Lob für Maja Haderlap und Julya Rabinovich
Klagenfurt - Der zweite Tag beim Wettlesen um den 35.
Ingeborg-Bachmann-Preis im Klagenfurter ORF-Theater stand am Freitagvormittag ganz im Zeichen der beiden österreichischen Autorinnen Maja
Haderlap und Julya Rabinovich. Beide ernteten viel, wenn auch nicht
einhelliges Lob. Zuvor hatte der in der Schweiz geborene und in
Berlin lebende Linus Reichlin mit einem Romanauszug die Zuhörer nach
Afghanistan entführt. Nina Bußmann las dann am Nachmittag und erhielt sehr viel Lob von den
Juroren; den Abschluss des zweiten Lesetages bestritt schließlich Thomas
Popp.
Linus Reichlin
"Weltgegend" spielt in Afghanistan, Hauptfigur ist ein deutscher
Arzt, der knapp vor dem Abschluss seines Einsatzes bei den deutschen
NATO-Truppen in einen Zwischenfall verwickelt wird. Der Mediziner
überlebt einen Bombenanschlag auf das Transportfahrzeug, in dem er
gesessen war. Danach schießt er, weil er zwei Männer zu sehen glaubt,
und trifft eine Frau. Danach versucht er sich einzureden, dass dies
nur eine Halluzination gewesen sei, kommt aber zu dem Schluss, dass
er tatsächlich geschossen hatte und will in dieses Dorf zurückfahren.
Für Hubert Winkels gehört ein gewisser Mut dazu, sich so ein Thema
zu wählen. Der Stoffreichtum vor Ort, der hierzulande nur imaginiert
werden könne, sei in der Geschichte nicht spürbar. "Es wirkt für mich
ein bisschen wie ein Film, ein Fernsehfilm mit einem kleinen Budget."
Alain Claude Sulzer befand, es sei "in ganz klarer Sprache
geschrieben" und bleibe deutlich bei der Sache. Paul Jandl sah eine
Kolportage, in der metaphorische Leerstellen offen blieben. Dies war
Daniela Strigl wieder "zu streng", es sei eine Geschichte, der man
"durchaus gerne folgt", aber "es schwebt nichts zwischen den Zeilen".
Meike Feßmann, die Reichlin vorgeschlagen hatte, fand, es handle sich
um eine ausgezeichnete Schilderung des "neuen Krieges", wie er in
Afghanistan geführt werde. Hildegard Keller fand die Idee ganz gut,
die Figur aber nicht gut genug ausgearbeitet.
Maja
Haderlap
Haderlap beschreibt in ihrem autobiografisch geprägten Text "Im
Kessel" einen Ausflug mit ihrem Vater, mit dem sie als junges Mädchen
in den Wald fährt. In die Erzählung eingebettet ist - die Autorin
stammt aus dem Südkärntner Ort Bad Eisenkappel - die Vergangenheit
des Ortes, der slowenischen Volksgruppe, der sie angehört und damit
auch die Nazizeit und der Partisanenkampf der Slowenen. Der Roman,
aus dem der Text stammt, wird noch im Juli veröffentlicht. In
Erzählungen der Elterngeneration werden bruchstückhaft Szenen aus dem
Widerstandskampf eingeflochten, unaufdringlich, aber intensiv.
Hildegard Keller lobte den "unerhört langsamen Rhythmus", er sei
sehr eindrücklich, ruhig und unspektakulär, der in die Tiefe führe,
aus der ein Roman geboren wird. Sulzer nannte den Text "makellos".
Jandl betonte, der Text versuche, Begehungen an dieser Grenze
nachvollziehbar zu machen und lobte die "ganz präzise gearbeiteten
Bilder". Feßmann meinte, sie habe durchaus Respekt vor diesem Text,
würde ihn aber doch "etwas tiefer ansetzen". Strigl betonte, der Wald
eröffne mit einer großartigen Schlichtheit einen Geschichtsraum, er
habe am Schluss auch das letzte Wort. "Das ist für mich ein Idealfall
von Literatur, die sich mit der Geschichte beschäftigt." Der Text sei
poetisch und tiefgründig. Winkels zeigte sich angetan, übte aber auch
Kritik. Burkhard Spinnen stieß sich an der zu raschen Entwicklung der
Romanfigur, der letzte Satz sei aber "ungeheuer schwer".
Julya Rabinovich
Völlig konträr präsentierte sich die Erzählung "Erdfresserin" von
Julya Rabinovich. Sie erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die
ihre Familie verlassen musste, um als Prostituierte Geld zu
verdienen. Sie lebt mit einem kranken Mann in dessen Wohnung, den sie
eigentlich nicht ausstehen kann, dessen Post sie zensuriert. Das
trostlose Ambiente wird detailreich beschrieben, ebenso die Nachbarn,
die - in den Augen der Protagonistin - provokant bei offenen
Vorhängen miteinander schlafen. Das verärgert die Frau so, dass sie
schließlich einen Dartpfeil nach ihr wirft und sie an der Schulter
trifft.
Winkels sah die Protagonistin als mehrfach mythologische Figur,
von der Erdgöttin bis zur Schwarzen Witwe. Es gebe aber zu viele
heterogene Momente. Strigl konzedierte dem Text ihrer Autorin eine
"sensationelle Sinnlichkeit". Jandl meinte, der Text sei deshalb so
einfach, weil jeder sich aus der Vielzahl der Motive das Passende
aussuchen könne. Als Story und als Plot fand Spinnen das "eigentlich
toll", aber die Sache sei so wahnsinnig hochinstrumentiert, dass man
sich nicht auf die Details einlassen könne. Feßmann nannte es einen
"Ekeltext".
Nina Bußmann
Bußmann erzählt in "Große Ferien" die
Geschichte eines alternden Lehrers, der nach Jahrzehnten des Unterrichtens nun
mit seiner Freizeit nichts anzufangen weiß. Erst allmählich schält sich heraus,
dass der Protagonist nicht ganz freiwillig die Schule verlassen hat.
Er hatte die Hand gegen einen Schüler erhoben, mit dem er zuvor über längere
Zeit ein ungewöhnliches Naheverhältnis gepflegt hatte, allerdings war dies vom
Schüler ausgegangen. Was es mit diesem Naheverhältnis auf sich hatte, bleibt
allerdings verborgen, ebenso ob er nun tatsächlich Gewalt gegen den Jugendlichen
ausgeübt hatte.
Meike Feßmann bezeichnete den Text als "sehr genau gearbeitet". Hubert
Winkels zeigte sich angetan, vor allem, weil man konsequent im Unklaren gelassen
werde. Alain Claude Sulzer hatte "ein paar Probleme mit dem Text". Burkhard
Spinnen sah "eine Reihe von Klischees", was auch am Ambiente der Schule liege.
Der Text verfalle aber nicht in das Ausmalen von Klischees. Es gehe um die
Frage, ob nicht etwas geschehen könnte, was eine sehr zeitgenössische
Problematik sei. Für Daniela Strigl zeigt die Geschichte "sehr schön, wie das
Opfer zum Täter wird", die Ansammlung von Klischees berge aber auch Gefahren.
Großes Lob kam naturgemäß von Paul Jandl, der Bußmann vorgeschlagen hatte.
Steffen Popp
Popp führte abschließend mit "Spur einer Dorfgeschichte" in ein Dorf
in Ostdeutschland, eine Gruppe von Menschen macht in gewisser Weise eine
Bestandsaufnahme der Ortschaft. Es gibt Bezüge auf DDR-Produkte, Exkurse in das
moderne Management-Deutsch, der Text ist in einer Reihe von Momentaufnahmen
montiert, die teilweise schwer zueinander in Bezug zu setzen sind.
Winkels sah ein "Halbfertigprodukt", das sich als vollständig präsentiert,
"und das ist nicht fertig". Der Text bleibe absichtsvoll unfertig. Sulzer
meinte, seine Befürchtungen beim Lesen hätten sich beim Vortrag bestätigt,
allerdings werde oft "Erhabenheit nur simuliert". Hildegard Keller stellte
"einen ganz großen Eigensinn" im Text fest, aber: "Mir sagt der Text nirgends,
was ihn trägt." Feßmann, die Popp vorgeschlagen hat, zeigte sich empört über die
Bezeichnung "Halbfertigprodukt" für einen derart dichten Text mit "unglaublich
poetischen Bildern". Spinnen stimmte zu und meinte, der Text könne weitergehen
und weitergehen, wenn da nicht die Frage wäre: "Wohin?" Jandl fand, beim öfteren
Lesen hätten sich immer wieder neue Dinge erschlossen. Strigl war froh über
einen "anderen Ton", der hier Platz gefunden habe. (APA)