Tschetschenen in Österreich

Auf der vergeblichen Flucht vor der Furcht

Hintergrund | Tobias Müller, 10. Juli 2011, 18:11
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    foto: standard/hendrich

    Ein Mann geht an einem Graffiti am Hannovermarkt in Wien vorbei, dem Zentrum des tschetschenischen Lebens der Stadt

Hochzeiten mit 15-jährigen Bräuten, Misstrauen und Angst vor "Spionen": Viele Tschetschenen in Österreich sind Problemen der alten Heimat nicht entkommen

Adam Matijew hatte sich wirklich Mühe gegeben mit dem Abend: Dutzende Künstler hatte er eingeladen, Tänzer und Musiker, viele mit "Auszeichungen des tschetschenischen Kulturministeriums". Wochenlang hatte er verhandelt, um für alle Visa zu bekommen. 700 Exilanten kamen, um bei "Tschetschenien ist meine Heimat" im Gasometer einen Abend lang zu feiern. Kurz darauf bekam Matijew Drohungen von anderen Tschetschenen und Besuch vom österreichischen Verfassungsschutz.

Politik und Kultur

Auf der Party waren Videos gelaufen, Aufnahmen von den schönen tschetschenischen Bergen, von Menschen in bunten Gewändern - und von Tschetscheniens Präsident Ramsam Kadyrow. "Die Leute haben deswegen geglaubt, ich habe etwas zu tun mit Politik", sagt Matijew. "Dabei geht es mir nur um Kultur." Er hat seither keine Feiern mehr organisiert.

Matijew, einst Flüchtling, heute Besitzer eines Reisebüros in der Wiener Taborstraße, ist einer von etwa 9000 Tschetschenen, die in der Bundeshauptstadt wohnen, Mehr als 20.000 sollen es in ganz Österreich sein. Das Land hat damit die größte tschetschenische Gemeinde Europas, gemessen an der Einwohnerzahl.

Der Großteil floh in den vergangenen acht Jahren vor Krieg und Verfolgung, oft durch Kadyrows Regime, nach Österreich (siehe Wissen). Weil anfangs fast alle Asyl bekamen, suchten immer mehr hier Schutz. Die Angst brachten sie mit.

Viele kamen, weil das Land so "polizistisch" ist, wie Tschetschenen es nennen: An jeder Ecke steht eine Uniform, das gibt ein Gefühl der Sicherheit. "Aber so lange du Familie zu Hause hast, besteht Gefahr", sagt Anna, die nicht Anna heißt, ihren Namen aber aus Angst nicht in der Zeitung lesen will. Denn derzeit kommen wieder mehr "Spione".

Spione, so nennt Anna Menschen, die von Kadyrow nach Österreich geschickt sein sollen, um Tschetschenen Heim zu holen - oft mit Methoden, die zumindest schwieriger anzuwenden sind in einem "polizistischen" Land.

Anna versucht hingegen, die Tschetschenen näher heran zu führen an Österreich. Sie erklärt den Eltern, dass sie ihre Töchter hier nicht mit 15 verheiraten, sondern lieber ausbilden lassen sollen, trotzdem wird jede Woche eine Hochzeit gefeiert.

Sie versucht Männern zu helfen, die in Tschetschenien Ärzte, Anwälte oder Unternehmer waren und in Österreich von ihren Frauen als Nichtsnutze beschimpft werden, weil sie keine Arbeit finden. Und sie versucht Frauen zu helfen, an denen diese Männer ihren Frust auslassen. In etwa einem Drittel aller Familien ist Gewalt ein Problem, sagt sie, genauso wie bei Jugendlichen: "Junge Tschetschenen sind im Krieg aufgewachsen, sie kennen nichts anderes."

Eidechsenfisch, getrocknet

Aus Misstrauen und aus Angst, aufzufallen und von "Spionen" entdeckt zu werden, bleiben Tschetschenen meist für sich. Es gibt kaum eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig hilft und Jobs vermittelt, wie Polen oder Serben sie haben, es gibt kaum tschetschenische Bars oder Lokale. Wiens Tschetschenen eint nur der Hannovermarkt in der Brigittenau.

Die Männer beten hier am Freitag in der tschetschenischen Moschee, die Frauen kaufen am Samstag in den Spezialgeschäften "Großschuppen-Eidechsenfisch, getrocknet" oder Brotcroutons mit Kaviargeschmack. Für Viele ist der Ort eine Verbindung zur alten Heimat - für manche, wie Hadice, ein Teil der neuen.

Hadice (19) arbeitet hier in einem der sechs tschetschenischen Geschäfte. 2003 kam sie mit ihrem Eltern und drei Geschwistern nach Österreich. Sie spricht besser Deutsch als Tschetschenisch und isst lieber Schnitzel mit Pommes statt Salami halal. Angst vor Spionen, hat sie keine, zurück nach Tschetschenien wird sie sicher nicht gehen - dafür im Herbst auf die Modeschule Hetzendorf. (DER STANDARD Printausgabe, 11.7.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 107
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Speedy 07
05
19.7.2011, 08:32
add: Denn derzeit kommen wieder mehr "Spione".

wie sollen die denn da her kommen?

Viele Tschetschenen fahren von Österreich nach Tschetschenien heim und kommen dann wieder in die "Imigtrationwohnung" zurück.

Ein kleines Mädchen erzählte neulich am Spielplatz, sie habe jetzt kurze Haare ( rasiert ) weil die Tante das in Tschetschenien schöner macht.
Auf die Frage wo die Tante hier wohnt, meinte die Kleine, nein wir fahren da zu ihr nach Tschetschenien.

So schnell konnten wir gar nicht schauen war die Mutter die die Scene beobachtet hatte vom Fenster aus herausgekommen und hat die Kleine reingeholt.

Tja Kindermund tut wohl Wahrheit kund!

josefa maier449
08
17.7.2011, 10:04
20.000 Tschetschen?

Also irgend etwas läuft hier falsch! Menschen die vollkommen anders mit Religion und Gewalt umgehen, hier in so großer Menge zu integrieren, das ist eine unmögliche Aufgabe. Was für ein culture clash !
Der Artikel ist sehr aufschlussreich!

Elisa B
06
16.7.2011, 22:36
Menschen mit Kriegserfahrung

wir importieren Menschen, die im Bürgerkrieg aufgewachsen sind, nicht anderes kennen, und ihre Gewalt zu uns ins Haus bringen! ein gefährlicher Weg!

Thomas Bayer
01
17.7.2011, 09:36
Die zwischen 1925 und 1940 geborenen sind ebenfalls im Krieg

aufgewachsen. Deren Eltern waren alle traumatisiert (oder tot).

armin delmenhorst
 
014
14.7.2011, 10:18
20.000 Tschetschenen!

Mehr braucht es wohl nicht mehr, um den letzten Zweifler zu überzeugen, dass unserer sogenannter Grenzschutz und das Migrationssystem nicht funktioniert. Vom Asylwesen ganz zu schweigen, denn unterstellt man, dasss sich diese Menschen aufgrund eines Asyltitels in unserem Land befinden, müsste man sofort einen Strafantrag gegen die verantwortlichen Beamten stellen. Stichwort Drittstaatregelung.

Zudem teile ich nicht die Meinung, dass die Aufnahme dieser Menschen den jahrhundertalten Konflikt Rußlands an ihrer Südflanke zu lösen mithilft. So wie es ne Raumordnung gibt, sollte es auch eine für Migranten geben. D.h. solche Menschen sind im kulturell affinieren Gebiet anzusiedeln.

mstislav raskachlovitsch
01
21.7.2011, 12:18
ich könnte aus dem Stand gleich mal 10 Beamte....

...benennen, die offensiv und unverschämt Amtsmissbrauch betreiben um einen Verbleib von Asylwerbern zu ermöglichen, die bereits ausreisen müssten (da ist vom selbstherrlichen Bezirkshauptmann und vom heuchlerischen Magistratsdirektor bis zum fehlbesetzten, unqualifizierten Fremdenpolizei-Mitarbeiter wirklich alles dabei........).
Der einzige, der dabei allerdings nachhaltigen Schaden erleiden würde, wäre ich.....

Das fünfte Element
07
14.7.2011, 09:30
AT ist ein "polizistisches" land?

hier steht an jeder ecke ein polizist?

wo genau stehen die?

Franz Reisl
05
14.7.2011, 09:01
Auf der VORGEBLICHEN Flucht vor der Furcht.,.

raff1
08
13.7.2011, 20:58
"weil fast alle Asyl bekamen, kamen sie zu uns" ...

Was für eine heuchlerische Aussage.
Alle, die in Polen um Asyl ansuchten, bekamen diesen Status auch.
Das war also nicht der Grund, warum's alle zu uns kamen.

frenchcurry
09
12.7.2011, 13:20
Kann man denn nicht allen Einwanderern/Flüchtlingen

gleich bei Einreise in deren Landessprache einen Wisch geben, den sie unterschreiben müssen mit dem Inhalt dass
Diebstahl
Gewalt gegenüber anderen insbesondere die Frauen (die Eigene)
Waffenbesitz/Einsatz
Zuhälterei
Nötigung/Erpressung
usw verboten sind
und eine sofortige Ausweisung (inkl. Familie) zur Folge haben und dies dann auch anwenden.

Johannes G.
119
11.7.2011, 13:51

Leider liefern sich Tschetschenen schwere Revierkämpfe mit anderen Gruppen um den Strassenverkauf mit Drogen in Wien zu kontrollieren. Sie haben sich den Ruf erworben dabei extrem brutal vorzugehen.

Da hält sich mein Mitleid in Grenzen.

ecologyst
11
11.7.2011, 23:27

Das Gerücht habe ich auch schon gehört. Wo bleibt da der staatliche Eingriff zur Legalisierung von Drogen?

Wo sieht man die Tschetschenen eigentlich beim Straßenverkauf? Möchte das mal selbst sehen. Oder ziehen sie nur die Fäden?

Obwohl, in der U6 sind mir schon ein paar Personen komisch vorgekommen (die sich von den typisch schwarzarbeitenden Asylwerbern) unterscheiden. Sind das Tschetschenen?
Nach Türken schauens mir nicht aus, nach Serben auch nicht unbedingt.

chinaman_a1
221
11.7.2011, 11:05
vieles im Dunkeln..

kann man mal veröffentlichen, wieviel Ärzte und RA tatsächlich unter den tschetschenischen Flüchtlingen sind?

Bei der Asyl-Antragsstellung muss man ja irgend einen Beruf angeben, oder? Und ein Grund zum Schämen, Arzt oder RA zu sein wird es auch nicht wirklich geben. Vielleicht mit dem Nachweiß wird es möglicherweise etwas happern, aber das gibt sich.

Sollte es diese übergröße Zahl von Gebildeten tatsächlich geben, dann hätten die in einer Community von 20K reichlich zu tun, ganz besonders Ärzte aber auch Rechtsanwälte.
Wenn diese Zahl nicht kommuniziert wird, darf ich sie wohl unter großes orientalisches Märchen ablegen, oder?

paradiselost
53
11.7.2011, 13:21
naseweiß

vielleicht haben manche schwierigkeiten, "nachweiße" - "vorzuweißen"....

im ernst: sie haben wenig ahnung von der welt eines flüchtlings.

wenn jemand in österreich - und sei's nur in seiner ethnischen
"community" - als arzt /anwalt praktizieren will, muss er ausl. studien nostrifizieren lassen. das ist nicht einfach, weil die erfordernisse von land zu land unterschiedlich sind. es mag daher leute geben, die zwar eine gute ausbildung „dort“ absolviert haben, die aber hier nicht ausreicht (oft nur aus bürokratischen gründen).

außerdem braucht ein arzt oder anwalt dann doch sehr gute sprachkenntnisse, um „hier“ zu praktizieren. und die ham hier ja net amal die einheimischen - s.o.

bleibt also oft nur mehr das ausweißen von zimmern…

chinaman_a1
03
11.7.2011, 19:08
@ John Milton

ja ich gebe es zu, ich bin nicht weise genug die s-, ss- oder gar die ß- Schreibweise perfekt zu beherrschen. Gilt für die anderen 5 Sprachen die ich spreche übrigens auch. So was aber auch!

Aber eine Antwort auf meine Frage (tatsächliche Anzahl der Arzte und RAe in der tschetschenischen Flüchtlingsgruppe) habe ich noch immer nicht erhalten.
Das eine Nostrifizierung Zeit, Geduld und Geld braucht, weiß ich aus eigener Erfahrung selber.

Das man ohne dem nicht praktizieren darf, ist schon klar. Gilt auch für Gambier, Kolumbianer, Laoten und viele anderen.

paradiselost
71
11.7.2011, 21:22
das naechste mal

unterhalten wir uns besser gleich in einer anderen ihrer 5 sprachen, die sie sprechen. da wird ja vielleicht auch eine darunter sein, die mit meinen paar fremdsprachen (nur 4, ich schaeme mich) deckungsgleich ist ;-)

also, das eine war ein reizvolles sprachspiel; das andere aber ist fuer mich der umstand, dass ihr posting implizit unterstellt, dass aus tschetschenien - ebenso wie aus gambia, kolumbien oder laos - eh nur ungebildete leut' nach A fluechten. sonst machte ja ihre frage nach der anzahl der (gut aus-)"gebildeten" - aerzte, anwaelte - wenig sinn.

sehn's, und genau gegen diesen impliziten inhalt ihres postings war meine stichelei gerichtet.

schoenen abend noch!

Dirty Sanchez
 
123
11.7.2011, 11:36
Vielleicht

sollte man zuerst feststellen, wieviele der Tschetschenen wirklich Tschetschenen sind, hat sich doch herumgesprochen, daß man leichter Asyl erhält, wenn man als Herkunftsland Tschetschenien angibt als bspw. Abchasien, Ossetien oder sontwas. In der Schweiz hat man das mit ganz einfachen Mitteln geschafft, man fragte die Asylwerber ganz einfache Dinge, die jeder Tschetschene, der tatsächlich dort gelebt hat, wissen sollte, ein paar Vokabeln der Sprache und Ähnliches mehr ab; das Resultat war verblüffend. Bei uns wollte man das dann auch machen, aber aus irgendwelchen Gründen wurde das schnell abgewürgt.

DerAndere34
45
11.7.2011, 14:28

"aber aus irgendwelchen Gründen wurde das schnell abgewürgt."

aus menschenrechtsgründen wahrscheinlich

zu viel fragen führt wahrscheinlich zu einem trauma ... oder so.

Norbert Dichand
38
11.7.2011, 10:30
Bissi a Widerspruch

"Tschetschenien ist meine Heimat" gegen "wohnt in Wien".

ein neuer tag
13
11.7.2011, 12:23
das ist unzutreffend:

heimatgefühle kann ich an vielen orten entwickeln, wohnen kann ich physisch immer nur an einem ort, der aber nicht zwangsläufig meine heimat sein mmuß, aber werden kann. das braucht zeit.

andreas lamers
 
02
11.7.2011, 12:00
nun ich wohne und arbeite in irland

werde mit an sicherheit grenzender wahrscheinlichkeit nicht wieder nach oesterreich zurueckkehren, nicht in das land wie es heute ist, dazu muesste sich zu viel aendern und im augenblick geht es eindeutig in die falsche richtung, aber es ist das land wo ich aufgewachsen bin, wo meine eltern leben und 2 meiner kinder. und wenn ich heimweh haben sollte, dann habe ich das zu den grossen waeldern und den steilen bergen.

Shanajio
01
11.7.2011, 11:40

Manche Leute bezeichnen auch Österreich als ihre Heimat und wohnen in Stuttgart, New York oder Tokio.

ich bin so frei
51
11.7.2011, 10:29

Anna ist ein Engel. Sie braucht aber sicher Unterstützung von den österreichischen Behörden. Die Geschichte mit den Spionen ist verheerend für Asylsuchende: es wird für die Tschetschenen immer schwieriger, Asyl in Ö. zu bekommen.
Frage: warum müssen so hoch qualifizierte Asylanten wie Ärzte, Rechtsanwälte u.a. arbeitslos bleiben?

Montgomery McFerryn
16
11.7.2011, 11:03

Es ist leider die Qualifikation nicht immer gleichwertig mit der Österreichischen.

frenchcurry
00
12.7.2011, 13:00

könnten dann die Aerzte nicht als Pfleger oder so arbeiten bis die Sache bis sie als Arzt anerkannt sind? wäre doch besser als arbeitlos?

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Posting 1 bis 25 von 107
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