Die freie Theaterszene in Österreich steht gut da: Gleich drei von insgesamt neun deutschsprachigen Gruppen sind derzeit beim 20. Impulse-Festival in Nordrhein-Westfalen für Preise nominiert
Vergeben werden diese am Sonntag.
Eine herbstliche Frische liegt über dem aufgelassenen Industriegelände des
Ringlokschuppens in Mülheim an der Ruhr. Wer es auf den weißen Campingstühlen
gemütlich haben will, kuschelt sich in eine Decke. Und doch steht ein
bedeutungsvolles Versprechen im Raum: Dieser Tag wird perfekt. In René Polleschs
Stück Der perfekte Tag zählt der außergewöhnliche Schauspieler Fabian
Hinrichs die hundert wichtigsten Erfindungen der Menschheit auf, vom Faustkeil
zum Nanomotor. Nummer 101 ist der perfekte Tag, ebenfalls eine Erfindung.
Zwischen Gauklerwägen und Zirkuszelt jagt er wie ein Wilder umher, tanzt nach
Pina Bausch, radelt, reitet, singt Zarah Leanders Nur nicht aus Liebe
weinen. Lügen sind die Grundlage alles Perfekten.
Pollesch gehört, wie auch Peaches oder Gob Squad, zu den Special Guests des
vom NRW Kultursekretariat in den Städten Köln, Düsseldorf, Bochum und Mülheim
veranstalteten großen Festivals der freien Theaterszene, Impulse, das heuer sein
20. Jubiläum feiert. Unter der künstlerischen Leitung von Matthias von Hartz und
Tom Stromberg entwickelte es sich zu einer bewährten Plattform für
zeitgenössisches Theater und präsentiert herausragende Aufführungen der
Off-Szene. Seit 2007 findet es alle zwei Jahre statt, heuer erstmals im Sommer.
Im Mittelpunkt von Impulse steht der Wettbewerb, bei dem neun
deutschsprachige Performance-Gruppen, darunter heuer drei österreichische, um
drei Preise spielen, die am 10. Juli vergeben werden. Die Bandbreite der
Darbietungen ist groß und reicht von dokumentarischen Dramatisierungen bis hin
zum Mitmachtheater. Im Ausprobieren bzw. in der Auflösung von
Kommunikationsformen wird ein überspannender Bogen erkennbar. Eine Verbindung
zwischen Tanz und bildender Kunst sucht der Choreograf Andros Zins-Browne mit
The Host im Düsseldorfer tanzhaus nrw. Klassische Cowboys reiten,
rutschen, steppen, tanzen mit und gegen die Natur in Form gewaltiger
Luftpolster, ohne dabei ein Wort zu sprechen.
"Grüner Adolf"
Lockere Mundwerke hört man hingegen bei einer Videokonferenz, zu der die
Belgier Yves Degryse und Bart Baele alias "Berlin" laden. Mit dem
Kunstfilmprojekt Tagfish, jüngst bei den Wiener Festwochen zu Gast,
dringen sie tief in die mühselige deutsche Bürokratie ein. Eine wunderbare
Tragikomödie und Analyse eines wahren Falls, der zeigt, wie disziplinierte
Planer und Verhandler aneinander vorbeireden, zögern und trotz gründlicher
Arbeit am Ende scheitern.
In eine andere Konferenzsituation gerät die Österreicherin Anna Mendelssohn
mit ihrem Solo Cry me a River und behandelt vordergründig die Sprache.
Auf Englisch zerlegt sie Ausdrucksweisen und Phrasen von Menschen, die über
klimatische Veränderungen debattieren und sieht ein ökodiktatorisches System
kommen, in dem der "grüne Adolf" herrscht. Überzeugend schlüpft sie in
verschiedene Rollen, um am Ende Diskussionslustlosigkeit zu konstatieren.
Im Buspendelverkehr zwischen den Spielstätten wurde eifrig diskutiert,
besonders über die vier Frauen des Kollektivs She She Pop, die unter
Zuhilfenahme ihrer jeweiligen Väter in der Performance Testament den
schwierigen Vollzug des Generationenwechsels thematisieren. Sie verstricken den
Tausch "Geld gegen Zuneigung" mit Shakespeares Tragödie König Lear: Wie
erbt und vererbt man richtig? Das Stück, in dem häufig von Respekt und Würde die
Rede ist, berührt das Publikum und evoziert stehende Ovationen. Diese
Emotionalisierung wirkt aber auch etwas befremdlich.
Die einzigen Schweizer Vertreter bereichern im Doppelpack das Festival:
CapriConnection gibt zusammen mit dem ausgezeichneten Chor Schola Cantorum
Basiliensis das dokumentarische Musiktheater Ars moriendi unter der Regie
von Anna-Sophie Mahler. Im Düsseldorfer "Central" geht es in philosophischen
Debatten aus den 1980er-Jahren um die Kunst des Sterbens und um den Tod als
Metapher, begleitet von Purcells Trauermusik. Eine getragene, beeindruckende
Aufführung, nicht ohne Humor.
Die Exotik der rohen Ursprünglichkeit aus der Oststeiermark brachte den
Rabtaldirndln vor der illustren Zuschauerschar im Prinz-Regent-Theater zu Bochum
Staunen und viel Applaus ein. Mit ihrem Beitrag aufplatzen führen sie
anhand eines interaktiven Diaabends ins fiktive Rabtal, wo die ländliche Idylle
eine gemeine Fratze trägt. Sie erzählen über ihre rustikal-radikale Lebensweise
und servieren am Ende Schnaps.
Mit Schnaps versuchen auch God's Entertainment ihre Gäste einzulullen. Diese
Wiener Gruppe will die Grenzen zwischen Spiel, Publikum und Realität aufheben,
was ihr im Grunde gelingt, in der Umsetzung aber weniger überzeugt. In der
Trash-Performance Trans-Europa-Bollywood sind die Zuschauer Darsteller
eines Bollywood-Films, der in einem indischen Restaurant in der Kölner
Innenstadt sein Happy End erfährt und in einer Party aufgeht. Dann endete der
perfekte Tag, frei nach Pollesch, idealerweise im Bett. (Sebastian Gilli aus Köln/ DER STANDARD, Printausgabe, 9./10.7.2011)