Nicht nur Knochen und Muskeln, sondern auch das Bindegewebe ist für eine aufrechte Körperhaltung entscheidend - Rolfing bringt Balance ins System
Zugegeben: Rolfing als Name einer Methode zum Ausgleich von Haltungsschäden ist für Deutschsprachige gewöhnungsbedürftig. Wer diese Hürde jedoch überwindet und sich für eine Rolfing-Stunde anmeldet, wird Dinge über sich erfahren, die sich bislang der eigenen Kenntnis entzogen haben - trotz täglichem Blick in den Spiegel.
Wer zu Jasmin Mirfakhrai zum Rolfing kommt, fühlt sich ein bisschen wie zu Besuch. Mit einem großen Unterschied: Wenn sie einen bittet, auf dem Sessel neben ihrem Schreibtisch Platz zu nehmen, schaut sie einem dabei sehr genau zu. Denn wie ein Mensch sich hinsetzt und wie er dann sitzt, ist einer der ganz entscheidenden Punkte, die es während der ersten Rolfing-Stunde zu klären gilt. Wo ist das Becken, wie stehen die Füße am Boden und, ach ja, der Kopf ist weit vorne, zu weit, "diese Haltung haben viele, die täglich vor einem Bildschirm sitzen", sagt Mirfakhrai. Den meisten sei das in keinster Weise bewusst, deshalb sei die Schulung der Eigenwahrnehmung ein ganz wichtiges Ziel.
Rolfing wurde in den 70er-Jahren in den USA entwickelt und galt lange Zeit als Hybridform zwischen fernöstlichem Yoga und westlicher Osteopathie (siehe Wissen). Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht das Bindegewebe, vor allem die Faszien, die neben dem schnell veränderlichen und vom Zentralnervensystem gesteuerten Muskelbewegungssystem das zweite System zur Spannungsregulation im Körper ist. Viele körperliche Beschwerden hängen mit einer unglücklichen Veränderung dieser bindegewebigen Hintergrundspannung zusammen. Die gute Nachricht: Faszien lassen sich von außen beeinflussen. Wie sich das anfühlt? Rolfing-Behandlungen finden vorwiegend im Liegen statt. Der Rolfer tastet Gewebeabschnitte ab, überprüft Beweglichkeit, drückt oder zieht in bestimmten Bereichen. Das kann durchaus auch intensiv sein.
Rein passiv ist diese Behandlung nicht. Immer wieder wird man aufgefordert, sich "wie eine Katze gegen den Druck zu schmiegen". Lockern von Becken und Brustkorb, Verbesserung der Statik der Beine, Aufrichtung der Körperhälften: "Es geht vor allem um die Selbstwahrnehmung", sagt Mirfakhrai, die den Körper wie eine Choreografin gestaltet. "Geben Sie mal den Kopf weiter nach hinten und kippen Sie das Becken ein klein wenig", sagt sie. "Wenn sich das komisch anfühlt, ist das normal, denn der Körper hat sich seit vielen Jahren an die Fehlhaltung gewöhnt und muss umtrainiert werden". Ihre Empfehlung: Neue Bewegungsmuster im Alltag einbauen. Deshalb wird in manchen Rolfing-Stunden auch das Sitzen, das Stehen oder Gehen "geübt".
Was Rolfing von Physiotherapie unterscheidet, erklärt Eva-Maria Danko-Bodenstein: "Rolfing ist Prophylaxe und bei haltungsbedingtem, chronischem Schmerz eine gute Methode. Akute Beschwerden lassen sich mit Rolfing nicht lösen", sagt sie und betont, dass sie bei durch Narben ausgelösten Beschwerden sehr gute Resultate mit Rolfing erzielt. Nach Blinddarmentzündungen etwa oder nach Brustoperationen ließen sich verengte Faszien und damit Verspannungen gut lösen. "Die Ursache für den Schmerz ist oft gar nicht da, wo jemand ihn fühlt", weiß auch der in Wien arbeitende Rolfer Harvey Burns, dessen älteste Klienten über 80 Jahre sind. "Sie wollen nicht jünger werden, aber ihre Haltung verbessern", erzählt er.
Traditionell "rolft" er viele Musiker und Tänzer. "Das Tolle ist: Selbst nach 25 Jahren Berufserfahrung gibt es keine zwei Menschen, deren Körper ident wären." An der Universität Ulm werden die Faszien und ihre multiple Funktion im Körper mittlerweile auch wissenschaftlich erforscht. (Karin Pollack, DER STANDARD, Printausgabe, 11.07.2011)