Unter Realpolitikern

8. Juli 2011, 16:28
9 Postings

Erinnerungen, Analysen, Handlungsempfehlungen für die Politik: Henry Kissinger, der Weltstar der Außenpolitik, und sein Buch über China.

Wenn das außenpolitische Gewerbe so etwas wie einen Weltstar haben sollte, dann ist es gewiss Henry Kissinger. Der alte Herr mit der Hornbrille und den großen Ohren hat in seinen besten Tagen alle seine politischen Meister an Intellekt, Weitsicht und oft auch an Skrupellosigkeit deutlich in den Schatten gestellt. Heute reichen ihm zwei, drei in ein Mikrophon gebrummte analytische Sätze, um globale Aufmerksamkeit zu erregen. Daneben schreibt Doktor Kissinger gelegentlich Bücher.

Das vorerst letzte des 88-Jährigen zieht eine Bilanz seiner wohl positivsten Stunde als Weltpolitiker. Der Band trägt den schlichten Titel China und dreht sich um das federführend von ihm eingeleitete Rapprochement zwischen den USA und der Volksrepublik, das auf den Tag genau vor 40 Jahren mit einem Geheimtreffen des damaligen Nationalen Sicherheitsberaters Präsident Richard Nixons mit dem chinesischen Ministerpräsidenten Zhou Enlai in Peking höchst inoffiziell begann.

Der 9. Juli 1971 dient Kissinger allerdings nur als Ausgangspunkt für eine breite historische und ideologische Reflexion über das neue alte Reich der Mitte. "Zwischen Tradition und Herausforderung" lautet der Untertitel des Buches, und die breite Perspektive, die es zu geben versucht, macht es schwierig zu beantworten, was China denn tatsächlich ist: persönliche Reminiszenz, strategischer Essay, populärwissenschaftliche Monografie - oder vielleicht von allem etwas?

Kissinger, der Historiker, beginnt seine Analyse mit der Entstehung Chinas vor 4000 Jahren und hält gleich zu Beginn fest, dass es zwischen den USA und China eine bedeutende Gemeinsamkeit gibt, die zugleich der wichtigste Unterschied zwischen den Großmächten ist: "Beide Gesellschaften vertreten die Auffassung, dass sie für einzigartige Werte stehen. Der amerikanische Exzeptionalismus ist missionarisch. Er steht für die Ansicht, das die Vereinigten Staaten die Pflicht haben, ihre Werte auf der ganzen Welt zu verbreiten. Der chinesische Exzeptionalismus ist kulturell. China missioniert nicht; es ist Erbe der Tradition des Reiches der Mitte, das alle anderen Staaten als tributpflichtige Vasallen betrachtete."

Voll Bewunderung schreibt der einstige Machtpolitiker über Dynastien, die es nicht nur geschafft haben, das Reich zusammenzuhalten, sondern sogar dessen Bedeutung und Fläche zu mehren. In vermeintlich aussichtslosen Situationen hätten es die militärisch oft heillos unterlegenen Chinesen geschafft, die Oberhand zu behalten oder wenigstens ein Patt herbeizuführen. Als Kronzeuge für die strategische Geisteshaltung dient Kissinger Wei Qi, das dem japanischen Go ähnliche Brettspiel, das auf Einkreisung und Neutralisierung des Gegners zielt und nicht wie das Schachspiel auf die Eroberung des Zentrums und einen "totalen Sieg".

Diese strategische Disposition überdauerte blutigste Rebellionen gegen die letzten Kaiser und die Besetzung durch imperialistische Mächte (Großbritannien, Russland, Japan, Deutschland). An diese Tradition knüpften die Kommunisten an, als sie sich anschickten, ab den 1930er-Jahren die Macht in China zu übernehmen, zu konsolidieren und die territoriale Integrität des Reiches wieder herzustellen. Als Mao Zedong 1949 die Volksrepublik gründete, übernahm er quasi als Volkskaiser die Macht und auch die konfuzianischen Ideale, die das Land über Jahrtausende geprägt hatten: Duldsamkeit, Beharrlichkeit, Gleichmut - und immer die große Harmonie als Endziel im Blick.

Als Kissinger eben das in Gegenwart des eleganten und stets kontrollierten Zhou Enlai behauptete, verlor dieser - und das ist wohl die bisher einzige Überlieferung eines solchen Vorfalles - die Contenance. Diese Episoden sind die Stärke des gut erzählten und kurzweilig geschriebenen Buches - eines Buches, das Dimensionen eröffnet und sie nicht durch ungeordnete Details zuschottert.

Eine Schwäche dagegen ist die unbestrittene Nähe, ja Bewunderung des Realpolitikers Kissinger für den Realpolitiker Mao. Der Amerikaner beschreibt den Chinesen als Giganten, der mit permanenter Revolution einen "titanischen Kampf" gegen überkommene Werte und die Modernisierungsfeindlichkeit seines Landes gefochten habe. Die Millionen Menschen, die dieses Unterfangen das Leben gekostet hat, bleiben nicht unerwähnt. Dennoch schimmert in der Beschreibung die unsentimentale, manchmal sogar kaltblütige Betrachtungsweise des früheren Harvard-Professors durch, dem intellektuelle Brillianz mehr liegt als menschliches Mitgefühl, dem Demokratie eher als lästige Pflicht im Geschäft des Staatsmannes erscheint.

Gemeinsamer Nenner

Das Suchen von Spielmöglichkeiten und nicht das unbedingte Hochhalten von Werten hat die beiden Realpolitiker damals, 1971 und dann 1972 mit Nixons Reise nach China, nach zwei Jahrzehnten der diplomatischen Funkstille über dem Pazifik, einen gemeinsamen Nenner finden lassen: Die Amerikaner waren ausgelaugt vom Krieg in Vietnam (beinahe zeitgleich mit Kissingers streng geheimer Peking-Visite wurden in den Staaten die Pentagon Papers publiziert, die belegten, dass die US-Öffentlichkeit über Jahre systematisch über den Krieg in Indochina hinters Licht geführt worden waren). Auch die Chinesen waren nach dem Großen Sprung nach vorn und der verheerenden Kulturrevolution der Umbrüche müde, daneben fürchtete Mao einen unmittelbar bevorstehenden Angriff der UdSSR auf China.

Also entschlossen sich Washington und Peking ganz nach der Maxime "der Feind meines Feindes ist mein Freund", eine Zeit lang gemeinsame Sache zu machen. Und dies gelang auch lange gut. Eine neue Zäsur in den Beziehungen war das Massaker am Tiananmen-Platz 1989. Auch diesem nähert sich Kissinger, der mit seinem Unternehmen Kissinger Associates bis heute erfolgreich die Interessen diverser Großkonzerne in China vertritt, mit einer Mischung aus Abscheu und Verständnis. Die damalige Taktik Präsident Bushs, des Älteren, einerseits Sanktionen gegen Peking zu verhängen und andererseits in privaten Briefen Verständnis für die Lage der kommunistischen Führung zu äußern, die nicht verstand, warum sich der Westen so über die inneren Angelegenheiten Chinas aufregen konnte, fand er angemessen und klug.

Heute, nach weiteren 20 Jahren, steht der Welt wieder eine ähnliche Zäsur ins Haus. Kissinger, der schon in den 1970er-Jahren das Verhältnis zwischen USA und China als die kommende weltpolitische Dominante bestimmt hatte, sieht die beide Länder voneinander abhängig wie nie zuvor. Gleichzeitig gebe es einen eklatanten Mangel an einer strategischen Partnerschaft in den Beziehungen beider. Das kann aus Sicht des Sicherheitspolitikers in eine Eskalation führen, die sich manche in Washington und Peking durchaus wünschen - siehe die aktuelle Kriegsrhetorik um das Südchinesische Meer und den Kampf um den Cyberspace.

Ein solcher Konflikt ist für Kissinger weder notwendig noch wünschenswert, die Beziehungen beider Mächte seien "kein Nullsummenspiel". Deswegen tritt er für eine "Pazifische Gemeinschaft" ein, analog zum Nordatlantikpakt Amerikas mit den Europäern. Das könnte der diplomatische Rahmen für ein 21. Jahrhundert ohne neuen Kalten Krieg sein. Im Kopf behalten sollten die Amerikaner, und nicht nur sie, dabei eine Empfehlung, die der von Kissinger hoch geschätzte Deng Xiaoping seinen Nachfolgern in der Partei in einem 24 Schriftzeichen kurzen politischen Testament überließ: "Bewahrt kühlen Kopf, um zu beobachten. Seid bereit, um zu reagieren. Steht fest, verbergt eure Fähigkeiten und wartet auf den rechten Augenblick. Versucht niemals die Führung zu übernehmen und seid fähig, etwas zu erreichen." Und in einer 12 Zeichen langen Erklärung dazu heißt es: "Feinde stehen außerhalb der Mauer. Sie sind stärker als wir. Wir sollten uns vor allem defensiv verhalten." (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 9./10.7.2011)

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Der Feind meines Feindes ist mein Freund": Henry Kissinger besiegelt am 9. Juli 1971 die chinesische-amerikanische Annäherung mit einem Händedruck mit Premier Zhou Enlai.

  • Henry Kissinger, "China. Zwischen Tradition und Moderne". € 26,80 / 608 
Seiten. C. Bertelsmann Verlag, München 2011
    foto: verlag

    Henry Kissinger, "China. Zwischen Tradition und Moderne". € 26,80 / 608 Seiten. C. Bertelsmann Verlag, München 2011

Share if you care.