Sehr geteilte Reaktionen auf Leif Randt, Anne Richter, Michel Bozikovic und Thomas Klupp
Klagenfurt - Mit der Lesung von Leif Randt ist am Samstag
der dritte und letzte Lesetag beim Bachmann-Wettbewerb im
Klagenfurter ORF-Theater eröffnet worden. Sein Ausflug in eine
artifizielle Glitzerwelt fand bei den Juroren geteilte Aufnahme, es
gab euphorisches Lob ebenso wie beißende Kritik. Anne Richters
Familiengeschichte löste eher wenig Begeisterung aus.
Mit Michel Bozikovic ist dann am Nachmittag das Finale im Wettlesen eingeläutet
worden, der Schweizer erhielt eine ziemliche Abfuhr. Den Abschluss
machte Thomas Klupp, dessen Text über die wissenschaftliche
Betrachtung der Online-Pornografie zahlreiche Lacher, aber auch teils
scharfe Kritik generierte.
Leif Randt
Der Romanauszug "Schimmernder Dunst über Cobycounty" entführt die
Zuhörer in eine Glitzerwelt irgendwo in Nordamerika. Der Protagonist
ist Literaturagent, geht zu Partys, alle Menschen sind toll, und
seine Freundin besonders. Der Text endet mit einer kryptischen
Ankündigung, dass eine Katastrophe auf die Stadt zukommen werde. Der
beste Freund der Hauptfigur hat eine entsprechende Warnung von seiner
Mutter erhalten. Ob die Warnung ernst genommen wird, wird sich wohl
erst im Roman weisen.
Hubert Winkels befand, es sei ein "schöner gelungener Auftakt" des
Lesetags, der Text zeige eine Welt, der alle Kanten und Ecken
abgeschliffen und wegoperiert worden sind. Daniela Strigl bezeichnete
es als "Literarisierung dessen, was man in der Truman-Show gesehen
hat", eine sehr gelungene Satire. Meike Feßmann sah ein "Possenspiel
über die 68er", sah aber die Gefahr, dass das Generationenthema
derzeit ein "einfacher Selbstbedienungsladen" sei. Paul Jandl fehlte
die Authentizität im Text. Hildegard Keller empfand es als
"Sekundärleben". Alain Claude Sulzer hob den "perfekt gemachten Ton"
hervor, der Text sei situiert in einer Situation "kurz vor dem
Zusammenbruch". Burkhard Spinnen meinte: "Das ist schön und lustig
und das ist unterhaltsam und das ist das Problem."
Anne Richter
Richter beschrieb in "Geschwister" eine Familiensituation,
als Anlass dient das Begräbnis eines Onkels der Protagonistin, zu dem
die Familie wieder zusammenkommt. In Rückblenden beschreibt die
Autorin die Entwicklung, das Erwachsenwerden der Hauptfigur in der
DDR, zufällig wie schon am Freitag einmal spielt die Geschichte in
Thüringen.
Gut gemacht, befand Sulzer, aber alles in allem "etwas brav".
Strigl vermisste "Fahrt" in der Geschichte, deren Struktur nicht ganz
klar sei: "Mir fehlt die Stringenz." Feßmann meinte, die Qualität des
Textes werde leicht übersehen. Keller fand die Geschichte "ihrer"
Autorin äußerst klar konstruiert, sie habe eine emotionslose aber
keineswegs herzlose Erzählweise gewählt. Spinnen äußerte Respekt für
das Bemühen der Autorin, ganz gelungen scheine die Geschichte aber
nicht. Jandl war das Ganze ebenfalls zwar schön bebildert, genau
beschrieben, doch dabei bleibe es dann auch.
Michel Bozikovic
Der Krieg am Balkan ist Schauplatz der Kriegserzählung "Wespe" von Bozikovic, Er
beschreibt einen Mann auf der Flucht, zwischen den Fronten, der nur
mit einem Überraschungsangriff der Verhaftung entgeht. Der Text
kreist immer wieder um Angst, um Erschöpfung und um Gewehrfeuer. Im
Reportage-Stil a la "Effekt garantiert, der Getroffene sinkt zusammen
wie ein Sack", wird de Begegnung mit der Polizei beschrieben. Warum
sich der Protagonist überhaupt in dieser Situation befindet,
verschweigt der Autor.
Hubert Winkels gefiel der Text gar nicht. Daniela Strigl meinte,
der Autor wolle vielleicht durch seine Figur selbst einmal "ein
toller Kerl" zu sein. Paul Jandl sah in der Figur einen Deserteur,
einen "heroischen Feigling", die Erzählkonstruktion lasse zudem
offen, ob der Protagonist die ganze Geschichte nur imaginiert habe.
Hildegard Keller verteidigte den von ihr nominierten Autor, hier
spreche eine "entpersonifizierte Figur", es finde eine
"Bewusstseins-Explosion" statt. Meike Feßmann meinte, es sei ein
wenig absurd, das sich jemand freiwillig in den Krieg begebe, um dann
Selbstmord begehen zu wollen. Burkhard Spinnen befürchtete, der Autor
habe mit dem gewählten Ausschnitt des Textes einen Fehler gemacht.
Thomas Klupp
Der letzte Text befasst sich intensiv mit dem Thema Pornografie.
In "9to5 Hardcore" - der Titel ist dem einer Pornodokumentation
entlehnt - sitzt ein junger Mann an der Universität Potsdam und
betrachtet acht Stunden pro Tag Pornobilder im Internet. Streng
wissenschaftlich natürlich, er nimmt an einem universitären Projekt
teil, das großspurig "Inszenierungsstrategien des Expliziten in
Onlineangeboten westlicher Mainstreampornographie" getauft wurde. Der
Romanheld entwickelt dabei eine besondere Vorliebe für die Vagina,
vor allem in Großaufnahme. Dazu gibt es einige abfällige Bemerkungen
zur Qualität der Forschungsarbeit der Geisteswissenschaften.
Feßmann interpretierte den Text als Persiflage auf den
Wissenschaftsbetrieb, die Pornografie und noch einiges mehr. Der
Protagonist verkaufe sich, aber das tue leider auch der Text. Keller
fand einen witzigen Text, der raffiniert gemacht sei. Jandl befand,
der Text würde "irgendwann langweilig, und zwar sehr bald".
Langweilig finde sie ihn nicht, meinte Strigl, hier werde das
Verbotene zum Job gemacht. Spinnen verspürte eine Ermüdung,
konzedierte aber, dass der Text sehr gut gemacht sei. Alain Claude
Sulzer fand den Text begrenzt komisch. Winkels verteidigte den von
ihm vorgeschlagenen Autor, dass der Witz nachlasse, sei beabsichtigt.
Am Sonntagmorgen (11.30 Uhr) werden schließlich die fünf Preise
(insgesamt 56.000 Euro) vergeben, wobei der Ingeborg-Bachmann-Preis mit
25.000 Euro zu Buche schlägt. (APA)