Wann beginnt mich eine Geschichte zu interessieren?

    8. Juli 2011, 17:45
    4 Postings

    Die Kraft einer Geschichte versteckt sich vielleicht als Schlange unter einem Stein, vielleicht schläft sie im flirrenden Mittagslicht und erwacht erst spät und sich selbst für einen Augenblick unbekannt - Von Wolfgang Hermann

    Was ist es, was mich als Leser fesselt? Als Leser stelle ich mir diese Frage für gewöhnlich nicht, ich lese und genüge mir als Lesender. Was die Psychologie vom Lesen und dem Warum des Lesens sagt, kümmert mich nicht. Ich bin auf der Suche nach dem Oszillieren des Lichts über einem sich beständig entziehenden Horizont, ich lebe als Leser für ein solches Bild, trage es in mir, auch wenn ich die Handlung des Romans längst vergessen habe.

    Ja, ich spüre die Uneinholbarkeit eines Satzes, eines Satzbildes, der Atmosphäre einer Geschichte durch den Gedanken. Nicht nur kann ich das Bild nicht in Gedanken fassen und formulieren, denn es ist mehr als ein Gedanke. Eine Geschichte, die nur eine These entwickelt, hat mich als Leser verloren. Die Kraft einer Geschichte versteckt sich möglicherweise als Schlange unter einem Stein, vielleicht schläft sie im flirrenden Mittagslicht und erwacht erst spät und sich selbst für einen Augenblick unbekannt. Ja, sich selbst unbekannt, vielleicht liegt darin ein Stück des Geheimnisses von Literatur, unbekannt irgendwelcher Intention, hingegeben nur an diesen Augenblick, in dem sich etwas Neues öffnet, in dem ein Mensch im flirrenden Licht am Horizont erscheint. Unbekannt, doch in der Berührung, die ich an meinem lesenden Herzen spüre, altvertraut.

    Was wird aus den Bildern, die in mir nicht vergehen wollen? Von den Romanen Stendhals blieben mir nicht die Aspekte der Hingabe, der Überschreitung der moralischen Grenzen der Zeit, vielmehr spüre ich das feine Gewebe dieser Schrift in mir wie eine Berührung nachwirken. Von der Lektüre Flauberts blieb mir mehr als die Handlung, das langsame Voranschreiten der Erfahrung der Leere und Enttäuschung in der Éducation sentimentale, ein Aroma, eine Färbung, von jedem seiner Romane eine andere Note.

    Von Goethes Wilhelm Meister-Romanen blieb mir ein unwirklich schönes Morgenlicht, das ich auch in manchen Werken der Frühromantiker und, wehmütiger, gebrochener, in Kellers Grünem Heinrich und in seinem Sinngedicht-Zyklus, in Eichendorffs Ahnung und Gegenwart wiederfand. Ich begann, eine Landschaft, ihre Flüsse und Seen zu lieben, die mir von einem inneren Licht widerzuscheinen begann. Ich suchte nach diesem Licht in den prophetisch-seherischen Hymnen und Elegien Hölderlins, in den Schriften Novalis', Friedrich Schlegels und der anderen Romantiker. Dabei waren es auch hier nicht die Geschichten, die mich in ihren Bann zogen (denn manche von ihnen waren von der Zeit ausgebleicht wie überbelichtete Fotografien), sondern die feine Berührung mit einer versunkenen Welt, von der ich auf meinen Fahrten durch die reale Landschaft dieser Literatur kaum einen Hauch finden konnte.

    Von Proust blieb mir das Gefühl von den Menschen und Dingen als durchlässiger Oberfläche, die ihre wahre Dimension erst unter der Schule des Sehens im Halbdunkel entfalten. Im Dämmer langsam aufsteigender Erinnerung, die in ihrer Präzision das eigentliche Ereignis, da sie es in unendlicher Langsamkeit entschlüsselt, an Schärfe übertrifft, ja gänzlich an seine Stelle tritt. Proust gab mir Worte für das Leiden an der Liebe, führte mich in den kreisenden Kosmos der Eifersucht, aber auch des Genusses am Schmerz der Vergeblichkeit, dass mir als Leser war, als würde über den Boden, auf dem ich ging und fühlte, ein zweiter Boden von so unendlich tiefer Textur gelegt, dass ich mich fragte, wie ich, wenn die Lektüre dieser viertausend Seiten beendet wäre, mein eigenes Leben weiterleben sollte. Ja, dieses Werk las ich nicht mit der Faszination eines Sammlers strahlender Augenblicke, vielmehr drang die nie da gewesene Überschärfe des Blicks des Autors der Recherche mir so tief in die Poren, dass mir war, als würde ein Schleier von den Dingen gerissen, und ich, der bisher halbblind mitten unter ihnen gelebt hatte, musste nun lernen, sie völlig neu zu sehen. Zwar war die Welt, von der dieser Roman aus dem Dämmer eines von allen Geräuschen und jedem Licht abgeschirmten Zimmers erzählte, längst versunken, doch die einzigartige Schule der Wahrnehmung, die dieses Buch entwickelte, drang wie eine Droge in mich ein, die mich einerseits beglückte, da ich dank ihrer eine zusätzliche Dimension in meinem gewöhnlichen Leben entdeckte, gleichzeitig jedoch zum unglücklichen Adepten einer meisterlichen Schule machte, in der ich es unmöglich weit bringen konnte. Denn Prousts Werk war und blieb einsam, ein Monolith in der Landschaft der Literatur, der, so empfanden es damals die Zeitgenossen, eine Windstille hinterließ, die ihnen den Wind aus den Segeln nahm. Denn was blieb angesichts eines so erschöpfenden und zugleich unzeitgemäßen Werks ihnen zu schreiben übrig? Es war die Radikalisierung der Zwischenkriegszeit, die bald ganz andere Fragen aufwarf als jene nach der verfeinerten Wahrnehmung einer versunkenen Welt und der Vergeblichkeit des Besitzstrebens im Namen der Liebe.

    Nach meiner Proust-Zeit blieb ich als Leser ratlos zurück, denn ich hatte mit diesem Roman eine so durchdringende Erfahrung von der Unendlichkeit im Innern des Augenblicks gemacht, dass ich mich nur schwer auf die nach Sinn und Ziel einer Geschichte ausgerichteten Bücher einlassen wollte, an denen ich mich als Leser versuchte. Ich ließ auch das Schreiben für lange Zeit bleiben, denn wie den frühen Lesern Prousts stellte sich auch mir die Frage, welchen Sinn es habe, meine unzulänglichen Versuche voranzutreiben, wenn es ein solches Werk gab, das nicht nur eine ganze Welt beinhaltete, sondern auch mein eigenes Schreiben so vollkommen überflüssig und peinlich machte. Doch die Gnade des Vergessens wirkte nicht nur als eine Überlebensgabe innerhalb des Proust'schen Romankosmos, sie ermöglicht auch das Weiterschreiben nach der Lektüre.

    Für die gängige Vorstellung von Deutung und Interpretation von Literatur war ich damit verloren. Und nicht nur für die Wissenschaft war ich verloren, wohl auch als lesender Sucher nach inneren Landschaften, nach der Lichtbrechung auf einem nie wiedererkannten Fluss für die Verwendbarkeit meiner Person für einen realitätstauglichen Beruf. Vielleicht hat auch die damalige Studienordnung im Fachbereich Philosophie ihren Anteil an meiner Untauglichkeit, da sie mir eine Zeit der nichtzweckdienlichen Lektüre schenkte, was mir nach dem Studium abzugewöhnen schon zu spät war. Es blieb nur der Weg ins Schreiben, was auch vorprogrammierte ständige Unzufriedenheit mit meiner Arbeit bedeutete, da ich Bücher gelesen hatte, an die ich in hundert Jahren nicht würde heranreichen. Zudem war damals noch die bald auslaufende Zeit, da manche Bücher wegen ihres unverwechselbaren Blicks gedruckt wurden, nicht allein wegen der Verkaufbarkeit ihrer sogenannten Story. Ich war also in eine mir selbst als Leser gestellte Falle gegangen. In alter Zeit führte Realitätsuntauglichkeit durch exzessive Lektüre entweder, wie im Falle des Don Quijote, zum Kampf gegen Windmühlen (die heute direkt an der Autobahn liegen) oder in die Gelehrtenbehütetheit eines Klosterdaseins. Zu Zeiten des Pietismus, als die deutschen Romantiker auf der Suche nach der Blauen Blume sich in den Salons eine kleine Gegenwirklichkeit zur staatlichen Repression zu schaffen begannen, wurde die Lektüre auch und besonders Sache der "gebildeten Frauenzimmer", für die, da sie von jedem Beruf ausgeschlossen waren, die verfeinerte Welt der zeitgenössischen Romane eine eigene Matrix als Lebenswelt bildete. Als Dichterinnen wurden sie noch wenig gehört, besorgte Väter rieten zu standesgemäßer Verehelichung und Unterlassung allzu exzessiver Lektüre, manche, wie Karoline von Günderode, zerbrachen an den starren Konventionen des für sie vorgesehenen Lebens. Es blieb der Brief als Folie der Selbstbehandlung, als Selbstgespräch mit gleichgesinntem Du in der Ferne. Für diese Menschen war Literatur der Ernstfall eines herbeigeträumten Lebens, Experimentierstube für gesellschaftlich nicht tolerierte Existenzformen. Literatur brannte ihnen unter den Nägeln, auf der Zunge, sie spürten den herandrängenden Umbruch, im revolutionären Frankreich vollzogen, in Deutschland geträumt und, als die Nachrichten blutiger wurden, gefürchtet.

    Für den Leser blühen aus den romantischen Denkstuben noch immer wundersame schöne Blüten, zu Unrecht übergangen zugunsten lauterer Werke.

    Einem, der von den Romanen der Weltliteratur nur das Streichen der Gräser im Wind einer russischen Steppe, die von romantischem Gesang begleitete Floßfahrt auf dem Rhein der alten Zeit, den durch die Vorhänge einer Droschke oszillierenden Sonnenschein, wie er sich mit dem Duft einer Blüte am Haarband der Angebeteten vermengt, behält, bleibt heute nur das Doppelleben einer heimlichen Leidenschaft, deren Verschworene in abgeschiedenen Zimmern, vielleicht im Park oder im Großraumwagon nicht ganz von dieser Welt sind. Diese Spurensucher sind weniger auf der Suche nach Unterhaltung, der sich zu entziehen zum Kunststück geworden ist, sondern nach sonderbaren Erfahrungen, die nur mittels der altmodischen Ware Buch zu machen sind.   (DER STANDARD, Printausgabe, 9./10.7.2011)

    • Wolfgang Hermann, geb. 1961 in Bregenz, studierte Philosophie und 
Germanistik 
in Wien, Promotion mit einer Arbeit über Hölderlin. Seit 1987 ist er 
freier 
Schriftsteller, von 1987 bis 1990 in Berlin, anschließend fünf Jahre in 
Frankreich, seit kurzem lebt er wieder in Wien. Lesungen beim 
Petrarca-Preis in 
Triest und Lucca. Zuletzt erschien von ihm der Roman "Mit dir ohne dich"
 
(Haymon, 2010).
      foto: petra spiola

      Wolfgang Hermann, geb. 1961 in Bregenz, studierte Philosophie und Germanistik in Wien, Promotion mit einer Arbeit über Hölderlin. Seit 1987 ist er freier Schriftsteller, von 1987 bis 1990 in Berlin, anschließend fünf Jahre in Frankreich, seit kurzem lebt er wieder in Wien. Lesungen beim Petrarca-Preis in Triest und Lucca. Zuletzt erschien von ihm der Roman "Mit dir ohne dich" (Haymon, 2010).

    Share if you care.