Den Absprung verpasst

Kommentar |

Silvio Berlusconi führte Italien in fast 20 Jahren dorthin, wo es schon einmal war - Von Gianluca Wallisch

Er kam, um Italien vor dem Untergang zu retten - so geht die Legende. "Scendo in campo - ich betrete das Spielfeld", kündigte der erfolgreiche Medienunternehmer Silvio Berlusconi im Jänner 1994 an.

Das Land, wir erinnern uns, stand tatsächlich am Abgrund: Seit Monaten erschütterte der Tangentopoli-Skandal das Establishment, kaum ein Politiker blieb von den Korruptionsermittlungen des Mani Pulite-Teams (Saubere Hände) verschont. Bald wurde auch Sozialistenchef Bettino Craxi der Boden unter den Füßen zu heiß: Der Mentor und Trauzeuge von Berlusconi setzte sich nach Tunesien ab. Der Medientycoon blieb alleine zurück, musste seine Felle retten.

Und da machte Berlusconi einen genialen Schachzug: Er ging selbst in die am Boden liegende Politik. Er, der Saubermann, der sich bisher aus allen Korruptionsskandalen geschickt hatte heraushalten können, sollte die Wahlen gewinnen - und zwar mit einer Partei, die frei vom Ballast vergangener Jahrzehnte war: Seiner eigenen, neuen. Und er schaffte es auf beeindruckende Weise.

Geheimnis des Erfolgs war eine perfekt inszenierte Kampagne seiner eigenen TV-Networks - und die Verzweiflung der Italiener, bei der alle Politiker in Ungnade gefallen waren.

Berlusconi aber galt damals noch nicht als Politiker. Er war einer, der klein angefangen und etwas aus sich gemacht hatte. Ein Macher. Und ganz wichtig: Er war der Präsident des AC Milan, der den maroden Fußballclub zurück auf den Rasen der internationalen Triumphe geführt hatte. Und so wollte er es auch mit Italien tun: "Scendo in campo!" Tja, die Italiener lieben Fußball-Metaphern.

Anfangs von den meisten geliebt, später zumindest respektiert, legte Berlusconi fortan eine bemerkenswerte Polit-Karriere hin. In einem Land, das in den ersten 63 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg 60 (!) Regierungen verschliss, schaffte er es als erster überhaupt, eine ganze Legislaturperiode von fünf Jahren zu überleben.

Und doch war diese Stabilität trügerisch. Je sicherer sich Berlusconi fühlte, je mehr Macht er tatsächlich ausüben konnte, desto korrupter und fragiler schien sein Imperium zu werden. Der Vergleich mit den dekadenten römischen Kaisern - ob banal oder nicht - drängt sich auf.

Wenn sich nun die Italiener von ihm abwenden, wenn sie demonstrieren, ihn wegen "Ruby" und "Bunga-Bunga" verhöhnen, mit Referenden abstrafen, wenn Anlassgesetzgebung und Tricksereien mit der parlamentarischen Geschäftsordnung nicht mehr wie gewünscht funktionieren und er Millionenstrafen zahlen soll - dann empfindet das Berlusconi bloß als "ungerecht". Dreht die Rollen um und macht aus dem Täter ein Opfer. So tat er es schon, wenn er blindwütig eine Justiz angriff und als "kommunistisch infiltriert" angriff, die ihre Arbeit aber im Wesentlichen unabhängig verrichtete.

Berlusconi beginnt spätestens jetzt zu begreifen, dass er den idealen Zeitpunkt für den Abschied schon längst verpasst hat. Das deutete er ja kürzlich an, als er erklärte, amtsmüde zu sein und im Frühjahr 2013, dann wäre er 76, nicht mehr antreten zu wollen.

In Wahrheit bleibt ihm nichts anderes übrig, als auf Zeit zu spielen, will er nicht endgültig untergehen. Hinterlassen wird Berlusconi dem Land eine Verschuldung von 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), die nach Griechenland zweithöchste Verschuldung der Eurozone. Ein Vermächtnis sollte anders aussehen.  (Gianluca Wallisch, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.7.2011)

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19 Postings
"Krise" von Italien ist willkürlich herbeigeschrieben

"Während sich der italienische Staat seit vielen Jahren immer stärker verschuldet, haushalten die italienischen Familien noch immer sparsam. Waren die spanischen Privathaushalte Mitte 2009 mit 130 Prozent ihres Jahreseinkommens verschuldet, so lag dieser Prozentsatz bei Italienern nur bei 60 Prozent.
... etwa die Gesamtverschuldung in Spanien zwischen 2000 und Mitte 2009 von 193 auf 366 Prozent des BIP gestiegen ist, die italienische aber nur von 215 auf 315 Prozent. Das ist weniger als in Frankreich und Großbritannien. ... Außerdem sind die Märkte Italiens hohe Staatsverschuldung gewohnt. Sie lag schon Mitte der 90er-Jahre bei 100 Prozent des BIP... Der industrielle Apparat hat sich größtenteils an die neuen Grenzen der Einheitswährung an

Und jetzt denken Sie mal gaaanz scharf nach was der Unterschied zwischen Privat- und Staatsverschuldung ist ;-)))

Was kommt nach Berlusconi?

Berlusconi ist nicht der Grund, warum Italien am versinken ist. Er ist eher ein Symptom - die meisten Italiener würden sich genau so verhalten, wenn sie die Macht hätten.
Moralische Werte und Gerechtigkeit sind in Italien altmodische Worte geworden und "schlau" ein Synonym für "intelligent".
Italien braucht Erziehung, gute Beispiele, starke Werte. Die, die nach solche Prinzipien leben möchten, sind längst im Ausland... ich auch :-(

Hmm. Spammen hier unsere normalen NDP- und FPÖ-Nazotrolle ihr Berlusconi-Lob, oder spammen jetzt auch schon Südtiroler hier?

Wo waere Italien ohne Berlusconi heute? - 2. Teil

Wenn man sich den Staatsschuldenstand seit Eintritt Berlusconis in die Politik ansieht - er ist in jeder "zwischenperiode" in denen die Mitte-Links-Koalition "am Ruder waren" deutlich gestiegen, waehrend er waehrend der "Berlusconi-Zeiten" gefallen ist.
Sicher ist vieles Tremonti zuzuschreiben - den ich persoenlich wirklich fuer ein Genie halte - jedoch mit dem Charisma eines Schlafpilvers

So ein Blödsinn.

Gerade unter Berlusconi ist die Staatsverschuldung massiv gestiegen, siehe egal welche Statistik (außer jenen von B. selbst).

Kurzbeispiel (Quelle Eurostat):

2009 115,8% vom BIP
2010 118,1% vom BIP

und das war ja wohl unter Berlusconi, oder?

Sie sind wohl beim KHG in die Lehre gegangen?

Tremonti ist

jedenfalls der einzige, der etwas taugt, in dieser Truppe. Das schlieszt die Opposition ein

Wo waere Italien ohne Berlusconi heute?

In fast allen Medien wird darueber geschrieben, dass die Italiener "so dumm sind und immer wieder Berlusconi waehlen". Das ist eine vollkommen falsche Darstellung - sie haben es nach jeder "Berlusconi-Regierung" immer wieder mit der "Mitte-Links-Koalition" versucht und festgestellt, dass dieser weg offensichtlich falsch war.
Auffallend ist auch, dass fast alle Staatsanwaelte die gegen Berlusconi eine Anklage fuehrten irgendwo bei einer "Links-Partei" Unterschlupf fanden.
Bezeichnend ist auch ein Artikel in "la Prepubblica" (gehoert De Benedetti) der sich offensichtlich irrtuemlich in die Zeitung verirrte - vom Jaenner 2008 - dass Prodi EU-Subventionen missbrauchte um seinen Wahhlkampf zu finanzieren

Klar, dass Berlusconis nahes Ende die Investoren nun verschreckt.

Berlusconi hat Italien nämlich zum ersten Mal über Jahre hinweg eine stabile Regierung samt arbeitsfähiger Parlamentsmehrheit verschafft. Er hat auch den weiteren Zuwachs der Staatsschuld im Widerspruch zur italienischen Tradition in den letzten Jahren eingebremst. Und er hat für eine wirtschaftsfreundliche Gesetzgebung gesorgt. Vor allem aber wissen alle, dass ohne Berlusconi dem Land wieder das übliche Chaos rasch wechselnder und total entscheidungsunfähiger Regierungen droht.

arbeits-

was bitte ? Diese Reg. hat Italien genausowenig weitergebracht wie die Reg. Prodi.

Fuer diejenien die zwar lesen koennen aber trotzdem nichts verstehen solltes eigentlich dazuschreiben wenn sie was sarkastisch meinen ;-)

Groesstes Unternehmen Italiens nicht erwaehnt:: die Mafia

Dieses Land wird nie gesunden, solange Cosa Nostra, Camorra und N'drangeta Parallelstaaten errichtet habeb und nicht nur machen, was sie wollen, sondern auch die zentrale und die regionalen Regierungen unterwandert und I'm Griff haben. EU-Geld nach Italien pumpen heisst, die padrini zu unterstuetzen.

Prinzipiell haben Sie recht,

aber auf viele andere Laender (inklusive den USA) trifft das auch zu.

Blödsinn. Kein einziges anderes Industrieland der Welt ist so massiv von der Mafia unterwandert wie Italien. Die USA ganz und gar nicht.

Verabschiedung

Der Titel passt auch zu einigen Kommentatoren.....

Das wunderbare Italien wird auch die problematische Ära BERLUSCONI überstehen!

Auch wenn die Situation im Moment ziemlich prekär sein dürfte, so hat sich Italien schon des Öfteren "am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen"!

Italien ist ein dermaßen reiches Land, dass es auch die "verbrannte Erde", die BERLUSCONI und sein Clan hinterlassen werden, mit einigen mehr oder weniger großen Schrammen überstehen wird. Reich an kulturellen, intellektuellen, ideologischen, künstlerischen Ressourcen. Einfach ein Land, das aufgrund seiner Menschen und seiner Geschichte sehr wohl wieder zu den ganz Großen aufsteigen wird können...

Unbeschreiblich.

Italien versinkt im selbstgemachten Sumpf und bleibt auch nach dem Abtreten Berlusconis das, was es schon immer war: unregierbar. Die Kacke steht nun schon eindeutig bis weit über den Hals, und die Parallelen zu Griechenland sind nicht zu verkennen.

Rom ist wieder einmal untergegangen. Nicht deshalb, weil die Armen zu faul, sondern weil die Reichen dekadent gierig waren. Und die Administration in Brüssel hat zugeschaut, und mitgefeiert.

ich weisz nicht, wie

es in Gr ist, von rund 24 mio it. Haushalten leben nur 4,2 "gemietet"

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