Der Einzug der Partisanen in die deutschsprachige Literatur: Die österreichische Autorin Maja Haderlap gewinnt nach einem insgesamt durchwachsenen Wettbewerb den diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis
Klagenfurt - "Es gibt verschiedenste Orte, die sich anbieten, Demut zu üben", meinte der Vorsitzende der Bachmann-Preis-Jury, Burkhard Spinnen, am Sonntag in seiner Abschlussrede. Das ORF-Theater Klagenfurt, wo die Kärntner Slowenin Maja Haderlap gerade den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis unter großem Getöse entgegengenommen hatte, sei laut Spinnen unter diesen Demutsorten der schlechteste nicht.
Demut hat mit gelebtem Leben, Erfahrung und mit Erinnerung zu tun - wie die Literatur, deren Privileg es schon immer war, Erinnerung zu bergen, Schwäche in Stärke zu verwandeln und dem Nichtgesagten Worte zu verleihen. Obwohl die Wege der Literatur ebenso verschlungen und undurchsichtig sind wie zuweilen die Wertungen der siebenköpfigen Klagenfurt-Jury, gibt es sie doch immer wieder, diese besonderen Bachmann-Preis-Momente.
Dass hier nun 34 Jahre nach Gert Jonke und 16 Jahre nach Franzobel der Hauptpreis wieder an eine Österreicherin und einen Text über Kärntner Partisanen geht, und dies just in jener Woche, in der im Nationalrat nach mehr als vier Jahrzehnten die Ortstafeleinigung beschlossen wird, wäre wahrscheinlich sogar dem Absolventen eines Literaturinstituts kolportagehaft vorgekommen, zumal wenn die Autorin fünfzig ist, in Klagenfurt lebt und bisher vor allem als bedeutende und preisgekrönte Lyrikerin in slowenischer Sprache hervorgetreten ist.
Doch so war es, und mit entsprechender Spannung sah man daher Maja Haderlaps Text Im Kessel, einem Ausschnitt aus ihrem am Montag, 11.7., erscheinenden deutschsprachigen Debütroman Engel des Vergessens, entgegen. Der Erwartungsdruck war beträchtlich, und er wurde nach der Lesung der Autorin Donnerstagmittag noch größer. Denn schnell wurde klar, dass Haderlap mit ihrem dichten, ruhigen, aus der Perspektive eines Mädchens im Präsens geschriebenen Text die Latte hoch gelegt hatte.
Poetische Landnahme
Im Kessel ist eine poetische, persönliche und historische Landnahme, die exemplarisch am Waldgang eines Mädchens mit seinem Vater durchgespielt wird. Auf dem Weg Richtung Berg und über die slowenische Grenze wartet im Wald dann nicht nur das Abgründige, sondern Teile der Familiengeschichte und eine Begegnung mit den Toten, die das Mädchen für immer verändern.
Denn mehr als sie es weiß, erahnt die junge Ich-Erzählerin während eines Gesprächs zwischen dem Vater und einem Kollegen, den sie im Wald treffen, dass sich in ihrer Familie unsichtbare Brüche verbergen, über die man schweigt. Es sind Brüche, die mit dem Krieg, Deportationen und dem Schweigen über jene, auch Frauen, die den Nazis Widerstand leisteten, zu tun haben.
Der Text, der mit schönen Beschreibungen einer Kinderwelt und des Holzfällermilieus anfängt, verliert in seiner zweiten Hälfte etwas an Dichte und vielleicht - als einziger Kritikpunkt, den die Juroren Spinnen und Maike Feßmann am Text fanden - leuchten die Worte Mauthausen, Ravensbrück, Auschwitz, Natzweiler oder der für das Kind "klingende" Name Dachau zu grell aus der Stille des Textes.
Der Kelag-Preis (10.000 Euro) ging an Steffen Popp, der sich in einer Abstimmung Maja Haderlap nur knapp geschlagen geben musste. In seinem exakten, lyrischen, passagenweise fast hermetischen Text lesen zwei junge Männer und eine Frau die Spuren, welche die Geschichte in einem ostdeutschen Dorf hinterließ.
Mit dem 3sat-Preis (7500 Euro) wurde der Beitrag Nina Bußmanns, in dem es um ein kompliziertes Lehrer-Schüler-Verhältnis geht, ausgezeichnet. 7000 Euro nahm Leif Randt für seinen an den frühen Christian Kracht erinnernden Text über eine sinnentlehrte, blankpolierte Wellness-Welt entgegen, und der per Internet ermittelte Träger des Publikumspreises heißt Thomas Klupp. Er las eine fulminante Satire über den Wissenschaftsbetrieb, akademisches Prekariat und den nicht zu beneidenden Mitarbeiter eines Instituts für Kulturwissenschaften, der sich im Rahmen eines Forschungsprojekts täglich von neun bis fünf Uhr Pornobilder aus dem Internet zu Gemüte führt.
Weil es ja in Klagenfurt - wie auch bei Wein - immer um literarische Jahrgänge geht, bleibt zu sagen, dass der heurige eher schwach war. Viel war von Mutter-Sohn-Verhältnissen zu hören, zu viel, was die Jury (weiters: Paul Jandl, Hildegard Keller, Daniela Strigl, Alain Claude Sulzer und Hubert Winkels) zu härteren Statements bewog als in den letzten Jahren. Gewonnen hat mit Maja Haderlap diejenige Autorin, die - was selten war - einen Stoff hat und für diesen eine Sprache. (Stefan Gmünder / DER STANDARD, Printausgabe, 11.7.2011)