Oktopus im wilden Westen

11. Juli 2011, 16:56
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Mit Vogelbeobachtung, geführten Exkursionen ins Hinterland und Wanderungen durch Naturparks positioniert sich die Algarve neu

Puh, angekommen. Grün, so weit das Auge reicht, Olivenhaine bis an den Horizont, wo gerade eine sanfte Sonne im Meer versinkt. Das Monte Velho Eco Resort an der Costa Vicentina in Portugal steht ganz im Zeichen von Ruhe und Harmonie. Im Frühstücksraum begrüßt einen ein freundlicher Elefantengott, draußen vor dem Haus lädt ein überdachtes Podest zum Verweilen ein.

Jede der zwölf Suiten hat eine eigene Terrasse mit Hängematte, manchmal finden Yogaklassen statt, auf Bestellung gibt es Shiatsu-Behandlungen, und auf dem nahegelegenen Pferdehof kann man reiten. Das ist es dann aber auch schon mit Programm. Denn die größte Attraktion war immer schon da an der wilden Westseite der Algarve: die Küste.

Die unverbaute Küste wohlgemerkt, denn anders als im Süden, wo sich um den Flughafen Faro eine Bausünde an die andere reiht, weiß man hier, im "Parque Natural Suedeste Alentejo" sehr wohl, welchen Schatz man zu bewahren hat. 76.000 Hektar Land und rund 80 Kilometer Küstenlinie sind geschützt und ziehen ein Publikum an, das seinen Urlaub nicht an überfüllten Stränden verbringen will. Disco ist hier nicht.

Dafür Kilometer langer Sandstrand in felsflankierten Buchten, die teilweise nur zu Fuß oder vom Boot aus zu erreichen sind. Und ein wildes Meer, das mehr zum Surfen denn zum Schwimmen einlädt. Demzufolge sind es auch oft Surfer, die hier auf windausgesetzten Parkplätzen tagelang campieren und auf die Welle warten. Ganz legal ist das nicht, aber geduldet, solange die Beachboys ihren Dreck wegräumen. Denn da hört sich bei den Einheimischen der Spaß auf.

Schließlich sind Naturliebhaber, Wanderer und Bird-Watcher inzwischen eine wichtige Zielgruppe, das weiß Luís Coelho, zuständig für Gesundheit- und Wellness bei Algarve Tourismus. Er kennt die Region von Kindheit an und möchte sie nun auch Besuchern aus aller Welt schmackhaft machen. Die Angebote für genau diese Zielgruppe seien inzwischen vielfältig, der Beweis wird am nächsten Morgen umgehend angetreten.

Bird-Watching

An der Praia do Amado, wenige Kilometer vom Monte Velho entfernt, begrüßt Thijs Valrenburg eine kleine Gruppe von Wanderern und Bird-Watchern. Der gebürtige Niederländer ist in Portugal aufgewachsen und somit perfekt zweisprachig, Englisch kann er auch noch: "Ja, es sind vor allem die Briten, die zur Vogelbeobachtung kommen, aber auch Gäste aus anderen Nationen interessieren sich zunehmend dafür", erzählt er.

Dann marschiert er auch schon den schmalen Pfad zwischen Macchia und Lavendel die Klippe hinauf. Bei dem steilen Anstieg verstummen die Wanderer schnell, kommen gehörig ins Schwitzen und werden mit fantastischen Ausblicken auf bizarre Felsformationen belohnt. Immer wieder weist Thijs auf besondere Pflanzen und Tiere hin: "Da ein Falke", flüstert er und reicht das Fernglas weiter. "Stellt euch vor, er kann Geschwindigkeiten bis zu 400 km/h erreichen." Noch bevor der ungeübte Vogelbeobachter das Fernglas scharfstellen kann, ist das Tier schon in der Nachbarbucht verschwunden.

Durch das viele Auf und Ab ist die Wanderung entlang der Küste nicht unanstrengend, und alle sind froh, dass sie nach drei Stunden von Thijs' Kollegen mit dem Jeep abgeholt werden und nicht den ganzen Weg zurückgehen müssen.

Korkeichen und Honig

Wer nicht gut zu Fuß ist, kann die Region auch gleich mit dem Jeep erkunden. Bei geführten Touren in der Gegend von Monchique lernen die Gäste, dass die landestypischen Korkeichen nur alle neun Jahre geschält werden dürfen; und auch da jeweils nur zu einem Drittel - alles andere würde den Baum zu sehr belasten und keine gute Korkqualität ergeben.

Neben dem Kork sind Honig und Schnaps aus den Früchten des Erdbeerbaumes, genannt Medronho, typische Produkte der Region. Beides kann bei einem Bauern verkostet werden, und vor allem der Honig besticht durch seine besondere Qualität: Schließlich blühen hier das ganze Jahr über die Blumen.

Von der Qualität des Korkes, des Weines und des fangfrischen Fisches lassen sich die Besucher im Dorf Aldeia da Pedralva überzeugen. Nur fünf Familien waren in dem idyllischen Ort zurückgeblieben, weil die Alten wegstarben und die Jungen in die Städte oder gleich ins Ausland auswanderten.

Bis António Ferreira aus Lissabon sich hier ein Haus kaufte. Erst nur für den privaten Gebrauch - er ist - richtig - Surfer und machte einfach gerne Urlaub in der Gegend. Bis er beschloss, aus seinem stressigen Job in der Werbung auszusteigen und zu bleiben. Sein ehrgeiziger Plan: das ganze Dorf aufzukaufen und zu beleben. "Der härteste Teil der Arbeit war es, die Erben zu finden. Es waren an die 200", erzählt er. Nach und nach konnte er alle finden und überzeugen, und heute ist das ganze Dorf ein Hotel, bestehend aus einer gewachsenen Struktur aus Einzelhäuser.

"Es gibt Roomservice und ein Restaurant, aber man hat doch seine Unabhängigkeit", erklärt Ferrera das Konzept. "Wer nicht im Restaurant essen möchte, kann in der eigenen Küche kochen oder auf seiner Terrasse grillen. Ein Anruf von uns genügt, und der Fischer bringt seinen Fang direkt an die Tür." Um die 120 Euro kostet die Nacht für zwei bis vier Personen in einem der weißgetünchten Häuschen. Der Laden brummt, obwohl man ein Mietauto braucht, um ans nahegelegene Meer zu kommen.

"Es kommen längst nicht mehr alle, um am Strand zu liegen", beteuert Lúcio Feio von Alternativetour Portugal. Er führt Wanderer durch den Biopark von Monchique. "Durch die verschiedenen Einflüsse vom Atlantik und vom Mittelmeer haben wir hier 14 verschiedene Mikroklimata", erklärt er, während die Gruppe durch den Eukalyptuswald spaziert.

"Auf Granitterrassen haben die Einheimischen hier ihr Gemüse angebaut, das aufgrund der günstigen Bedingungen das ganze Jahr gedeiht", erzählt Lucio. Aufgrund der billigeren Massenproduktion habe sich das nicht mehr rentiert, und die mühsam dem Berg abgerungenen Terrassen seien verfallen. "Jetzt in der Krise bauen die Leute hier wieder Tomaten und Salat an", sagt Lucio.

Der Eukalyptuswald sei eigentlich nicht typisch für die Gegend, die traditionell von Korkeichen dominiert sei. "2003 hat hier ein schlimmes Feuer gewütet, das schweren wirtschaftlichen Schaden angerichtet hat. Der Eukalyptus wächst schnell, ist daher beliebt, aber das Geld wurde mit den Korkeichen gemacht." Hätten in den 70er-Jahren noch rund 20.000 Menschen in Monchique gewohnt, sind es heute nur noch knappe 5000. Eine Entwicklung, die der Tourismus zu bremsen helfen soll.

Deutlicher noch als in Monchique wird in Faro das neue Miteinander von Fremdenverkehr und Naturerlebnis erfahrbar. Praktisch direkt unter der Einflugschneise der startenden und landenden Flugzeuge liegt der 1987 gegründete Ria Formosa Natural Park. Wandert man ein Stück in das Schwemmland, in dem der Fluss aufs Meer trifft, verschwindet der Flugzeuglärm.

Purpurhuhn im Golfteich

Die rund 18.400 Hektar geschützte Fläche sind ein Vogelparadies, Flamingos, Säbelschnäbler und Löffler und viele andere Zugvögel können mit ein bisschen Glück beobachtet werden. Der Naturführerin Barbara Abelho kommen auch so schwierige Wörter wie Kiebitzregenpfeifer und Samtkopfgrasmücke locker über die Lippen, sie hat ja Übung.

Der geplante Höhepunkt der Tour, die an Becken zur Salzgewinnung vorbeiführt, ist das Aufspüren eines Purpurhuhnes, das auch das Wappentier des Naturparkes ist. Allein, das Tier will sich nicht zeigen. Erst auf dem Rückweg ist es zu entdecken: Es hat der Natur den Rücken gekehrt und planscht friedlich in einem Teich, der künstlich in einer Golfanlage angelegt wurde.

Für Fußmüde gibt es auch hier eine Alternative: Eine Tour durch den Ria Formosa Park kann auch im Fischerboot unternommen werden. Dabei erfährt man viel über die traditionellen Austernfischer des Marschlandes und die Bedeutung der vorgelagerten Dünen zum Schutz vor Erosion und Verlandung.

Wer sich nach so viel Information einfach ein bisschen in der Sonne erholen möchte, steigt in Faro auf den Katamaran zur Ilha Deserta. Auf der bis auf ein Restaurant (tolle Architektur von Gonçalo Rita Brito Vargas) unverbauten Insel spaziert man am Strand entlang, freut sich, wenn man eine Muschel findet, oder beobachtet die Kitesurfer. Und findet Ruhe und Harmonie. (Tanja Paar/DER STANDARD/Printausgabe/09.07.2011)

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