Die Kraft einer Geschichte versteckt sich vielleicht als Schlange unter einem Stein, vielleicht schläft sie im flirrenden Mittagslicht und erwacht erst spät und sich selbst für einen Augenblick unbekannt - Von Wolfgang Hermann
Was ist es, was mich als Leser fesselt? Als Leser stelle ich mir diese Frage
für gewöhnlich nicht, ich lese und genüge mir als Lesender. Was die Psychologie
vom Lesen und dem Warum des Lesens sagt, kümmert mich nicht. Ich bin auf der
Suche nach dem Oszillieren des Lichts über einem sich beständig entziehenden
Horizont, ich lebe als Leser für ein solches Bild, trage es in mir, auch wenn
ich die Handlung des Romans längst vergessen habe.
Ja, ich spüre die Uneinholbarkeit eines Satzes, eines Satzbildes, der
Atmosphäre einer Geschichte durch den Gedanken. Nicht nur kann ich das Bild
nicht in Gedanken fassen und formulieren, denn es ist mehr als ein Gedanke. Eine
Geschichte, die nur eine These entwickelt, hat mich als Leser verloren. Die
Kraft einer Geschichte versteckt sich möglicherweise als Schlange unter einem
Stein, vielleicht schläft sie im flirrenden Mittagslicht und erwacht erst spät
und sich selbst für einen Augenblick unbekannt. Ja, sich selbst unbekannt,
vielleicht liegt darin ein Stück des Geheimnisses von Literatur, unbekannt
irgendwelcher Intention, hingegeben nur an diesen Augenblick, in dem sich etwas
Neues öffnet, in dem ein Mensch im flirrenden Licht am Horizont erscheint.
Unbekannt, doch in der Berührung, die ich an meinem lesenden Herzen spüre,
altvertraut.
Was wird aus den Bildern, die in mir nicht vergehen wollen? Von den Romanen
Stendhals blieben mir nicht die Aspekte der Hingabe, der Überschreitung der
moralischen Grenzen der Zeit, vielmehr spüre ich das feine Gewebe dieser Schrift
in mir wie eine Berührung nachwirken. Von der Lektüre Flauberts blieb mir mehr
als die Handlung, das langsame Voranschreiten der Erfahrung der Leere und
Enttäuschung in der Éducation sentimentale, ein Aroma, eine Färbung, von
jedem seiner Romane eine andere Note.
Von Goethes Wilhelm Meister-Romanen blieb mir ein unwirklich schönes
Morgenlicht, das ich auch in manchen Werken der Frühromantiker und, wehmütiger,
gebrochener, in Kellers Grünem Heinrich und in seinem
Sinngedicht-Zyklus, in Eichendorffs Ahnung und Gegenwart
wiederfand. Ich begann, eine Landschaft, ihre Flüsse und Seen zu lieben, die mir
von einem inneren Licht widerzuscheinen begann. Ich suchte nach diesem Licht in
den prophetisch-seherischen Hymnen und Elegien Hölderlins, in den Schriften
Novalis', Friedrich Schlegels und der anderen Romantiker. Dabei waren es auch
hier nicht die Geschichten, die mich in ihren Bann zogen (denn manche von ihnen
waren von der Zeit ausgebleicht wie überbelichtete Fotografien), sondern die
feine Berührung mit einer versunkenen Welt, von der ich auf meinen Fahrten durch
die reale Landschaft dieser Literatur kaum einen Hauch finden konnte.
Von Proust blieb mir das Gefühl von den Menschen und Dingen als durchlässiger
Oberfläche, die ihre wahre Dimension erst unter der Schule des Sehens im
Halbdunkel entfalten. Im Dämmer langsam aufsteigender Erinnerung, die in ihrer
Präzision das eigentliche Ereignis, da sie es in unendlicher Langsamkeit
entschlüsselt, an Schärfe übertrifft, ja gänzlich an seine Stelle tritt. Proust
gab mir Worte für das Leiden an der Liebe, führte mich in den kreisenden Kosmos
der Eifersucht, aber auch des Genusses am Schmerz der Vergeblichkeit, dass mir
als Leser war, als würde über den Boden, auf dem ich ging und fühlte, ein
zweiter Boden von so unendlich tiefer Textur gelegt, dass ich mich fragte, wie
ich, wenn die Lektüre dieser viertausend Seiten beendet wäre, mein eigenes Leben
weiterleben sollte. Ja, dieses Werk las ich nicht mit der Faszination eines
Sammlers strahlender Augenblicke, vielmehr drang die nie da gewesene Überschärfe
des Blicks des Autors der Recherche mir so tief in die Poren, dass mir
war, als würde ein Schleier von den Dingen gerissen, und ich, der bisher
halbblind mitten unter ihnen gelebt hatte, musste nun lernen, sie völlig neu zu
sehen. Zwar war die Welt, von der dieser Roman aus dem Dämmer eines von allen
Geräuschen und jedem Licht abgeschirmten Zimmers erzählte, längst versunken,
doch die einzigartige Schule der Wahrnehmung, die dieses Buch entwickelte, drang
wie eine Droge in mich ein, die mich einerseits beglückte, da ich dank ihrer
eine zusätzliche Dimension in meinem gewöhnlichen Leben entdeckte, gleichzeitig
jedoch zum unglücklichen Adepten einer meisterlichen Schule machte, in der ich
es unmöglich weit bringen konnte. Denn Prousts Werk war und blieb einsam, ein
Monolith in der Landschaft der Literatur, der, so empfanden es damals die
Zeitgenossen, eine Windstille hinterließ, die ihnen den Wind aus den Segeln
nahm. Denn was blieb angesichts eines so erschöpfenden und zugleich
unzeitgemäßen Werks ihnen zu schreiben übrig? Es war die Radikalisierung der
Zwischenkriegszeit, die bald ganz andere Fragen aufwarf als jene nach der
verfeinerten Wahrnehmung einer versunkenen Welt und der Vergeblichkeit des
Besitzstrebens im Namen der Liebe.
Nach meiner Proust-Zeit blieb ich als Leser ratlos zurück, denn ich hatte mit
diesem Roman eine so durchdringende Erfahrung von der Unendlichkeit im Innern
des Augenblicks gemacht, dass ich mich nur schwer auf die nach Sinn und Ziel
einer Geschichte ausgerichteten Bücher einlassen wollte, an denen ich mich als
Leser versuchte. Ich ließ auch das Schreiben für lange Zeit bleiben, denn wie
den frühen Lesern Prousts stellte sich auch mir die Frage, welchen Sinn es habe,
meine unzulänglichen Versuche voranzutreiben, wenn es ein solches Werk gab, das
nicht nur eine ganze Welt beinhaltete, sondern auch mein eigenes Schreiben so
vollkommen überflüssig und peinlich machte. Doch die Gnade des Vergessens wirkte
nicht nur als eine Überlebensgabe innerhalb des Proust'schen Romankosmos, sie
ermöglicht auch das Weiterschreiben nach der Lektüre.
Für die gängige Vorstellung von Deutung und Interpretation von Literatur war
ich damit verloren. Und nicht nur für die Wissenschaft war ich verloren, wohl
auch als lesender Sucher nach inneren Landschaften, nach der Lichtbrechung auf
einem nie wiedererkannten Fluss für die Verwendbarkeit meiner Person für einen
realitätstauglichen Beruf. Vielleicht hat auch die damalige Studienordnung im
Fachbereich Philosophie ihren Anteil an meiner Untauglichkeit, da sie mir eine
Zeit der nichtzweckdienlichen Lektüre schenkte, was mir nach dem Studium
abzugewöhnen schon zu spät war. Es blieb nur der Weg ins Schreiben, was auch
vorprogrammierte ständige Unzufriedenheit mit meiner Arbeit bedeutete, da ich
Bücher gelesen hatte, an die ich in hundert Jahren nicht würde heranreichen.
Zudem war damals noch die bald auslaufende Zeit, da manche Bücher wegen ihres
unverwechselbaren Blicks gedruckt wurden, nicht allein wegen der Verkaufbarkeit
ihrer sogenannten Story. Ich war also in eine mir selbst als Leser gestellte
Falle gegangen. In alter Zeit führte Realitätsuntauglichkeit durch exzessive
Lektüre entweder, wie im Falle des Don Quijote, zum Kampf gegen Windmühlen (die
heute direkt an der Autobahn liegen) oder in die Gelehrtenbehütetheit eines
Klosterdaseins. Zu Zeiten des Pietismus, als die deutschen Romantiker auf der
Suche nach der Blauen Blume sich in den Salons eine kleine Gegenwirklichkeit zur
staatlichen Repression zu schaffen begannen, wurde die Lektüre auch und
besonders Sache der "gebildeten Frauenzimmer", für die, da sie von jedem Beruf
ausgeschlossen waren, die verfeinerte Welt der zeitgenössischen Romane eine
eigene Matrix als Lebenswelt bildete. Als Dichterinnen wurden sie noch wenig
gehört, besorgte Väter rieten zu standesgemäßer Verehelichung und Unterlassung
allzu exzessiver Lektüre, manche, wie Karoline von Günderode, zerbrachen an den
starren Konventionen des für sie vorgesehenen Lebens. Es blieb der Brief als
Folie der Selbstbehandlung, als Selbstgespräch mit gleichgesinntem Du in der
Ferne. Für diese Menschen war Literatur der Ernstfall eines herbeigeträumten
Lebens, Experimentierstube für gesellschaftlich nicht tolerierte Existenzformen.
Literatur brannte ihnen unter den Nägeln, auf der Zunge, sie spürten den
herandrängenden Umbruch, im revolutionären Frankreich vollzogen, in Deutschland
geträumt und, als die Nachrichten blutiger wurden, gefürchtet.
Für den Leser blühen aus den romantischen Denkstuben noch immer wundersame
schöne Blüten, zu Unrecht übergangen zugunsten lauterer Werke.
Einem, der von den Romanen der Weltliteratur nur das Streichen der Gräser im
Wind einer russischen Steppe, die von romantischem Gesang begleitete Floßfahrt
auf dem Rhein der alten Zeit, den durch die Vorhänge einer Droschke
oszillierenden Sonnenschein, wie er sich mit dem Duft einer Blüte am Haarband
der Angebeteten vermengt, behält, bleibt heute nur das Doppelleben einer
heimlichen Leidenschaft, deren Verschworene in abgeschiedenen Zimmern,
vielleicht im Park oder im Großraumwagon nicht ganz von dieser Welt sind. Diese
Spurensucher sind weniger auf der Suche nach Unterhaltung, der sich zu entziehen
zum Kunststück geworden ist, sondern nach sonderbaren Erfahrungen, die nur
mittels der altmodischen Ware Buch zu machen sind. (DER STANDARD, Printausgabe, 9./10.7.2011)