Eine Lichtung im Wald des Vergessens

10. Juli 2011, 17:44
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    foto: apa/gert eggenberger

    Nach vier Tagen Lesewettbewerb freut sich, wer gewonnen hat: Thomas Klupp, Steffen Popp, Bachmann-Preis-Siegerin Maja Haderlap, Nina Bußmann und Leif Randt (von links).

Der Einzug der Partisanen in die deutschsprachige Literatur: Die österreichische Autorin Maja Haderlap gewinnt nach einem insgesamt durchwachsenen Wettbewerb den diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis

Klagenfurt - "Es gibt verschiedenste Orte, die sich anbieten, Demut zu üben", meinte der Vorsitzende der Bachmann-Preis-Jury, Burkhard Spinnen, am Sonntag  in seiner Abschlussrede. Das ORF-Theater Klagenfurt, wo die Kärntner Slowenin Maja Haderlap gerade den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis unter großem Getöse entgegengenommen hatte, sei laut Spinnen unter diesen Demutsorten der schlechteste nicht.

Demut hat mit gelebtem Leben, Erfahrung und mit Erinnerung zu tun - wie die Literatur, deren Privileg es schon immer war, Erinnerung zu bergen, Schwäche in Stärke zu verwandeln und dem Nichtgesagten Worte zu verleihen. Obwohl die Wege der Literatur ebenso verschlungen und undurchsichtig sind wie zuweilen die Wertungen der siebenköpfigen Klagenfurt-Jury, gibt es sie doch immer wieder, diese besonderen Bachmann-Preis-Momente.

Dass hier nun 34 Jahre nach Gert Jonke und 16 Jahre nach Franzobel der Hauptpreis wieder an eine Österreicherin und einen Text über Kärntner Partisanen geht, und dies just in jener Woche, in der im Nationalrat nach mehr als vier Jahrzehnten die Ortstafeleinigung beschlossen wird, wäre wahrscheinlich sogar dem Absolventen eines Literaturinstituts kolportagehaft vorgekommen, zumal wenn die Autorin fünfzig ist, in Klagenfurt lebt und bisher vor allem als bedeutende und preisgekrönte Lyrikerin in slowenischer Sprache hervorgetreten ist.

Doch so war es, und mit entsprechender Spannung sah man daher Maja Haderlaps Text Im Kessel, einem Ausschnitt aus ihrem am Montag, 11.7.,  erscheinenden deutschsprachigen Debütroman Engel des Vergessens, entgegen. Der Erwartungsdruck war beträchtlich, und er wurde nach der Lesung der Autorin Donnerstagmittag noch größer. Denn schnell wurde klar, dass Haderlap mit ihrem dichten, ruhigen, aus der Perspektive eines Mädchens im Präsens geschriebenen Text die Latte hoch gelegt hatte.

Poetische Landnahme

Im Kessel ist eine poetische, persönliche und historische Landnahme, die exemplarisch am Waldgang eines Mädchens mit seinem Vater durchgespielt wird. Auf dem Weg Richtung Berg und über die slowenische Grenze wartet im Wald dann nicht nur das Abgründige, sondern Teile der Familiengeschichte und eine Begegnung mit den Toten, die das Mädchen für immer verändern.

Denn mehr als sie es weiß, erahnt die junge Ich-Erzählerin während eines Gesprächs zwischen dem Vater und einem Kollegen, den sie im Wald treffen, dass sich in ihrer Familie unsichtbare Brüche verbergen, über die man schweigt. Es sind Brüche, die mit dem Krieg, Deportationen und dem Schweigen über jene, auch Frauen, die den Nazis Widerstand leisteten, zu tun haben.

Der Text, der mit schönen Beschreibungen einer Kinderwelt und des Holzfällermilieus anfängt, verliert in seiner zweiten Hälfte etwas an Dichte und vielleicht - als einziger Kritikpunkt, den die Juroren Spinnen und Maike Feßmann am Text fanden - leuchten die Worte Mauthausen, Ravensbrück, Auschwitz, Natzweiler oder der für das Kind "klingende" Name Dachau zu grell aus der Stille des Textes.

Der Kelag-Preis (10.000 Euro) ging an Steffen Popp, der sich in einer Abstimmung Maja Haderlap nur knapp geschlagen geben musste. In seinem exakten, lyrischen, passagenweise fast hermetischen Text lesen zwei junge Männer und eine Frau die Spuren, welche die Geschichte in einem ostdeutschen Dorf hinterließ.

Mit dem 3sat-Preis (7500 Euro) wurde der Beitrag Nina Bußmanns, in dem es um ein kompliziertes Lehrer-Schüler-Verhältnis geht, ausgezeichnet. 7000 Euro nahm Leif Randt für seinen an den frühen Christian Kracht erinnernden Text über eine sinnentlehrte, blankpolierte Wellness-Welt entgegen, und der per Internet ermittelte Träger des Publikumspreises heißt Thomas Klupp. Er las eine fulminante Satire über den Wissenschaftsbetrieb, akademisches Prekariat und den nicht zu beneidenden Mitarbeiter eines Instituts für Kulturwissenschaften, der sich im Rahmen eines Forschungsprojekts täglich von neun bis fünf Uhr Pornobilder aus dem Internet zu Gemüte führt.

Weil es ja in Klagenfurt - wie auch bei Wein - immer um literarische Jahrgänge geht, bleibt zu sagen, dass der heurige eher schwach war. Viel war von Mutter-Sohn-Verhältnissen zu hören, zu viel, was die Jury (weiters: Paul Jandl, Hildegard Keller, Daniela Strigl, Alain Claude Sulzer und Hubert Winkels) zu härteren Statements bewog als in den letzten Jahren. Gewonnen hat mit Maja Haderlap diejenige Autorin, die - was selten war - einen Stoff hat und für diesen eine Sprache. (Stefan Gmünder / DER STANDARD, Printausgabe, 11.7.2011)

Kopf des Tages:
Eine Lyrikerin, die mit Prosa punktet
Die Kärtnerin Maja Haderlap, Bachmann-Preisträgerin 2011  

Zur Nachlese die Agenturmeldung mit den Postings:
35. Bachmann-Preis an Maja Haderlap

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Posting 1 bis 25 von 71
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k_otin
94
11.7.2011, 12:46
Ich fürchte, das wird bei mir nie etwas mit dem Bachmannpreis

ich hatte keine tragische Kindheit (wenn man von dem Radunfall absieht, aber bei dem war ich nicht mal gelähmt), meine Großmutter ist an Nierenversagen gestorben und nicht im KZ, mein Vater war Installateuer und kein Partisanenkämpfer,... und ich bringe meine LeserInnen auch in traurigen Texten gern zum Lachen. So wird das nix ;-)

Tollstein
02
11.7.2011, 15:20
die tragik an der geschichte

schon mal was von franzobel gehört oder seinen bachmann-preistext gelesen? oder daran gedacht, dass man nicht immer zwingend über seine eigene (tragische) geschichte schreiben muss in einem literarischen text?

hm tata
82
11.7.2011, 09:51
ein partisanentext?

das ist gut so, denn was sich seinerzeit die titopartisanen gegenüber der ortsansässigen bevölkerung geleistet haben, das geht auf keine kuhhaut. das gehört aufgedeckt, und wenn die preisgekrönte das tut, dann hat sie meine allervollste zustimmung verdient.

slaine mcroth
01
14.7.2011, 23:32

Mein Opa war Partisane, ist sicher Leuten von deiner Sorte begegnet im Krieg.

karru
05
11.7.2011, 15:23
tja...dann musst dich auch fragen...

was die Wehrmacht und die SS der Bevölkerung angetan haben.....
oder besser gefragt, haben die Partisanen soviele umgebracht wie die Besatzungsmacht.....
war es am Ende , Auge um Auge Zahn um Zahn...?
der Toten zuviel, auf beiden Seiten....man sollte sich in die Lage der Menschen versetzen die am Rande waren....und nicht in die der Angreifer...
um die Kirche im Dorf zu lassen...
die Partisanen haben 102 Personen aus Unterkärntner Raum entführt und wahrscheinlich ermordet....
allein am Eisenkappler Friedhof liegen 120 Partisanen und ziviele Opfer in einem Grab....und es gibt noch viele andere Gräber....leider
und etwas zum Nachlesen...Opfer&Täter&Denunzianten, ein Buch zum Nachdenken

paradiselost
22
11.7.2011, 10:57
bluemchen!

um ihnen meine einschaetzung ihres postings in "allervollstem" hochdeutsch zu uebermitteln...

Ladi Berghuber
02
11.7.2011, 09:49
"...Text über eine sinnentlehrte (sic!), blankpolierte Wellness-Welt"?

Soso.
hump, dump, lap, dap.

dd_san
02
11.7.2011, 09:39

... an den frühen Christian Kracht erinnernden Text über eine sinnentlehrte, blankpolierte Wellness-Welt ...

"sinnentlehrt"?

paradiselost
02
11.7.2011, 11:03
aber hallo!

wollen sie denn behaupten, die wellnessweelt sei eine "gelahrte"

[warnung 1: ironie kann ihren alltag erleichtern.]
[warnung 2: gute deutschkenntnisse koennen ihren zeitungskonsum erheblich stoeren.]

Santino Corleone
59
11.7.2011, 09:30
Der sicherste Weg zu einem Kulturpreis

ist immer noch, etwas mit Nazis zu bringen !

hayo wolfish
12
11.7.2011, 15:18
Gibt ja auch genug von denen... gell!!!

stefan steiner
10
11.7.2011, 21:50

ja, ein paar 90jährige hilfswillige (ukrainer, kroaten ...).

girls in the cage
02
11.7.2011, 12:00

und traurig und voll nachdenklich solte es natürlich auch sein...ja nicht zuuu lustig.

lou cyphre
01
11.7.2011, 09:26
die "sinnentlehrte wellnesswelt" würd ich mir gern mal ansehen

;)

otto muster
01
11.7.2011, 09:12

wenn nur die preisgekrönte deutschsprachige literatur deutschsprachige literatur ist, dann mag das der einzug der partisanen in sie sein, wenn aber auch die nichtpreisgekrönte deutschsprachige literatur noch deutschsprachige literatur und nicht nichts ist, dann sind die partisanen schon früher in sie eingezogen

Zitronenbaum
00
11.7.2011, 08:53
Literatur

Wieder eine Kunstform, der ein Bewertungsbogen aufgedrückt wurde. Überall Wettbewerbe. Was so schade ist an der Literatur ist ja, dass viele Menschen glauben, sie könnten selbst nicht schreiben, obwohl sie es nie probieren. Und wenn sie es probieren, brüten sie zwei Stunden über den ersten Satz und geben dann auf, statt einfach irgendwie zu beginnen. (Denn ändern kann mans später immernoch. Wir meißeln ja keine Steine.)

Trotzdem Glückwunsch an die Gewinnerin. Sie hat den Preis sicherlich verdient.

per verser
00
11.7.2011, 09:16

schreiben muß sich eben auch auszahlen. und was sich auszahlt, bestimmen die wettbewerbe und die verlage. mutige experimente und juwelen finden sich manchmal in den wühlkisten, in kleiner auflage gedruckt. und da bleiben sie auch: im eck.

wußten sie übrigens, dass viele verlage finanzielle garantien und risikoübernahmen von den autorInnen fordern? that's the way neoliberalism goes.

hm tata
107
11.7.2011, 08:18
obwohl es eine landsmännin ist

muss ich leider die tatsache erwähnen, dass die geehrte als mitglied der slowenischen minderheit mit hoher wahrscheinlichkeit einen politisch motivierten preis erhalten hat. möchte ihr aber die literarischen qualitäten keinesfalls nicht absprechen. das typisch kärntnerische ist in ihrer literatur freilich nicht anzutreffen.

paradiselost
01
11.7.2011, 11:06
und was waere das "typisch kärntnerische"?

hm tata?

hm tata
32
11.7.2011, 11:56
das typisch kärntnerische?

es ist das urtümlich gespaltene zwischen den slawischen und germanischen kulturen liegende, das das kärntnerische ausmacht. wir leben an einer kulturellen grenzscheide und unsere großen heimatdichter wie koschat, glawischnig - nicht zu verwechseln mit der politikerin gleichen namens -, kropiunig usw. kämpfen in ihren unsterblichen werken mit diesem zwispalt. .

Cielito Lindo
00
12.7.2011, 01:04

Einer, der die slowen. und/oder die deut. Kultur nicht ablehnt, in Vergessenheit geraten lässt, sondern beides als etwas Wertvolles annimmt und daraus schöpft, braucht nicht gespalten zu sein.

paradiselost
23
11.7.2011, 13:40
also, das paranoide?

erkelteter tiger
27
11.7.2011, 09:12
ich möcht dich keinesfalls nicht als vollhirni bezeichnen

hm tata
64
11.7.2011, 09:54
haben sie durchfall?

nur so kann ich mir ihren ausfall erklären;)

zweckpessimistra
04
11.7.2011, 09:01
ein typisch kärntnerischer aspekt ist die ethnische vielfalt

wenn sie das als ihr ureigenes erkennen könnten.

ich wünsche es ihnen, dass ihnen das, irgendwann mal -und sei es am sterbebett- möglich ist, zu erkennen.

wenn sie es schon so wollen: auch sie haben mit dem preis an maja haderlapp gewonnen!!!

herzlich,
ihre zweckpessimistra.

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