"Keine Frauenquoten in den Aufsichtsräten"

Interview8. Juli 2011, 17:19
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Warum sie strikt gegen Frauenquoten in Aufsichtsgremien ist und stattdessen Quoten für Vorstandsfunktionen fordert, erklärt Aufsichtsrätin Viktoria Kickinger

STANDARD: Der Vorstandschef der Deutschen Telekom, René Obermann, hat in dieser Woche für Aufsehen gesorgt, weil er drei Männer im Vorstand gegen drei Frauen tauschen will. Macht er im Sinne des Quotenfortschritts damit das Richtige?

Kickinger: Wenn er es so gemeint hat, dass er dadurch die gläserne Decke bricht und einen aktiven Pool für Aufsichtsgremien schafft - ja, dann ist es vorbildhaft. Viele verstehen das EU-Grünbuch ja falsch und wollen Frauenquoten für Aufsichtsräte. Dazu gehören auch österreichische Politikerinnen, die solche Quoten für Aufsichtsgremien verlangen. Sie haben das Grünbuch der EU zu dieser Frage nicht gut genug gelesen und offenbar auch nicht verstanden.

STANDARD: Inwiefern? Ist es falsch, auf Beharrungsvermögen mit Quoten zu reagieren?

Kickinger: Die EU fordert im Grünbuch mehr Frauen in Verwaltungsräten, das ist mehrheitlich die Gesellschaftsform der Unternehmen in der Union. Verwaltungsräte sind für die Oberleitung des Unternehmens verantwortlich, eine Mischung aus operativ und nichtoperativ. Aufsichtsräte in unserem zweistufigen System dürfen sich operativ nicht einmischen, sie haben eine reine Aufsichtsfunktion.

STANDARD: Das heißt, wir brauchen hier (und in Deutschland mit seinem ebenfalls zweistufigen System) also Quoten für den Vorstand?

Kickinger: Ja, die brauchen wir dringend. Denn die Vorstandsebene ist die gläserne Decke. Sie ist das Labyrinth, in das Frauen geschickt werden und aus dem sie nie wieder herausfinden: Während sie im Zuge von Bewerbungsverfahren ordentlich und brav ihre Konzepte und Präsentationen vorbereiten, ist längst klar, welcher Mann die Position besetzen wird. So hält man den Talentepool klein, deswegen erwachsen daraus auch keine Aufsichtsrätinnen. Wenn es unter dem Aufsichtsrat, also im Vorstand, nicht genug Frauen gibt, woher soll man sie dann für die Aufsichtsräte nehmen?

STANDARD: Das ist ein oft gehörtes Argument: Es gebe ja die Frauen nicht ...

Kickinger: Es gibt sie in der operativen Führung in Österreich auch nicht. Frauen für Quoten jetzt in Aufsichtsräte zu schicken ist so, als würde man sie mit einer Augenbinde in den Krieg schicken - sie haften, auch mit ihrem Privatvermögen. Eine Frau, die aber schon in der Geschäftsführung, im Vorstand, tätig war, die weiß genau, worauf sie sich einlässt.

STANDARD: Der Widerstand gegen Frauenquoten als Selbstverpflichtung bis 2017 in jenen 55 Betrieben, an denen der Staat überwiegend Eigentümer ist, war heftig. In der sogenannten Privatwirtschaft wurden fast schon Untergangsszenarien beschworen. Welcher Eigentümer lässt sich denn für seine operative Führung, den Vorstand, Frauenquoten vorschreiben?

Kickinger: Vermutlich kaum einer - deswegen muss der Staat da in Vorbildrolle treten und Frauenquoten für seine Vorstände vorschreiben. Aber nochmal: Hände weg von Frauenquoten in den Aufsichtsräten. Wir müssen jetzt die Generation der Vorständinnen stärken um dann Aufsichtsrätinnen zu erzeugen. Umgekehrt geht es nicht.

STANDARD: In Ihrer Plattform Inara können Aufsichtspersonen gesucht werden. Allerdings geben Sie nie die Geschlechterangabe dazu. Warum nicht?

Kickinger: Weil es um die Qualifikation geht, nicht um Haarfarbe, Wuchs oder Geschlecht. Es fragt danach auch nie jemand.

STANDARD: Erste-Group-Chef Andreas Treichl hat die Remuneration für seine Aufsichtsräte stark angehoben, teilweise verdoppelt. Gut?

Kickinger: Dringend notwendig. In Österreich zahlen wir da am schlechtesten, sind in der Sicht der Funktion in den 50er-Jahren steckengeblieben. Ich appelliere da auch an die Finanzministerin, steuerliche Absetzbarkeit für diese berufliche Tätigkeit einzuführen. (Karin Bauer/DER STANDARD; Printausgabe, 9./10.7.2011)

VIKTORIA KICKINGER führt den Aufsichtsvorsitz in der S&T, hat ein Mandat in der nunmehr sanierten Polytech, in staatlichen Kulturbetrieben und ist Uni-Rätin der Wirtschafts-Uni Wien. Zuvor war sie in der staatsnahen Industrie tätig.

  • Bloß keine Quotenverordnung für die heimischen Aufsichtsgremien, sagt Viktoria Kickinger, selbst seit vielen Jahren in Aufsichtsfunktionen tätig und Gründerin der Aufsichts-Plattform "Inara". Politikerinnen hätten das EU-Grünbuch offenbar nicht verstanden, sagt sie zu den Quotenforderungen.
    foto: inara

    Bloß keine Quotenverordnung für die heimischen Aufsichtsgremien, sagt Viktoria Kickinger, selbst seit vielen Jahren in Aufsichtsfunktionen tätig und Gründerin der Aufsichts-Plattform "Inara". Politikerinnen hätten das EU-Grünbuch offenbar nicht verstanden, sagt sie zu den Quotenforderungen.

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