Wenn der Teamspirit die Maxime ist

10. Juli 2011, 16:11
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Die Basketballer des SC Hakoah proben den Aufstand gegen Euro­pas Top-Nationen - Die jüdische Basketball-Gemeinde in Wien sorgt sich indes um ihren Nachwuchs

Wien - "Die Russen sind Mutanten, die haben Spieler, die kleiner als zwei Meter sind, gar nicht zum Turnier mitgenommen", sagt Edi Karschigijew und schüttelt den Kopf. Er weiß, was ihm blüht, wenn er mit Österreich bei der Makkabiade in Wien gegen Russland Basketball spielt. Karschigijew ist 1,70 Meter groß, in Basketball-Kreisen könnte man von einem Zwerg sprechen. Er ist aber das Beste, was Makkabi Österreich aufzubieten hat: seine kräftige Statur und sein Talent machen fehlende Zentimeter zum Teil wett. "Frankreich, Deutschland oder Griechenland: Die selektieren beinhart und holen sich Spieler aus den Top-Ligen. Wir treffen auf die Stars von morgen, wollen aber nicht nur dabei sein."

Der Pool an jüdisch-stämmigen Basketballern ist in Österreich übersichtlich. Die Sektion Basketball gibt es beim SC Hakoah in Wien seit knapp 20 Jahren, das Nachwuchs-Reservoir ist klein, die israelische Kultusgemeinde zählt 7.500 Mitglieder. Sektionsleiter Moshe Matatov widmet sich in einer Doktorarbeit dem drohenden Verschwinden der jüdischen Gemeinde in Wien. "Wir haben viele ältere Menschen und zu wenig Junge, die nachkommen. Trotzdem gibt es Hoffnung, bei der Hakoah haben sich verschiedene Ethnien verbunden: bucharische, georgische oder kaukasische Juden. Ein Hand voll Basketballer hat in einer kleinen Halle in der Castellezgasse im zweiten Bezirk begonnen mit Sternschritten und Lay-ups, bis heute sind bereits tausend Kinder durch die Sektion gegangen", sagt Matatov. Und ist auch auf die gesamte Delegation stolz. Österreich stellt bei den Spielen mit 190 Sportlern die drittgrößte Gesandtschaft, vier Gold- und sechs Silbermedaillen stehen zu Buche, wenn auch nicht im Basketball.

Itzhak Eliav und seine offenen Armen

Untrennbar verbunden mit der jüdischen Basketballgeschichte in Wien ist der Name Itzhak Eliav. Als Trainer hob er 1993 Basketball bei der Hakoah aus der Taufe, hat seither Teams in der Wiener Liga (1. Klasse und Landesliga-Aufstiegs-Playoff) betreut und erlebt 2011 seine sechste Makkabiade als Ehrentrainer. Eliavs Referenzen in Israel lesen sich auch nicht schlecht: Dort hat er den Verein Maccabi Hadera groß gemacht und später eine israelische Basketball-Legende geformt: Adi Gordon, x-facher Nationalteamspieler und zweifacher Cupsieger mit Hapoel Jerusalem, lernte bei Itzhak Eliav. Um die Zukunft des Basketballvereins SC Hakoah zu sichern, soll in den Nachwuchs investiert werden. Aber auch nach Nicht-Juden wird Ausschau gehalten. "Sie können bei uns spielen", sagt Eliav, "aber es kommt leider niemand." Nachsatz: "Wir sind jedenfalls offen."

Bei der Makkabiade sind jüdische Wurzeln für eine Teilnahme erforderlich, bei der Hakoah nicht. Markus Rogan schwimmt im Prater genauso wie Peter Seisenbacher den Kindern als Judotrainer fungiert. Der jüdische Charakter ginge dadurch nicht verloren, es gehe schließlich auch um den sportlichen Erfolg. Beim Basketball gibt es nur ein Jugendteam. Und das Herrenteam wird alt. Sektionsleiter Matatov: "Die Leute haben keine Zeit mehr zum Spielen, je älter sie werden. Wir müssen die Kinder forcieren, wollen 20 Jahre Arbeit nicht wegschmeißen. Es ist nicht so viel Potenzial da, aber wir sind nicht unzufrieden."

Niemals aufgeben

Leistbar wäre das Vergnügen durchaus, Hakoah-Mitglieder zahlen 150 Euro Mitgliedsbeitrag pro Jahr. Matatov: "Für das Geld gibt es zwei bis drei Trainings pro Woche. Zusätzlich können die Fitness- und Wellnessanlagen am Sonntag benützt werden." 2008 wurde das Hakoah-Sportzentrum im Prater renoviert, die äußeren Bedingungen wären gegeben.

Trauer ist keine angesagt, auch wenn es bei den Maccabi Games eine auf die Mütze gibt: der Teamspirit ist gewaltig und spürbar am gesamten Hakoah-Sportgelände. Nach einer knappen Auftaktniederlage gegen die Türkei (45:62) setzte es gegen Deutschland eine Tracht Basketballprügel (26:74). Auch gegen Russland hatte Maccabi Austria keinen Auftrag. 44:87 hieß es am Ende. Nach einem 44:69 gegen Griechenland, trifft Österreich zum Abschluss noch auf Frankreich. Nur die ersten vier Teams spielen um Medaillen. Für Edi Karschigijew ist es bereits seine vierte Makkabiade, "Dabei sein ist alles" sei ein "Spruch für Loser" sagt er. In Antwerpen gab es 2003 nicht nur zwei Siege sondern auch einen Stein auf den Kopf eines Freundes: "Zwei Araber hießen uns in einer Bar mit dem Hitler-Gruß willkommen." Es sollte das einzige Drama gewesen sein. (Florian Vetter, derStandard.at, 10.7.2011)

  • Team Maccabi Austria. Riesen sind keine dabei.
    foto: florian vetter/derstandard.at

    Team Maccabi Austria. Riesen sind keine dabei.

  • Itzhak Eliav ist nicht Gründervater eines Landes, aber immerhin des Basketballsports bei der Hakoah. Damals vor knapp 20 Jahren. Mit einfachen Flugzetteln wurde in Wiens jüdischen Schulen Werbung gemacht.
    foto: hakoah.at

    Itzhak Eliav ist nicht Gründervater eines Landes, aber immerhin des Basketballsports bei der Hakoah. Damals vor knapp 20 Jahren. Mit einfachen Flugzetteln wurde in Wiens jüdischen Schulen Werbung gemacht.

  • Edi Karschigijew ist das Hirn von Maccabi Austria und außerdem geht er einigen russischen Spielern bis zur Hüfte.
    foto: florian vetter/derstandard.at

    Edi Karschigijew ist das Hirn von Maccabi Austria und außerdem geht er einigen russischen Spielern bis zur Hüfte.

  • Hat selbst viele Jahre gespielt, gibt jetzt den Sektionsleiter und sorgt sich um die Existenz der jüdischen Gemeinde: Moshe Matatov.
    foto: florian vetter/derstandard.at

    Hat selbst viele Jahre gespielt, gibt jetzt den Sektionsleiter und sorgt sich um die Existenz der jüdischen Gemeinde: Moshe Matatov.

  • Da sieht man durch den Wald vor lauter langen Russen nichts mehr.
    foto: florian vetter/derstandard.at

    Da sieht man durch den Wald vor lauter langen Russen nichts mehr.

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