Glyndebourne am Ossiacher See

10. Juli 2011, 19:18
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Der Carinthische Sommer wurde am Sonntag eröffnet - Das Festival stellt das Werk von Darius Milhaud in den Mittelpunkt

Am Montag hat in Ossiach "Götter & Söhne" Premiere.

Ossiach – Der Carinthische Sommer, sagt Titus Hollweg, Regisseur der diesjährigen Eröffnungspremiere Götter & Söhne, sei eine Art österreichisches Glyndebourne, ein kleines, feines und hochkarätig programmiertes Festival.

Eines allerdings, bei dem man schon den Zustand der Stagnation als erstrebenswert ansehen müsse, wie Festival-Intendant Thomas Daniel Schlee in seiner Eröffnungsrede Sonntagabend frustriert feststellte. Mit einem vergleichsweise Minibudget von 1,9 Millionen Euro und sechs Mitarbeitern werden 46 Veranstaltungen realisiert. Bregenz wickelt rund doppelt so viele Veranstaltungen mit fünfzig festen Mitarbeitern und einem zehnfachen Budget ab; Grafenegg stehen für vierzig Veranstaltungen immerhin auch noch 5,5 Millionen Euro zur Verfügung.

Nicht nur dass Günter Domenigs Steinhaus am Ossiacher See, anders als von der Landespolitik versprochen, dem Carinthischen Sommer nicht als fixe Spielstätte zur Verfügung steht, nun haben die Kärntner Kulturpolitiker für die nächsten drei Jahre ein Minus von 16 Prozent avisiert.

Musikalische Belehrung

2012 wird noch eine Kirchenoper uraufgeführt, der Klagenfurter Komponist Bruno Strobl ist damit beauftragt. "Aber danach ist diese Art der Produktion beendet", konstatiert Schlee im Journalistengespräch. "Das bedeutet natürlich auch eine drastische Verkleinerung des Festivals. Die Kirchenoper ist damit tot. Ich habe acht Jahre gekämpft, aber heute muss ich sagen: Es lohnt nicht. Wie immer Sie es deuten: Sie deuten es richtig."

Heuer stellt der Carinthische Sommer das Werk des 1892 in Aix-en-Provence geborenen Komponisten Darius Milhaud vor. Immer wieder, sagt Schlee, sei er gefragt worden, warum er ausgerechnet ihn gewählt habe: "Aber wer fragt Nikolaus Harnoncourt, warum er Mozart macht? Ich nutze die Gelegenheit für eine musikalische Belehrung. Denn die germanozentrische Sicht auf die Musikgeschichte gehört doch längst in die Mottenkiste. Es gibt auch einen anderen Weg." Milhaud, der wegen seiner jüdischen Herkunft vor den Nazis in die USA flüchten musste, unterrichtete und beeinflusste nach dem Krieg in den USA und in Europa so unterschiedliche Musiker wie Dave Brubeck, Steve Reich, Karlheinz Stockhausen und Iannis Xenakis.

Unter dem Titel Götter & Söhne werden drei Minutenopern des 1974 verstorbenen Komponisten im Alban-Berg-Saal ("erstmals um teures Geld angemietet") aufgeführt; nach der Pause müssen Musiker und Publikum in die Stiftskirche übersiedeln, wo Hollweg Milhauds Kantante Die Rückkehr des verlorenen Sohnes nach einem Text des Literaturnobelpreisträgers André Gide szenisch umsetzt.

"Diese Minutenopern", sagt Hollweg, "sind genial. Milhaud hat das Format der großen Oper – mehrere Akte, Chöre, Arien, Duette, Solisten – auf acht Minuten komprimiert. Da muss so viel gleichzeitig und übereinander Platz haben, dass einem fast schwindlig wird."

Komponiert hat sie Milhaud 1927 auf Einladung Paul Hindemiths, der für sein Musikfestival in Baden-Baden das Motto "Opern, aber so kurz wie möglich" ausgegeben hatte. Schon Hindemiths Hin und Zurück geriet mit zwölf Minuten ziemlich kurz, Milhauds Der befreite Theseus, Die Entführung der Europa und Die verlassene Ariadne (alle Texte: Henri Hopenot) gar nur mehr zwischen acht und zehn Minuten.

Insgesamt stehen 14 Kompositionen auf dem Programm, unter anderem auch die Uraufführung von Neige sur le fleuve. Diese wenige Minuten dauernde Vertonung eines chinesischen Gedichtes hatte Milhaud 1961 dem Musikverleger Alfred Schlee, dem Vater des Carinthischer-Sommer-Intendanten, zum 60. Geburtstag geschenkt. Überhaupt scheint das Festival heuer eine Art Family-Business der sympathischen Art zu sein. So inszenierte etwa Hollwegs Vater, der Tenor und Regisseur Werner Hollweg, 1984 die Uraufführung von Fritz Lauermanns Kirchenoper Simon.

Dirigent Emanuel Schulz, der sich schon als Jugendlicher für Milhauds kompositorische Kühnheit und musikalische Vielseitigkeit begeisterte, leitet die Camerata Schulz, in der etliche Familienmitglieder mitspielen.

Und dann ist auch Daniel Milhaud an den Ossiacher See gereist, der 81-jährige Sohn des Komponisten. Der Zeichner, Objektkünstler, Skulpteur und Videoartist, der in den 1950er-Jahren an der Salzburger Sommerakademie bei Oskar Kokoschka studiert hatte, zeigt im Barocksaal unter dem Titel Têtes eine Auswahl seiner 2009 entstandenen Zeichnungen – rätselhafte, einander in Liebe, Hass, Misstrauen, Spaß zugewandte Köpfe, im schnellen Schwung hingeworfen: solche mit Wurstnasen, Knollenohren. Solche, die zwischen ihren Stirnen die Weltkugel und andere, die einander mit Blicken in Form schwarzer Striche fixieren. Musik und bildende Kunst haben, sagt Daniel Milhaud, nichts gemein. Oder doch? Ein Gespür für Rhythmus allemal. (Andrea Schurian / DER STANDARD, Printausgabe, 11.7.2011)

Kommentar der anderen:
Österreich braucht Spielplätze für Kreativität
Josef Penningers Eröffnungsrede des Carinthischen Sommers

  • "Götter & Söhne" - drei   Minutenopern von   Darius Milhaud, zu sehen   in Ossiach.
    foto: carinthischer sommer/ferdinand neumueller

    "Götter & Söhne" - drei Minutenopern von Darius Milhaud, zu sehen in Ossiach.

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