Martelly: Großteil in falsche Kanäle geflossen
Madrid - Haitis neuer Staatspräsident Michel Martelly
hat einen massiven Missbrauch der internationalen Hilfsgelder
beklagt, die nach dem schweren Erdbeben vom Jänner 2010 in den
Karibikstaat geflossen sind. Martelly bezifferte die Hilfen am
Freitag in Madrid auf vier Milliarden Dollar (2,80 Mrd. Euro). Ein
Großteil des Geldes sei nicht in die richtigen Kanäle geflossen,
sagte der als "Sweet Micky" bekannte Musiker, der seit dem 14. Mai im
Amt ist, in einem Gespräch mit einem spanischen Rundfunksender.
"Ich habe heute als Haitis Staatspräsident ein Problem: Ich kann
kein einziges Projekt identifizieren. Ich weiß nicht, was man mit den
vier Milliarden Dollar gemacht hat", sagte Martelly, der sich zu
einem Staatsbesuch in Madrid aufhält. Er kritisierte, dass es unter
der Regierung seines Vorgängers Rene Preval "keine einzige Kontrolle"
über die Ausgaben gegeben habe.
"Vielleicht haben einige Leute das Geld einfach benutzt, um
gepanzerte Autos oder andere Sachen, die nicht wirklich notwendig
waren, zu importieren", mutmaßte der Staatschef, der als politisch
noch unerfahren gilt. Er betonte, die Haitianer wollten keine Hilfe,
sondern Investitionen, um Arbeitsplätze zu schaffen und die
Entwicklung des ärmsten Landes Lateinamerikas voranzutreiben.
Die Rückkehr des früheren Diktators Jean-Claude ("Baby Doc")
Duvalier nach Haiti kommentierte Martelly gelassen. Dies störe ihn
"überhaupt nicht", versicherte er. Falls Duvalier wegen seiner
früheren Amtsführung Probleme mit der haitianischen Justiz habe,
werde diese entsprechend handeln. (APA)