind. 2006 ließen die Männer daheim Italien im Halbfinale den Vortritt. Nun sind die deutschen Frauen - eigentlich haushohe Turnierfavoritinnen - überraschend früh ausgeschieden. Im Viertelfinale unterlagen sie den Japanerinnen in der Verlängerung 0:1. Die "Nelken" spielen nun im Halbfinale gegen Schweden, das Australien mit 3:1 bezwang. Die USA (Sieg nach 1:1 im Elfmeterschießen gegen Brasilien) freuen sich auf Frankreich, das England nach einem 1:1 ebenfalls im Elfmeterschießen bezwang. Durch den Sieg der Schwedinnen ist Deutschland auch bei Olympia 2012 in London nicht vertreten.
Triumphieren können zumindest die Host-Broadcaster. Das ZDF begrüßte am Samstagabend fast 17 Millionen Menschen - ein Rekord. Doch ansonsten herrscht Katzenjammer. "Das Sommermärchen endet im Tränen-Meer", schrieb der Berliner Kurier. "WM-Titel futschi", stöhnte BamS.
Kritik an Neid
Nach dem Ausscheiden kommt Trainerin Silvia Neid zunehmend unter Druck. Vor Beginn des Turniers war sie gefeiert worden, weil ihre "Mädels" als fast unschlagbar galten und bei den Vorbereitungsspielen einen haushohen Sieg nach dem anderen landeten.
Doch die lange Anlaufphase mit dem vielen Training wird nun kritisiert. "Die Spielerinnen waren mental platt. Die monatelange Vorbereitung hat sich nicht ausgezahlt - ganz im Gegenteil. Mannschaften wie Japan und Frankreich, die sich nur eine Woche auf die WM vorbereiten konnten, sind während des Turniers an uns vorbeigezogen", sagte Bernd Schröder, der Trainer des deutschen Meisters Turbine Potsdam.
Rücktrittsgedanken hat Trainerin Neid dennoch nicht. Sie will sich jetzt auf die Vorbereitung der EM 2013 konzentrieren und dafür ein neues Team aufbauen. Mit dem alten hat es bei dieser WM ohnehin zunehmend Probleme gegeben, vor allem mit Rekordnationalspielerin Birgit Prinz.
Die 33-Jährige beendete ihre Karriere beim Spiel gegen Japan auf der Bank und kochte sichtlich. "Ich bin frustriert und enttäuscht. Ich habe mich fit gefühlt, ich hätte gerne gespielt, die Trainerin hat anders entschieden." Zuvor war Prinz von Neid schon in der Partie gegen Nigeria in der 53. Minute ausgewechselt und quasi demontiert worden. Fatmire Bajramaj, im Vorfeld zum Gesicht der WM hochgejubelt, durfte gegen Japan ebenfalls nicht stürmen.
Trost spendete die Berliner Zeitung. In 26 Tagen beginne ja wieder die Bundesliga, diesmal mit Hertha Berlin. Gemeint waren allerdings die Männer. (Birgit Baumann aus Berlin; DER STANDARD Printausgabe 11. Juli 2011)