Google Plus und die Zukunft sozialer Technik

Übersinnlich

Gastkommentar | 11. Juli 2011, 10:20

Mit Google Plus hat der Suchmaschinengigant sein Portfolio logisch erweitert. Doch wie wird der nächste Schritt aussehen?

Es wächst zusammen, was zusammengehört: Auf der Plattform Google+ fusionieren "Search" und "Social". Sie bilden die neue Einheit für den nächsten großen Wurf des Internetgiganten: Die semantische Suche, die jede Anfrage versteht und beantwortet - abgestimmt auf den eigenen Kosmos, die eigenen Wünsche und Vorstellungen. Überall, auf jedem Gerät, ohne Apps und all dem Schnickschnack. Ein Blick in die Glaskugel - denn die Frage à la Jeff Jarvis lautet nicht: Was würde Google tun, sondern was wird Google tun?

"Was interessiert Dich?"

"Die perfekte Suchmaschine versteht genau das, was man meint, und liefert genau das, was man sucht", sagt Larry Page, Mitbegründer von Google. Es ist der erste Satz von Googles Unternehmensphilosophie. Insofern ist die Entwicklung von Google+ eine logische Folge: "Die Plattform ist eine geschickte Annäherung an die Zukunft der Medienrezeption. Die Informationsquellen werden von einem sozialen Filter aus Multiplikatoren verbreitet, thematisch geordnet und zusammenklickbar", schreibt Sascha Lobo in seiner Spiegel-Online-Kolumne. Während die Urfrage von Facebook "Wer bist Du" sei, laute die Urfrage von Google+ "Was interessiert Dich?"

Google hat damit zugleich den Gong für die nächste Kampfrunde geschlagen. "Google+ hat direkt erkennbar zwar keine semantischen Fähigkeiten. Es kann aber im Konzert mit anderen Google-Applikationen der entscheidende Baustein für die semantische Suche sein", sagt Udo Nadolski, Geschäftsführer von Harvey Nash in Düsseldorf. Ein Beispiel, das dem IT-Personalexperten vorschwebt: Man sucht nach einem Auto, und angeboten wird mir nicht mehr eine Suchergebnisliste mit diversen Angeboten, sondern exakt der Wagen, der den eigenen Vorstellungen entspricht - ermittelt aus dem über die Zeit gewachsenen eigenen sozialen Profil. Ein Indiz für das Voranschreiten der semantischen Suche: Anfang Juni haben Google, Microsoft und Yahoo die Initiative "www.schema.org" gestartet. Content-Provider sollen ermutigt werden, einfache semantische Annotationen in ihre Webseiten einzubauen, damit diese besser und treffsicherer gefunden werden. Google nimmt die Kritik also ernst, dass die Suchfunktion noch zu unscharf ist und will dies mit Semantik verbessern.

50 Milliarden vernetzte Endgeräte

Natürlich läuft Google+ auch auf dem Smartphone-Betriebssystem Android und steckt damit in der Hosentasche der "Smart Natives", den Nachfolgern der sogenannten "Digital Natives". Aber nicht nur die technikaffine Jugend wird Google damit erreichen: Studien gehen davon aus, dass es bis zum Jahr 2020 rund 50 Milliarden vernetzte Endgeräte auf der Welt geben wird, also wesentlich mehr als menschliche Benutzer. Das Internet steckt dann auch in der Uhr, im Kühlschrank oder in der Brille. Die vernetzten Geräte werden anders bedient: „Es werden semantische User-Interfaces entstehen", prognostiziert Nadolski. Was spräche dagegen, dass man ein bestimmtes Auto auf der Straße etwas länger anschaut und die Brille erkennt das Interesse und spielt automatisch alle relevanten Informationen dazu ein, einschließlich des Händlers, bei dem man eine Probefahrt machen kann?

Ob Augen, Sprache oder Gestik - der Mensch steuert seine Technologie in Zukunft mit allen Sinnen. Ob wir dafür noch einzelne Apps ansteuern müssen und uns durch komplizierte Menüstrukturen quälen, bezweifelt Nadolski. Es habe keinen Sinn, dass wir User-Interfaces haben, die so viele Menschen nicht verstehen. Also müssen die Benutzeroberflächen an uns angepasst werden, nicht umgekehrt. Dort, wo der Anwender das Gerät berührt, wo er Informationen abliest und eingibt, entscheidet sich, ob die Maschine das tut, was sie soll. Nicht, ob die Technik es kann, ist die Frage - sondern, ob der Benutzer selbst herausfindet, wie es geht. Der liebwerteste Philosophie-Gichtling Norbert Bolz hält Menüs für sinnvoll, die eine normale Ansicht und eine Expertenansicht haben, auf die man bei Bedarf umschalten kann. So sind nur die Funktionen aufgelistet, die man auch wirklich sehen will. Generell gilt: Die Benutzeroberfläche muss klar gestaltet sein - und sie soll schön sein, damit sie Appetit auf die Anwendung macht. "Ein intelligentes Nutzer-Interface gibt auf jeden Fall das Gefühl, man sei Herr der Technik, auch wenn man vielleicht in Wahrheit letztlich doch der Sklave der Maschine bleibt. Aber dieses Gefühl, ich bin der Souverän im Umgang mit meinen Technologien, ist, glaube ich, unverzichtbar dafür, dass man Lust bekommt, sich auf die Möglichkeiten der Technik überhaupt einzulassen", so Bolz. Lust sei der Königsweg zur Nutzung von modernen Technologien. (derStandard.at, 11.7.2011)

Autor

Gunnar Sohn, The European, der Wirtschaftspublizist und Medienberater ist Chefredakteur des Onlinemagazins NeueNachricht

Kommentar posten
23 Postings
Dr. Bitter
00
12.7.2011, 09:38

.....hält Menüs für sinnvoll, die eine normale Ansicht und eine Expertenansicht haben....

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weiteres hier:

Blödmaschinen: Die Fabrikation der Stupidität (edition suhrkamp)
Georg Seeßlen (Autor), Markus Metz (Autor)

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sterngucker
 
01
12.7.2011, 09:07
Totalitärer Wahnwitz

Was euphemistisch als Eingehen auf den Benutzer verkauft wird - wer könnte schließlich dagegen etwas haben? - steuert auf eine Generation von Maschinen zu, die dem Menschen das Denken abnehmen. Man muß schon sehr blauäugig sein, um dieser Entmündigung unkritisch entgegenzujubeln.

Schwedenbombe
 
00
12.7.2011, 08:43
ich freue mich darauf

als standhafter facebook verweigerer :))

Tomee
00
12.7.2011, 08:18
meingott, sensibelchen

"ich will keine werbung sehen", "werde nur zugespammt...", aber alles gratis - das ist selbstverständlich. ja no na werden neue technologien meistens durch marketing finanziert, ist nicht seit gestern so. natürlich nervt spam und werbung, aber bei aller liebe - ich sehe sie nicht mehr. eine kombi zwischen ein paar browser addons und jahrelanger kompletten ignoranz gegenüber werbung bewirken wahre wunder.

broncoo
12
11.7.2011, 18:17
also da mach' ich nicht mit - soweit ich es verhindern kann

Gegen Bewegungsprofile durchs Handy kann ich kaum was machen (außer, kein Handy zu besitzen).

Was ich suche, weiß Google (und kann es über cookie einem "Profil" zuordnen) - und schlimmstenfalls auch herausfinden, wer ich tatsächlich bin.

Was ich ansurfe, weiß mein Provider.

Welchen Senf ich abgebe, weiß der Standard - und darin spiegelt sich kein "scharfes Profil", weil ich natürlich auch oft gegen meine Einstellung poste, um diese nicht preiszugeben.

Weiter will ich bei der "freiwilligen Überwachung" eigentlich net mitmachen ...

Heavyweather
01
12.7.2011, 02:52

War das jetzt so ein Verwirrungsposting?

Ich verbreite nur falsche und gute Infos...damit alle die nach mir suchen (personaler z.b.) ein schön sauberes und tolles profil erhalten.

broncoo
00
12.7.2011, 05:26

das war ziemlich zutreffend *g*

.MS.
02
11.7.2011, 14:49
Die Menschen werden lernen damit umzugehen

noch befinden wir uns mitten in der digitalen Revolution. Es wird laufend neues erfunden und wieder verworfen. Es entstehen neue Möglichkeiten der Kommunikation und Zusammenarbeit, die Art zu leben selbst ändert sich.
Google+ und Google selbst sind mikroskopisch kleine Schritte in der sich wandelnden Gesellschaft.
Derzeit sind fast nur Firmen die Triebfeder des Wandels. Es fehlt der philsophische Überbau, das utopische Ziel (davon haben wir nach den Erfahrungen des vorigen Jahrhunderts auch die Nase voll). Aber letzten Endes werden die vorhandenen Strukturen durch neue ersetzt werden und der einzelne Mensch ist dabei ein weit größeres Gewicht zu erlangen als je zuvor - indem er sich die Mittel der Zeit zu Nutze macht.

her wig
00
11.7.2011, 13:00
Die perfekte Suchmaschine kennt Dich besser als Du selbst.

Poldi Fesch
10
11.7.2011, 18:14
da hat sie aber

noch viel zu lernen
meine Testfrage "Marathon"d

http://www.marathon.com/

http://en.wikipedia.org/wiki/Marathon
http://www.marathonguide.com/

die richtige Antwort
http://www.marathonguide.com/

vorletzter Treffer auf Seite 4. Da muessens noch viel ueben

Einer neuer Nick, um jeden Preis!
00
11.7.2011, 11:07

Lust spielt für mich keine Rolle. Es muss schnell gehen und unkompliziert sein.

Und nein, ich rede nicht von Sex.

Fernando António Nogueira Pessoa
00
12.7.2011, 08:09

MacDonalds?

4simo
01
11.7.2011, 13:55
das wäre auch sehr traurig

(...)
06
11.7.2011, 11:06
Beunruhigend

"Was spräche dagegen, dass man ein bestimmtes Auto auf der Straße etwas länger anschaut und die Brille erkennt das Interesse und spielt automatisch alle relevanten Informationen dazu ein, einschließlich des Händlers, bei dem man eine Probefahrt machen kann?"

Diesen wirtschaftlichen Aspekt an der Sache finde ich extrem beunruhigend. Das Idealbild ist also ein ständig von Werbung zugemüllter Mensch?
Da ist der Schritt hin zum "EyePhone" wirklich nicht mehr weit. http://www.youtube.com/watch?v=E... re=related

Wald4tler Wiener
03
11.7.2011, 22:02

@(...)
"Was spräche dagegen, dass man ein bestimmtes Auto auf der Straße etwas länger anschaut und die Brille erkennt das Interesse und spielt automatisch alle relevanten Informationen dazu ein, einschließlich des Händlers, bei dem man eine Probefahrt machen kann?"

Dann hat die Brille falsch erkannt! Das Auto ist mir egal - ich hab' mir die resche Fahrerin länger angeschaut...
Wenn also in der Brille statt irgendwelcher belangloser Händlerinformationen, die Telefonnummer, der Familienstand und das Alter der Lenkerin eingeblendet wird, kommen wir ins Geschäft. ;)

Heavyweather
00
12.7.2011, 02:55

Das könnt facebook wenn sie das gesichtserkennungs feature endlich auf alles erweitern würden...

trollvottel
03
11.7.2011, 11:35

Das Problem daran: Die wenigsten User wollen solchen Werbemüll sehen.

Ich will lieber die Form eines schönen Autos auf mich wirken lassen, statt auf Tür und Kühlerhaube den Preis und die Kubik und die PS abzulesen ...

... und ich kann mir vorstellen, dass es vielen ähnlich geht: Kaum eine Software im Netz ist beliebter als die Werbeblocker, die eben genau die lästig bunt blinkenden Aufmerksamkeitserreger endlich abdrehen.

gk76
00
11.7.2011, 11:34
warum wollen Sie nicht unkompliziert Informationen

zu Dingen die Sie interessieren?

THE MGT.
01
12.7.2011, 04:05
"unkompliziert Informationen"?

Werbefilmchen, Werbejingles usw.?

Ich hab gern komplizierte Informationen. Und ich hab sie gerne dann, wenn ich sie haben will, nicht wenn mir jemand etwas verkaufen will.

Das Leben ist zu kurz, um es im Konsumwahn zu verbringen.

TuringBot
02
11.7.2011, 20:48
weil ich eben keine Informationen zu sehen bekomme, die mich interessiert

sondern Werbemüll.

Suchen's mal mit google nach Kommentaren oder Bewertungen zu Produkten, die sie interessieren. Dann bekommen Sie Unmengen von Pimperl-Shops, die alle einen "Kommentar" oder eine "Bewertung" anbieten, bloß steht da nie was drinnen, weil kein Mensch dort einkauft.

(...)
00
11.7.2011, 18:00
Zwangsgeglückung

Warum soll ich damit zwangsbeglückt werden? Denn nur darum geht es ja.

Um diese Informationen dann NICHT geliefert zu bekommen benötigt man zukünftig wahrscheinlich eine Werbeblockersoftware...so wie...huch...jetzt auch schon.

Franz_Josef
04
11.7.2011, 10:49
"Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht ohnehin nicht tun."

http://www.spiegel.de/netzwelt/... 13,00.html

Dieses Weltbild - "wer nichts zu verbergen hat, braucht sich doch keine Sorgen zu machen", kennt man aus totalitären Staaten.

"Schmidts Satz verrät gleich drei beunruhigende Haltungen: Erstens, so kann man ihn interpretieren, sind Sie selbst schuld, wenn Sie es heute noch wagen, Geheimnisse haben zu wollen. Zweitens weiß Google schon längst verdammt viel über Sie. Und drittens wird der Konzern all die Informationen, die er über Sie hat, nicht gegen Sie verwenden - denn das dürfen nur Regierungsbehörden."

Einer neuer Nick, um jeden Preis!
03
11.7.2011, 11:06

Google und Facebook werden ein Gegenbewegung auslösen. Die Leut werden ihre Daten nicht mehr jeden X-beliebigen geben, sondern auswählen und/oder anonymisieren. Sehen wir die Fakten, egal wieviel google von mir weiß, der Handel weiß über die Kundenkarte derzeit noch mehr bzw. Interessanteres.

Wobei man das ja als Deal sehen sollte. Ich krieg ja was für die Informationen, die ich hergib.

Ich bin persönlich zurückhaltend, zb nicht bei Facebook. Aber das Problem ist, ich hab keine Ahnung, was mein computer macht. Das muss in Zukunft leichter werden, das zu durchschauen.

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