"Bewegung im Freien ist ein Grundbedürfnis"

8. Juli 2011, 18:35
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Malte Roeper fordert in seinem jüngsten Buch, Kindern wieder ein artgerechtes Leben zu ermöglichen - In der Natur zu sein sei für Kinder wichtiger als Handy und Gameboy

Standard: Ihr neuestes Buch trägt den Titel "Kinder raus!". Sie fordern, dem Nachwuchs mehr Naturerlebnis zu ermöglichen. Müsste es nicht konsequenterweise "Eltern raus" heißen?

Roepter: Nicht unbedingt. Die Kinder können ja leicht ohne Eltern raus. Wenn ich mit meinen Kindern draußen bin, bin ich zwar auch draußen, aber ich leite sie nicht an.

Standard: Die Entscheidungen treffen doch die Eltern?

Roeper: Die Eltern stellen die Weichen. Sie sollten dafür sorgen, dass die Kinder in die Natur kommen. Das ist ein Grundbedürfnis, das sich früher von selbst erfüllt hat, weil nicht so viel elektronisches Spielzeug zu Hause war.

Standard: Wir sitzen hier in Traunstein. Rund herum ist es grün, ist viel Natur. Wie sollen den Menschen, die in Großstädten leben, ihren Kindern Naturerfahrung ermöglichen? Das ist doch nicht so einfach.

Roeper: Schnappen Sie sich ein paar Spielkameraden Ihrer Kindern, fahren Sie irgendwo hin raus, machen Sie ein Picknick und stellen etwas zum Essen hin. Dann beginnen Sie zu lesen und sagen den Kids: Lasst mich in Ruhe. Die fangen ganz von selbst an in der Natur zu spielen. Wenn man Naturaufenthalte aber nicht selbst lebt, ist es am besten, das nicht nur mit irgendwelchen Ausflügen abzufangen. Die Kinder gehören in den Waldkindergarten, zu den Pfadfindern, zum Alpenverein. Die Kinder haben ja noch ein anderes Grundbedürfnis, das oft zu kurz kommt: Sie wollen mit anderen Kindern spielen. Das ist viel wichtiger, als dass die Eltern mitspielen. In den Kindergruppen haben sie andere Kinder, da entstehen soziale Bindungen. Wenn man erst mit zwölf Jahren beginnt, die Kinder ins Freie zu führen, ist es zu spät. Die Prägung am Lebensanfang ist wichtig.

Standard: Sie kritisieren die "technische Überprägung". Haben Ihre Kinder ein Handy?

Roeper: Nein, nur die Älteste, 17 Jahre, hat eines. Ich finde Handys grauenhaft. Man ist, wenn das Ding an ist, geistig immer mit einem Bein woanders. Kinder sollten ohne diese Hektik und elektronische Reizüberflutung aufwachsen. Wenn sie älter sind, müssen sie mit dem Kram ohnehin umgehen lernen. Ab einem bestimmten Alter, so ab zwölf Jahren, haben einfach alle Kinder ein Handy. Wenn deines dann keines hat, dann ist es raus aus der Kommunikation. Das ist schlecht.

Standard: Klingt das nicht sehr nach Fortschrittsfeindlichkeit?

Roeper: Nein, das kann man leicht missverstehen. Unser Leben und Aufwachsen in geschlossenen Wohnungen beispielsweise ist prinzipiell ziemlich gut. Die Kindersterblichkeit ist erheblich geringer als beim Stamm der Yanomami im brasilianischen Regenwald. Dort ist es so richtig bio, und es sterben die Hälfte aller Säuglinge. Aber ein kleines Menschenjunges, das auf die Welt kommt, ist prinzipiell noch wie ein junges Tier in der Frühzeit. Wir haben genetisch gesehen verdammt wenige Generationen von Menschen. In der Entwicklungsgeschichte sind die zehntausend Jahre seit der letzten Eiszeit kaum mehr als ein Wimpernschlag. Und allein die Entwicklung der letzten 20 Jahre war so tiefgreifend wie die 200 Jahre zuvor. So gesehen erwartet ein Menschenjunges keinen Teppichboden, sondern einen Wiesen- oder Waldboden. Wenn ich ein Tier halte, versuche ich auch, dem Tier die Umgebung so zu gestalten, wie es diese draußen auch hat. Man soll den Menschen auch als biologische Spezies betrachten und versuchen, seine Bedürfnisse anzusehen. Ich meine damit aber nicht den Sozialdarwinismus: Das Schwache muss ausgemerzt werden. Ich meine auch nicht das Romantisierende der Ökobewegung, die die Natur wie eine Vitrine voll von Meissener Porzellan sieht: Wenn man ein Blatt abreißt, geht alles kaputt.

Standard: Viele Eltern sind beim Thema Kinder und Natur ängstlich. Es ist gefährlich da draußen. Wie kann man den Eltern diese Angst nehmen?

Roeper: Am einfachsten, wenn sie Kindern Institutionen überantworten, die draußen zu Hause sind. Die Ängstlichkeit der Eltern ist ein grundsätzliches Problem: Die Kinder werden in Watte gepackt, aber für Kinder ist das eine Zwangsjacke. Der Fürsorgeterror ist der blanke Horror. Ich erlebe das immer am Spielplatz, was den Kindern so alles verboten wird. Bei jedem Pups mischen sich die Alten ein. Das ist auch respektlos.

Standard: Ist Ihr Thema die Erziehung oder die Entwicklung?

Roeper: Wenn ich sage, geht mit den Kindern raus, dann meine ich das nicht als Teil der Erziehung. Bewegung im Freien ist ein Grundbedürfnis. Bis vor wenigen Jahren ist das einfach nebenher gelaufen, da gab es keine Gameboys und anderen Sondermüll. Wenn wir wollen, dass sich unsere Kinder in einer technisierten Welt zurechtfinden, müssen wir dafür sorgen, dass sie sich dort zu Hause fühlen, wo sie die allermeiste Zeit ihr Habitat hatten - unter freiem Himmel. (Thomas Neuhold/DER STANDARD, Printausgabe, 9./10. Juli 2011)

Zur Person

Malte Roeper (48) lebt im bayerischen Traunstein nahe Salzburg. Roeper ist mehrfach ausgezeichneter Dokumentarfilmer und arbeitet als Autor und Dramaturg. Der Vater dreier Mädchen im Alter von 17, 11 und 8 Jahren gehörte in jungen Jahren zur Elite der europäischen Kletterszene. Sein Buch "Kinder raus!" ist im Südwest-Verlag erschienen.

  • Kinder gehörten unter freien Himmel. Für ihre Entwicklung seien 
Naturerlebnisse und -aufenthalte unentbehrlich. Malte Roeper will Eltern
 mit ihrem Nachwuchs nach draußen schicken.
    foto: der standard/hans weitz

    Kinder gehörten unter freien Himmel. Für ihre Entwicklung seien Naturerlebnisse und -aufenthalte unentbehrlich. Malte Roeper will Eltern mit ihrem Nachwuchs nach draußen schicken.

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