Finale des Wettlesens: Von Cobycountry bis zur Online-Pornografie

9. Juli 2011, 14:46

Sehr geteilte Reaktionen auf Leif Randt, Anne Richter, Michel Bozikovic und Thomas Klupp

Klagenfurt - Mit der Lesung von Leif Randt ist am Samstag der dritte und letzte Lesetag beim Bachmann-Wettbewerb im Klagenfurter ORF-Theater eröffnet worden. Sein Ausflug in eine artifizielle Glitzerwelt fand bei den Juroren geteilte Aufnahme, es gab euphorisches Lob ebenso wie beißende Kritik. Anne Richters Familiengeschichte löste eher wenig Begeisterung aus. Mit Michel Bozikovic ist dann am Nachmittag das Finale im Wettlesen eingeläutet worden, der Schweizer erhielt eine ziemliche Abfuhr. Den Abschluss machte Thomas Klupp, dessen Text über die wissenschaftliche Betrachtung der Online-Pornografie zahlreiche Lacher, aber auch teils scharfe Kritik generierte.

Leif Randt

Der Romanauszug "Schimmernder Dunst über Cobycounty" entführt die Zuhörer in eine Glitzerwelt irgendwo in Nordamerika. Der Protagonist ist Literaturagent, geht zu Partys, alle Menschen sind toll, und seine Freundin besonders. Der Text endet mit einer kryptischen Ankündigung, dass eine Katastrophe auf die Stadt zukommen werde. Der beste Freund der Hauptfigur hat eine entsprechende Warnung von seiner Mutter erhalten. Ob die Warnung ernst genommen wird, wird sich wohl erst im Roman weisen.

Hubert Winkels befand, es sei ein "schöner gelungener Auftakt" des Lesetags, der Text zeige eine Welt, der alle Kanten und Ecken abgeschliffen und wegoperiert worden sind. Daniela Strigl bezeichnete es als "Literarisierung dessen, was man in der Truman-Show gesehen hat", eine sehr gelungene Satire. Meike Feßmann sah ein "Possenspiel über die 68er", sah aber die Gefahr, dass das Generationenthema derzeit ein "einfacher Selbstbedienungsladen" sei. Paul Jandl fehlte die Authentizität im Text. Hildegard Keller empfand es als "Sekundärleben". Alain Claude Sulzer hob den "perfekt gemachten Ton" hervor, der Text sei situiert in einer Situation "kurz vor dem Zusammenbruch". Burkhard Spinnen meinte: "Das ist schön und lustig und das ist unterhaltsam und das ist das Problem."

Anne Richter

Richter beschrieb in "Geschwister" eine Familiensituation, als Anlass dient das Begräbnis eines Onkels der Protagonistin, zu dem die Familie wieder zusammenkommt. In Rückblenden beschreibt die Autorin die Entwicklung, das Erwachsenwerden der Hauptfigur in der DDR, zufällig wie schon am Freitag einmal spielt die Geschichte in Thüringen.

Gut gemacht, befand Sulzer, aber alles in allem "etwas brav". Strigl vermisste "Fahrt" in der Geschichte, deren Struktur nicht ganz klar sei: "Mir fehlt die Stringenz." Feßmann meinte, die Qualität des Textes werde leicht übersehen. Keller fand die Geschichte "ihrer" Autorin äußerst klar konstruiert, sie habe eine emotionslose aber keineswegs herzlose Erzählweise gewählt. Spinnen äußerte Respekt für das Bemühen der Autorin, ganz gelungen scheine die Geschichte aber nicht. Jandl war das Ganze ebenfalls zwar schön bebildert, genau beschrieben, doch dabei bleibe es dann auch.

Michel Bozikovic

Der Krieg am Balkan ist Schauplatz der  Kriegserzählung "Wespe" von Bozikovic, Er beschreibt einen Mann auf der Flucht, zwischen den Fronten, der nur mit einem Überraschungsangriff der Verhaftung entgeht. Der Text kreist immer wieder um Angst, um Erschöpfung und um Gewehrfeuer. Im Reportage-Stil a la "Effekt garantiert, der Getroffene sinkt zusammen wie ein Sack", wird de Begegnung mit der Polizei beschrieben. Warum sich der Protagonist überhaupt in dieser Situation befindet, verschweigt der Autor.

Hubert Winkels gefiel der Text gar nicht. Daniela Strigl meinte, der Autor wolle vielleicht durch seine Figur selbst einmal "ein toller Kerl" zu sein. Paul Jandl sah in der Figur einen Deserteur, einen "heroischen Feigling", die Erzählkonstruktion lasse zudem offen, ob der Protagonist die ganze Geschichte nur imaginiert habe. Hildegard Keller verteidigte den von ihr nominierten Autor, hier spreche eine "entpersonifizierte Figur", es finde eine "Bewusstseins-Explosion" statt. Meike Feßmann meinte, es sei ein wenig absurd, das sich jemand freiwillig in den Krieg begebe, um dann Selbstmord begehen zu wollen. Burkhard Spinnen befürchtete, der Autor habe mit dem gewählten Ausschnitt des Textes einen Fehler gemacht.

Thomas Klupp

Der letzte Text befasst sich intensiv mit dem Thema Pornografie. In "9to5 Hardcore" - der Titel ist dem einer Pornodokumentation entlehnt - sitzt ein junger Mann an der Universität Potsdam und betrachtet acht Stunden pro Tag Pornobilder im Internet. Streng wissenschaftlich natürlich, er nimmt an einem universitären Projekt teil, das großspurig "Inszenierungsstrategien des Expliziten in Onlineangeboten westlicher Mainstreampornographie" getauft wurde. Der Romanheld entwickelt dabei eine besondere Vorliebe für die Vagina, vor allem in Großaufnahme. Dazu gibt es einige abfällige Bemerkungen zur Qualität der Forschungsarbeit der Geisteswissenschaften.

Feßmann interpretierte den Text als Persiflage auf den Wissenschaftsbetrieb, die Pornografie und noch einiges mehr. Der Protagonist verkaufe sich, aber das tue leider auch der Text. Keller fand einen witzigen Text, der raffiniert gemacht sei. Jandl befand, der Text würde "irgendwann langweilig, und zwar sehr bald". Langweilig finde sie ihn nicht, meinte Strigl, hier werde das Verbotene zum Job gemacht. Spinnen verspürte eine Ermüdung, konzedierte aber, dass der Text sehr gut gemacht sei. Alain Claude Sulzer fand den Text begrenzt komisch. Winkels verteidigte den von ihm vorgeschlagenen Autor, dass der Witz nachlasse, sei beabsichtigt.

Am Sonntagmorgen (11.30 Uhr) werden schließlich die fünf Preise (insgesamt 56.000 Euro) vergeben, wobei der Ingeborg-Bachmann-Preis mit 25.000 Euro zu Buche schlägt.  (APA)

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15 Postings
Metternichmich!
00
10.7.2011, 22:17
Gegenwartsliteratur

Frage nur aus Neugier: War irgendeinem Text zu entnehmen, dass er ca. 2010 geschrieben wurde? Ich meine nicht tagesaktuelle Bezüge, sondern, aus der Existenz, dem Bewußtsein eines Menschen heraus geschrieben, der im Jahr 2011 lebt? War wenigstens ein Jahrzehnt zu erkennen?
Und, nein, ich habe keinen der Texte gehört, deshalb frage ich.

Marcel Baum
02
10.7.2011, 07:54
Ich habe nur Anna Richter gehört

und empfand den Text als schrecklich.

Absolut inhaltsarm über weite Strecken eine reine Darstellung der Befindlichkeit der Autorin zu innerfamiliären Problemen.
Wäre es ein Bühnentext würde man sagen der Verfasser tut so gut wie nichts für den Fortgang der Handlung.
Monoton und breiig schleppen sich diese Reflexionen dahin, getragen von der gleichen Emotionslosigkeit mit der sie die Autorin zum Vortrag bringt.

Volksbefreiungsfront Alt-Ottakring
 
00
10.7.2011, 10:47

Ja, das reinste Elend. Meine größte Bewunderung gebührt immer jenem Publikum, das vor Ort aushält und seinem Fluchtreflex widersteht.

Franzerle
00
10.7.2011, 07:48

mag den herrn jandl, und der frau strigl hör ich auch gern zu. der herr nüchtern fehlt.

Quasis Herr Karl
00
10.7.2011, 10:42
Frau Strigl

ist mit Abstand die Beste, bei Jandl hab ich Bauchweh.

Franzerle
00
10.7.2011, 13:03

wieso bauchweh?

Quasis Herr Karl
00
10.7.2011, 13:15
Literatur kann man nicht "erklären".

Jandl, aber auch andere, haben dies immer wieder versucht. Vergleiche mit Hemingway, Handke, Nestroy,Stifter und andere. Die Abschlussrede von Herrn Sinnen bringt's auf den Punkt. Ich freue mich auf jeden fall schon auf das nächste Jahr.

mumuj
51
10.7.2011, 07:28
Ist das der Sommerloch oder ist Jemanden fad

Seit Tagen wird über jeden Seufzer der Autoren und Juroren berichtet. 14 ,von durch nicht nahvollziehbare Verdienste ernannte Juroren, Vorgeschlagenen kämpfen (erlesen) 5 Preise die mit Gießkannenprinzip vergeben werden. Einige mehr und einige weniger Protegierte geben geistreiche Interviews und das ganze wird als ernstzunehmende Literatur verkauft. Gähn.

Katrinchen
01
11.7.2011, 06:54
mir ist noch zu wenig berichterstattung.

Der Tod als Ziel
01
10.7.2011, 11:09
Und WO wären Ihre Alternativen??

Sehen Sie sich doch einfach Beachvolleyball in Klagenfurt an, dort kommen Sie bestimmt auf Ihre intellektuellen Kosten.

Ähnlich wunderbare Musik Beschallung erleben Sie ebenso als Zuseher des Kärnten Ironman, dort werden Sie auch bestimmt nicht mit lästigen Vorlesern und Literatur konfrontiert.

mumuj
00
10.7.2011, 15:25
Lieber "Tod als Ziel"

Wie kommen Sie auf Idee, dass meine intelektuelle Tiefe mit Beachvolleyball und Ironmann zu befriediegen wären? Genauso uninteressant wie der leider sehr provinziell gestaltete Lesekampf.
Bei den Zweiten handelt sich aber um längst durch die Gunst der Protektion vorgezogene "Wunderkinder".
Aber Ihr Nick passt sehr gut zum unnötigen Lesekampf.

Der Tod als Ziel
00
10.7.2011, 19:35
Damit wollte

ich nicht sagen:

Sie, s.g. mumuj, wären mit Beachvolleyball oder IM intellektuell zufriedenzustellen.

Ich wollte nur feststellen:

SCHÖN, dass es so etwas wie diesen Lesebewerb überhaupt gibt. Warum macht man ein derartiges "Pflänzchen" madig, warum kritisiert man ausgerechnet kulturelle Kleinode??

Ich bin mir sicher, Sie hören nicht ö3, nur weil auf ö1 einmal die nicht ganz passende Musik lief.

Unsympathischer Riese gegen verletzlichen, schützenswerten Zwerg.
Metapher zwar, aber verstanden, was ich meine?

mumuj
00
11.7.2011, 10:52
es ist nicht schön Autoren wie Gladiatoren in einer Arena RENA

gegeneinander kämpfen zu lassen. Literatur und Kunst haben die Herrlichkeit das ihre wahre Größe und Werte nicht von eine Vereinigung, Politischen Partei oder eine Grupe Kritiker Existenzabhängig sein müssen. Gerade Das passieret in Österreich. Es wird von einem Kunstschafenden unglaubliche Mastdarmakrobatik verlangt. Die die DAS NICHT KÖNNEN kriegen die par Bröseln zum überleben nicht. Gleichzeitig werden Fantasiegagen an Kunstdirektoren(denen das auch nicht reicht sonst der Reihe nach veruntreuen Ihnen zu Verfügung gestellte Mittel).Von Kuratoren, Intendanten, Beiräten und anderen Teilen des aufgeblasenes Beamtenaparates zu schweigen.

Marcel Baum
01
16.7.2011, 10:18
Solche Wettbewerbe

waren früher durchaus üblich.

Der Musikverlag Sonzogno schrieb um 1890 Wettbewerbe für Operneinakter aus, aus denen z.B. Cavalleria rusticana oder Pagliacci als Sieger hervorgingen.
Viele Mozart Opern waren Auftragswerke, auch Verdis AIDA war ein solches zur Eröffnung des Suez Kanals.
Es ist eben das Schicksal des Künstlers sich der öffentlichen Meinung stellen zu müssen-

slaine mcroth
01
14.7.2011, 23:52

Das passiert nicht nur in Österreich, das ist auch damals in Griechenland passiert, als Aischylos, Sophokles und Euripides ihre Tragödien für Wettbewerbe geschrieben haben. Die konnten das und die Texte sind ja immerhin nicht schlecht, obwohl sie nicht für die "Herrlichkeit" selbst geschrieben wurden.

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