Öffentlicher Verkehr

Schwarzfahren 2.0 in Wien

Elisabeth Mittendorfer, 11. Juli 2011, 07:09
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    apa-foto: julia schnizlein

    180.000 Schwarzfahrer wurden 2010 von den Kontrolleuren der Wiener Linien erwischt - das entspricht rund drei Prozent der Fahrgäste.

Durch gezielte Vernetzung erstellen Wiens Schwarzfahrer Bewegungsprofile von Kontrolleuren und verbreiten diese über Social Media

Wer kennt das Gefühl nicht: Da will man sich nur für eine kurze Strecke den Fahrpreis von 1,80 Euro sparen und hat dann permanent das ungute Gefühl, erwischt zu werden. Denn die Schwarzkappler wissen sich heute gut zu tarnen. Seit sie 1994 ihre schwarzen Kappen abgelegt haben und nur noch in zivil auftreten, könnte jeder Fahrgast ein potentieller Kontrolleur sein. Wenn dann der gefürchtete Satz "Fahrscheine, bitte!" durch den Wagon tönt, kostet der Fahrschein nicht mehr 1,80 Euro, sondern um 70 Euro mehr.

Dieser Nervenkitzel muss nicht sein: In Zeiten von Web 2.0 entdecken Schwarzfahrer neue Möglichkeiten, um den Kontrolleuren nicht ins Netz zu gehen. Seit Juni 2009 können Fahrgäste auf der Website schwarzkappler.info Warnmeldungen über Kontrollen sofort veröffentlichen und damit andere User vorwarnen.

Einfach "melden"-Button drücken

Das Prinzip ist sehr einfach: Wenn ein Passagier einen Kontrolleur erblickt, klickt er auf der Website den Button "melden". Es erscheint eine Maske, in der man Linie, Station und Art der Kontrolle (mobil oder stationär) eingibt. In einem Kommentarfeld kann man genauere Details, wie zum Beispiel die Beschreibung der Kleidung des Kontrolleurs, angeben. Die Warnmeldung wird sofort auf der Website sowie auf Facebook und Twitter veröffentlicht.

Je mehr Leute mitmachen und je mehr dies via mobiles Internet tun, desto nachvollziehbarer wird das Bewegungsprofil der Kontrolleure. Die User bleiben dabei völlig anonym. Es kann jeder mitmachen, eine Registrierung ist nicht notwendig.

Eine Plattform für Schwarzfahrer

Die Wiener Linien geben auf ihrer Homepage und auf ihrer Facebook-Seite jede Woche fünf Linien pro Tag bekannt, auf denen verstärkt kontrolliert wird. "Wir machen das, um zu zeigen, dass wir auch wirklich kontrollieren und um einen Anreiz zu schaffen, ein Ticket zu kaufen", so Anna Reich, Pressesprecherin der Wiener Linien.

Dieser Informationsdienst brachte auch David Steinbach, den Gründer der schwarzkappler.info, auf die Idee, sein Projekt zu starten: "Ich habe damals festgestellt, dass die 'offiziellen Warnungen der Wiener Linien' vollkommen willkürlich sind und nicht der Wahrheit entsprechen. Inzwischen hat sich diese Vermutung - durch einen Vergleich der offiziellen Warnungen und den Meldungen der User - bestätigt."

Gratis-Öffis für alle

Vor zwei Jahren wurde also begonnen, die Fahrgäste selbst Warnungen schreiben zu lassen. "Ich dachte mir in Zeiten von Web 2.0 und smartphones dürfte das wohl kein Problem mehr sein", sagt Steinbach. Die Besucherzahlen geben ihm mittlerweile Recht: Die Website hat ungefähr 50.000 Besucher pro Monat und es kommen immer mehr hinzu. Neben den Möglichkeiten mittels Web 2.0 sei diese Entwicklung auch der Mundpropaganda zu verdanken, so Steinbach.

Das Ziel der Plattform sei aber ein viel langfristigeres: Dass die Website irgendwann überflüssig werde. "Ich bin für Gratis-Öffis beziehungsweise viel billigere Preise. Weg vom Individualverkehr, hin zum öffentlichen Verkehr für alle. Die Jahreskarte um 100 Euro, so wie es die Grünen im Wiener Wahlkampf 2010 versprochen haben, würde ich sehr begrüßen", so Steinbach.

Ist das legal?

Da es sich bei der Website lediglich um ein offenes Forum zum Meinungs- und Informationsaustausch handelt, ist dagegen rechtlich nichts einzuwenden. Fotos und Namen von Kontrolleuren dürfen natürlich nicht veröffentlich werden. Dass sich die Begeisterung der Wiener Linien über schwarzkappler.info in Grenzen hält, liegt auf der Hand, dennoch gibt sich Anna Reich gelassen: "Ich kenne solche Plattformen und es wird immer Leute geben, die Schwarzfahren. Im Sinne der großen Mehrheit und das sind die zahlenden Fahrgäste, finden wir das aber nicht fair."

"Fahrscheine, bitte!"

Die Wiener Linien machen den Schwarzfahrern das Leben nicht gerade einfach: Sie wollen ihre Kontrollen nach wie vor verstärken. Im Moment werden pro Tag in etwa 20.000 Fahrgäste kontrolliert. "Wir wollen zeigen, dass sich Schwarzfahren nicht auszahlt und dass Schwarzfahren das teuerste Ticket ist", so Dominik Gries, Pressesprecher der Wiener Linien.

Im vergangenen Jahr wurden die Kontrollen bereits um ein Drittel erhöht. Das Resultat: Noch nie wurden so viele Personen ohne gültigen Fahrschein erwischt wie im Jahr 2010 - in Summe waren es rund 180.000. Insgesamt ist die Schwarzfahrerquote aber in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken und liegt momentan unter drei Prozent. Der "Trend zum Ticketkauf" sei laut Anna Reich auf die vermehrten Kontrollen zurückzuführen. (Elisabeth Mittendorfer, derStandard.at, 11.7.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 1084
Ceremony God
00
20.8.2011, 16:52
Nachtrag

Zur Einstellung, Öffis müssten gratis sein: die Öffis sind jetzt schon nicht rentabel. Aber heutzutage wollen alle scheinbar größtmöglichen Luxus ohne einen Cent dafür zu zahlen oder auch nur irgendetwas dafür zu tun. Ich frage mich, was diese Menschen denken? Sie möchten ja auch für ihre Arbeit entlohnt werden, oder? Leistung (und Qualität) kostet nun einmal Geld. Wir können froh sein, dass in Ö der brutale Turbokapitalismus noch nicht so Einzug gehalten hat, denn dann zahlt man nur mehr ohne Leistung zu erhalten.
Und ja, es kann noch vieles verbessert werden. Tja, wie wärs einfach mal mit selbst anpacken und arbeiten? Aber sudern ist ja so viel einfacher. Ich bin gern bereit, mehr Steuern zu zahlen, um das Öffinetz mitzufinanzieren.

anti-intellektuell
00
10.4.2012, 11:58

anstatt geld für diverse schwachsinnigkeiten wie abfangjäger, koralmtunnel, wörtherseestadion skylink und was weiß ich noch alles zu verbraten wären mir um das geld gratis öffis um einiges lieber. was das mit turbokapitalismus zu tun haben soll weiß ich nicht.

Ceremony God
00
20.8.2011, 16:46
In welcher Zeit?!

Ich wundere mich immer mehr über die Einstellung vieler Menschen, in dem Fall Wiener. JedeR, der/die bereits einmal in einer Weltmetropole war (London, Paris, Tokyo, ...) weiß, dass Wien ein geniales öffentliches Verkehrsnetz hat. Genial deshalb, weil für das Angebot super günstig. Das heißt nicht, dass nicht dennoch genügend Verbesserungsbedarf besteht (Ausbau der Strecken, mehr Linien, kürzere Intervalle, mehr Komfort, etc.), aber in London zahlt man ein Vielfaches mehr und bekommt NULL Leistung und Service. Tokyo ist vielleicht eine der wenigen Städte, wo öffentlicher Verkehr Unmengen kostet, aber dafür auch die Leistung passt (hohe Frequenz, gut ausgebaut, super pünktlich), wenn auch sehr überfüllt. Ö = Land der Seligen

Toni Blaher
 
52
25.7.2011, 13:56

Euro 1,80 für eine einfache Fahrt? Die Wiener Linien wissen eh was sie mich alles können.

Javert
20
27.7.2011, 16:55

stimmt, ist zu billig für die gebotene leistung

aruru
13
19.7.2011, 00:01

kontrollen in wien gibt es kaum, wenn hochkommt, bekomm ich 3x jährlich eine kontrolle mit, und ich bin oft mit den öffis unterwegs. und das verführt natürlich sehr keinen fahrschein zu lösen. daher bin ich mir sehr sicher das viel mehr als 3% der fahrgäste nichts zahlen. dabei - und wenn ich dafür ne menge roter stricherl bekommen werde - ich finde die jahreskarte der wr. linien sehr günstig; verglichen mit anderen großstädten. es gäbe auch genügend beispiele anderer großstädte wo man ohne gültigen fahrausweis gar nicht einsteigen kann, warum sich wien da die wr. linien keine anregungen holen, keine ahnung. die würden sich wundern wie plötzlich der ticketverkauf in die höhe schnellen würde.

Giacomo Leopardi
00
ganz genau

so eine Ohrwaschellösung wie in London, als auch die Drehtüren/Kreuze in New York, würde sicher mehr Tkts absetzen

Toni Blaher
 
10
25.7.2011, 13:57

Die Jahreskarte geht ja noch irgendwie. Aber Euro 1,80 für eine einfache Fahrt ist Wucherei.

Weißer Mann zwischen 18 und 49
01
28.7.2011, 19:55

Das gesuchte Wort ist "Wucher".

der letzte leser
02
13.7.2011, 14:29

Mittlerweile kann man auf der Seite keine Meldungen mehr abgeben.

Die zahlenden Fahrgäste haben ihr Werk vollbracht.

Camcor'der Sheen
00
15.7.2011, 10:42

Langsam könnte man's wieder einschalten ...

Richtig schlimm war's eh nicht. Ein paar Scherzbolde gibt's immer wieder.

Chocoholic
15
13.7.2011, 12:42
Wundert mich dass so viele der Meinung sind, sie sollten alles umsonst bekommen und zahlen sollen gefaelligst die anderen.

ah ja, die anderen sind natuerlich alle, die mehr verdienen, selbst jene, die 2000 netto abkassieren finden 49,50 im Monat (!) zu viel. Laecherlich. Wer sich das als Arbeitender nicht mehr leisten will, sollte zu Fuss gehen.

Toni Blaher
 
01
25.7.2011, 14:01

Ja es ist viel

2000 netto ist kein Spitzengehalt.

Mal davon abgesehen sind die Öffis eh für alle da. Die Autobahn zahlt auch jeder mit.

Chocoholic
02
13.7.2011, 12:42
Wundert mich dass so viele der Meinung sind, sie sollten alles umsonst bekommen und zahlen sollen gefaelligst die anderen.

ah ja, die anderen sind natuerlich alle, die mehr verdienen, selbst jene, die 2000 netto abkassieren finden 49,50 im Monat (!) zu viel. Laecherlich. Wer sich das als Arbeitender nicht mehr leisten will, sollte zu Fuss gehen.

DarktowerX
11
13.7.2011, 16:06

2000 netto würde ich nicht unbedingt als "abkassieren" bezeichnen...

prescott
 
02
13.7.2011, 11:50
Schuss ins Knie

Tja, dieser Schritt in die breite Öffentlichkeit via Standard war wohl ein ziemliches Eigentor, denn zur Zeit werden keine Fahrgastmeldungen entgegen genommen und auch nicht veröffentlicht.

Wood
 
11
13.7.2011, 11:01
180.000 Schwarzfahrer im Jahr 2010 x 70 Euro Strafe = 12,6 Millionen EUR

und man ist nicht in der Lage ein Jahresticket um 100 Euro anzubieten????

Feliks E.D.
00
14.7.2011, 12:01
Nur aus Neugier:

Welche Personalkosten stehen den 12,6 Mio. Strafgeldern gegenüber?
(„… weiter verstärken, 20 000 Kontrollen am Tag usw. …“)

Wood
 
00
14.7.2011, 21:22
Wenn eine städtische Firma in diesem Ausmaß Personalkosten hätte wären sie bankrott!

So what?

Didi84
14
13.7.2011, 10:23

Die Leute, die sich über die Wiener Linien sollten einmal in eine andere Stadt ziehen. Ich finde das Preis-leisungverhältnis der Wiener Linien gut. Also 1.80.- für Einzelfahrt und ist echt günstig.

Nirvanacharly
 
53
13.7.2011, 05:19
die Tarife von Öffis sollten generell

sozial gestaffelt sein. der der mehr hat soll mehr zahlen der der wenig hat (generation 700€) wenig bis gar nichts zahlen, das würde dann der übrigen wirtschaft zu gute kommen da diese generation so wie so immer einen investitionsbedarf haben, und wenn es nur die nächste packung windeln ist, das ist nähmlich heute die realität diese generation kann sich teilweise nicht einmal mehr ausreichend ernähren, das sind unsere probleme und vor diesen verschließt die politik die augen.

Toni Blaher
 
00
25.7.2011, 14:02

Billige Klassenkampflogik. Mal davon abgesehen kostet so ein System extremst viel. Da kann man gleich alle gratis fahren lassen.

Nirvanacharly
 
10
15.7.2011, 07:47
heute muß ich mir selbst antworten

nachdem ich vor kurzem meinen rekord in drünstricherl mit 32 gedopt habe, fahre ich hier 4 rotstricherl ein versus einem grünen, das heißt in ö sind 75% der bevölkerung asozial, wie das erst im forum des rechten schmierenblattes aussieht wage ich nicht zu denken, keep on smiling -))

Woodpecker
00
14.7.2011, 04:33
Sankt Bürokratius, schau oba

Wie bitte, stellen Sie sich vor, soll das kontrolliert werden?
Nicht daß ich prinzipiell dagegen wäre, und ich glaub es gibt schon eine Freifahrt für Sozialhilfebezieher ... aber wie sollen gestaffelte Fahrschein/Wochen/Monatskartenpreise je nach Einkommensnachweis vollzogen werden?
Es ist schon schwer, das Merkmal "Kind" festzumachen: mit der 1.50m-Markierung beim Eingang wie früher (die dann der Schaffner kontrollierte) geht das auch nicht mehr, Kinder sind größer geworden und nicht immer mit Schülerausweis unterwegs.
Die "Ich bin arm"-Fahrscheine ("Arbeitslosenfahrschein") sind glaub ich auch nicht so beliebt, zudem werden/wurden die nur vom AMS für Vorstellungsfahrten hergegeben.

Herpracka
 
00
13.7.2011, 15:43
wir sollten

einfach alle Preise sämtlicher Geschäfte, Dienstleister, Steuern, Versicherungen, Banken, etc. sozial staffeln ebenso die Familienbeihilfe - wieso sollte dann ein Besserverdiener dann noch arbeiten gehen?

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