Vorislamische Schriftstücke auf Palmblattrippen notiert

9. Juli 2011, 17:55
38 Postings

Deutsche Forscher analysierten über 2.000 Jahre alte Dokumente - und fanden vertraute Inhalte

Jena - So sehr sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im Lauf der Geschichte auch immer wieder geändert haben mögen - im Alltag plagten die Menschen stets Sorgen, die uns nur allzu vertraut erscheinen. Zum Beispiel Geldnot: Deutsche Forscher analysierten ein Schriftstück aus dem vorislamischen Arabien, in dem ein Geschäftsmann notieren ließ, dass er sich Geld leihen musste, um Schulden bezahlen zu können.

Das Besondere an der Aufzeichnung ist aber ihr Trägermaterial: geschrieben wurde auf Palmblattrippen. Im Wüstensand hervorragend konserviert, öffnen diese Holzstäbchen den Forschern heute die Tür in eine längst vergangene Kultur. Die Stäbchen kamen in den 1980er Jahren in einer antiken Ruinenstätte im Norden des Jemen ans Tageslicht und befinden sich heute in der Bayerischen Staatsbibliothek in München. "Die Mehrzahl dieser Nachrichten wurde in sabäischer Sprache verfasst, außerdem liegen uns Stücke in Minäisch vor", sagt Peter Stein. Sowohl Saba als auch Ma'in, das Königreich der Minäer, lagen im Gebiet des heutigen Jemen. Der Semitist von der Friedrich-Schiller-Universität Jena hat - gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft - in sechsjähriger Arbeit die Schriften transkribiert und ausgewertet.

Wichtige Informationsquelle für Historiker

Laut Stein umfasst die Münchner Sammlung etwa 400 beschriftete Holzstäbchen. Sie zeichnen ein detailliertes Bild jener untergegangenen Kultur. "Es sind Briefe dabei, Verträge, Urkunden und Etiketten von Warenlieferungen", sagt Stein. Auch Orakelsprüche wurden aufgezeichnet. Außerdem konnte er Texte transkribieren, die offensichtlich von Schülern als Schreibübungen verfasst worden sind. Leider existieren von Korrespondenzen stets nur einzelne Briefe, die andernorts aufbewahrten Antworten auf die Schreiben fehlen.

Norbert Nebes vom Institut für Sprachen und Kulturen des Vorderen Orients der Uni Jena schätzt die Stäbchen-Texte als höchst bedeutsam für die vorislamische Geschichte Arabiens ein, weil vergleichbares Alltagsschriftgut von der Arabischen Halbinsel sonst unbekannt ist. Ein Glücksfall ist der Fund noch aus anderen Gründen: So lässt sich anhand der hölzernen Dokumente das Alter der altsüdarabischen Schriftkultur erstmals mittels naturwissenschaftlicher Methoden datieren. Demnach dürfte die Schrift in Südarabien bereits im späten 2. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung eingeführt worden sein - mehr als zwei Jahrhunderte früher als bislang von der Forschung angenommen. (red)

  • Ungewohntes Medium für höchst vertraute Inhalte: eine Palmblattrippe.
    foto: fsu

    Ungewohntes Medium für höchst vertraute Inhalte: eine Palmblattrippe.

Share if you care.