Lob und Tadel am zweiten Wettbewerbstag
Klagenfurt - Manchmal fühlt man sich an den Tagen der deutschsprachigen
Literatur in Klagenfurt wie auf einem Dampfer, der sich beginnend mit der ersten
Lesung stetig durch mehr oder weniger ruhiges Text- und Wortgewässer wühlt.
Während aus dem Schiffsbauch leise die Klänge der Bordkapelle und das Geraune
aus den Kabinen des Literaturbetriebs dringen, präsentieren sich auf den
blankgescheuerten Planken des Decks vor einer siebenköpfigen Jury 14 Vertreter
dessen, was wir die deutschsprachige Gegenwartsliteratur nennen.
Man kann einiges gegen das Eventhafte des Bachmann-Preises sagen, aber
Tatsache bleibt, dass man als Schiffspassagier, als Autor, aber auch zu Hause am
Bildschirm (auf 3sat in Echtzeit), dabei zusehen kann, wie literarische Wertung
geschieht. Das Scheitern von Texten wird ebenso evident wie die verschiedenen
Herangehensweisen der Jurymitglieder.
Der Zufall wollte es, dass am ersten Tag fünf Texte gelesen wurden, die in
die Innenwelt merkwürdiger Figuren führten, was die Juroren zuweilen verleitete,
mehr über Psychologie zu reden, als auf den Text einzugehen. Nun, am zweiten
Lesetag, ging es in die Zeitgeschichte. Der in Berlin lebende Schweizer Linus
Reichlin erzählt in Weltgegend von einem deutschen Soldaten und Arzt, der
nach einem Bombenanschlag in Afghanistan eine Frau erschießt. Der Text kam nicht
gut an.
Sehr überzeugend, ja makellos, fand die Jury dann den Beitrag der
Klagenfurter Autorin Maja Haderlap. Ihr ruhiger, rhythmischer Text Im
Kessel ist eine Landnahme im mehrfachen Sinn. Vordergründig wird der
Waldgang eines heranwachsenden Mädchens mit seinem Vater geschildert, im
Hintergrund aber klingt die Geschichte der Kärntner Slowenen und ihres
Widerstands gegen die Nationalsozialisten an. Radikal, wild und sinnlich dann
Julya Rabinowichs Erdfresserin über die mythischen Dimensionen des
Frauseins und die schwankende Opfer-Täter-Konstellation zwischen einem
bettlägrigen Mann und seiner ausländischen Pflegerin. Gut möglich, dass man von
Haderlap und Rabinowich bei der sonntäglichen Preisverleihung noch hören
wird. (Stefan Gmünder / DER STANDARD, Printausgabe, 9./10.7.2011)