Vollzogen wird etwas, das es zumindest im Bewusstsein der Urlauber längst gibt und womit auch geworben wird
Ein Groß-Leoben mit 50.000 Einwohnern, mit der Montanuniversität, den Kulturaktivitäten, mit dem Stahlwerk Donawitz. Das hätte optische Wucht - auch wenn es nur der Politik- und Verwaltungsvollzug einer jetzt schon wirksamen Realität wäre.
Die eigentliche Zäsur ist die von SPÖ und ÖVP betriebene Bezirksreform mit dem Ziel, in wenigen Jahren statt 17 nur noch acht Verwaltungseinheiten zu haben. Dass am 1. Jänner 2012 bereits Judenburg und Knittelfeld (das Waterloo Jörg Haiders) zusammengelegt werden, hebt das Vorhaben über bloße Ankündigungspolitik hinaus.
Noch mehr: Dass man den neuen Bezirk "Obersteiermark West" nennen will, bedeutet den Einschluss Muraus, des westlichsten Bezirks der Steiermark. Und der Norden, wo die Auflassung der Expositur Bad Aussee beschlossene Sache ist, wird dann ebenfalls nicht mehr nach seiner Hauptstadt Liezen benannt sein, die übrigens über einen Bezirk gebietet, der flächenmäßig größer ist als Vorarlberg.
Voitsberg und Deutschlandsberg werden in wenigen Jahren "Steiermark West" bilden. Leoben, Bruck/Mur und Mürzzuschlag werden "Steiermark Nord" heißen. Hartberg, Weiz und Fürstenfeld sind dann "Steiermark Ost" , Leibnitz, Radkersburg, Feldbach werden "Steiermark Süd" .
Vollzogen wird etwas, das es zumindest im Bewusstsein der Urlauber längst gibt und womit auch geworben wird - die Strukturierung des Landes in Genussregionen, eine Industriezone und die Grazer Zentrale samt dem bisherigen Bezirk Graz-Umgebung. Seine Einbeziehung würde aus Graz eine 300.000-Einwohner-Stadt machen.
Die politischen Folgen sind ungleich größer als bei Maßnahmen wie der Verkleinerung des Landtages und der Landesregierung. Dort entstehen neue Konstellationen: Durch die Zusammenlegung der Polizeikommandos zum Beispiel, durch die Fusionierung der Bezirksgerichte sowie durch neue Schwerpunkte in der Parteipolitik - welcher Bezirkschef setzt sich durch?
Diese Reform wird, so sie nicht Stückwerk bleibt, auf Nachbarländer ausstrahlen. Über kurz oder lang sind Diskussionen auch in Niederösterreich erwartbar, spätestens nach dem Abtritt von Erwin Pröll. Denn was spricht wirklich dagegen, die Viertel-Regionen (Wein-, Wald-, Mostviertel sowie Industrieviertel) auch in große Verwaltungsbezirke zu verwandeln? Ähnliches gilt für Oberösterreich. Die dortigen Viertel heißen in Salzburg "Gaue" . Eine alte regionale Struktur mutierte zu einer modernen Vorstellung der Strukturvereinfachung.
Und Vorarlberg - wozu brauchen die überhaupt eine Unterteilung in Bezirke? Im Burgenland könnte man die jetzt schon üblichen drei Regionen einführen:Nord-, Mittel-, Südburgenland.
Die damit verbundenen finanziellen Einsparungen würden sich so richtig erst in zwanzig Jahren auswirken - wenn die letzten Beamten und Beamtinnen aus der "guten alten Zeit" in Pension gegangen sind. Und überhaupt: Wenn eine neue Generation gar nicht mehr weiß, dass Murau oder Mistelbach einmal Bezirkshauptstädte waren. (Gerfried Sperl, DER STANDARD; Printausgabe, 11.7.2011)