Poetische Landnahmen

8. Juli 2011, 17:23

Lob und Tadel am zweiten Wettbewerbstag

Klagenfurt - Manchmal fühlt man sich an den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt wie auf einem Dampfer, der sich beginnend mit der ersten Lesung stetig durch mehr oder weniger ruhiges Text- und Wortgewässer wühlt. Während aus dem Schiffsbauch leise die Klänge der Bordkapelle und das Geraune aus den Kabinen des Literaturbetriebs dringen, präsentieren sich auf den blankgescheuerten Planken des Decks vor einer siebenköpfigen Jury 14 Vertreter dessen, was wir die deutschsprachige Gegenwartsliteratur nennen.

Man kann einiges gegen das Eventhafte des Bachmann-Preises sagen, aber Tatsache bleibt, dass man als Schiffspassagier, als Autor, aber auch zu Hause am Bildschirm (auf 3sat in Echtzeit), dabei zusehen kann, wie literarische Wertung geschieht. Das Scheitern von Texten wird ebenso evident wie die verschiedenen Herangehensweisen der Jurymitglieder.

Der Zufall wollte es, dass am ersten Tag fünf Texte gelesen wurden, die in die Innenwelt merkwürdiger Figuren führten, was die Juroren zuweilen verleitete, mehr über Psychologie zu reden, als auf den Text einzugehen. Nun, am zweiten Lesetag, ging es in die Zeitgeschichte. Der in Berlin lebende Schweizer Linus Reichlin erzählt in Weltgegend von einem deutschen Soldaten und Arzt, der nach einem Bombenanschlag in Afghanistan eine Frau erschießt. Der Text kam nicht gut an.

Sehr überzeugend, ja makellos, fand die Jury dann den Beitrag der Klagenfurter Autorin Maja Haderlap. Ihr ruhiger, rhythmischer Text Im Kessel ist eine Landnahme im mehrfachen Sinn. Vordergründig wird der Waldgang eines heranwachsenden Mädchens mit seinem Vater geschildert, im Hintergrund aber klingt die Geschichte der Kärntner Slowenen und ihres Widerstands gegen die Nationalsozialisten an. Radikal, wild und sinnlich dann Julya Rabinowichs Erdfresserin über die mythischen Dimensionen des Frauseins und die schwankende Opfer-Täter-Konstellation zwischen einem bettlägrigen Mann und seiner ausländischen Pflegerin. Gut möglich, dass man von Haderlap und Rabinowich bei der sonntäglichen Preisverleihung noch hören wird.  (Stefan Gmünder / DER STANDARD, Printausgabe, 9./10.7.2011)

Volksbefreiungsfront Alt-Ottakring
 
13
Bin nur ich ...

vor dem Fernseher eingeschlafen?

wizenstain
00
sehr wahrscheinlich

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