Herrenwitze und Bierfürze sind zwar out – trotzdem erfahren wir anlässlich der Frauenfußball-WM einiges darüber, wie die Problematisierungsmaschinerie des Fernsehens funktioniert
„So gefällt uns Frauenfußball! Die fünf schönsten Nationalspielerinnen zeigen uns, was das heißt: Echtes Ballgefühl", textet der „Playboy" unter der Überschrift „WM-Vorspiel mit scharfen Schüssen". Auf einer Anzeige ist zu lesen: „Die Pille ist Frauensache" - daneben ist ein Fußball zu sehen. Und der DFB selbst preist die Frauenfußball-WM mit den Worten an: „Fußball von seiner schönsten Seite".
Sie können es einfach nicht anders. Im Deutschland des Jahres 2011 fällt den meisten zum Frauenfußball nur eins ein: Sex. Zickenkrieg. Möpse.
Im Presseraum des DFB fragt hingegen ein Sugardaddy mit Haarausfall gönnerhaft und mit süffisantem Lächeln in den Mundwinkeln, ob denn die Nationalspielerinnen wirklich gut mit den Menschenmassen im Stadion umgehen könnten, da sie sonst ja nur ein paar Hundert Zuschauer gewohnt seien.
Miese Zoten, gute Quoten
Das ist die andere Variante: väterliche Fürsorge, ebenfalls vorgetragen mit schmierigem Unterton. Wäre ich in dieser Sekunde Nationalspielerin Kim Kulig, mich würde es ekeln.
Im ZDF-Morgenmagazin, genauso wie in Plasbergs „Hart aber fair", hält man sich hingegen für fortschrittlich und klopft sich auf die Schulter, weil man sich über Wim Thoelke empört, der sich in den frühen Siebzigern („Wenigstens waschen sie ihre Trikots selber") über Frauenfußball lustig gemacht hatte. „Ungeheuerlich", findet Plasberg, „ungeheuerlich", findet der Morgenmagazin-Moderator und finden sich dabei selbst ungeheuerlich. Ungeheuerlich modern.
Doch egal ob Herrenwitz oder Plasbergs Empörungsattitüde: Unablässig wird so ein Thema am Kochen gehalten, und ein gesellschaftlich-historischer Aspekt durchgekaut, der offensichtlich die Masse der Fernsehzuschauer mitnichten interessiert. Sie gucken sich die Sache einfach an, die Spiele der deutschen Elf erzielen hohe Einschaltquoten.
Sie wollen und sie müssen nicht wissen, was 1974 war (erstes Frauenfußball-Endspiel um die deutsche Meisterschaft) oder 1955 (der DFB verbietet Frauenfußball, wegen der Gefahr eines Verlusts der „weiblichen Anmut").
Was man angesichts der Frauen-WM erleben kann, ist eine Diskussions- und Problematisierungsmaschinerie, die sich selbst am Laufen halten muss, selbst wenn es nichts zu diskutieren gibt. Frauenfußball-WM: Es läuft. Die Leute gucken das. Auf angenehme Weise wird man - in der nichtmedialen Öffentlichkeit jedenfalls - von süffisanten, ironischen oder auch betont gut meinenden Kommentaren zum Thema verschont.
Im Fernsehen hingegen nicht. Wenn es nichts zu besprechen gibt, muss man ein Thema - und das heißt ja immer einen Konflikt - erfinden. So wie bei Plasberg, wo lauter Männer saßen, die ihre Sätze anfingen mit: „Ich habe nichts gegen Frauenfußball", und man die ganze Zeit nicht verstand, wogegen sie jetzt eigentlich was haben.
Gegen Gehirnwäsche von „denen da oben", die einem die Frauen-WM reindrücken, und die so mächtig sind, dass man wie gebannt vorm Fernseher sitzen muss, nur um sich aufzuregen, anstatt abzuschalten?
Zurück bleiben ein paar schmierige Herren
„Darf man denn gar nichts mehr gegen Frauenfußball sagen?", fragt die Sendung - und meint das sicher, wie sagt man da in diesen Kreisen - mit einem Augenzwinkern.
Der Trick ist einer, ja der entscheidende aus dem Arsenal der Gegner einer angeblichen übermächtigen, in Wahrheit aber erfundenen „Political Correctness", die es zwar im amerikanischen Universitätsmilieu der Neunzigerjahre, hierzulande aber nie gegeben hat: Man behauptet, irgendwas zu sagen sei nicht erlaubt, um dann Leute aufzustellen, die gegen dieses angebliche Sprechverbot zu Felde ziehen.
Das Ganze wird natürlich so dargestellt, als sei es „nicht ganz so ernst" gemeint, aber deshalb versteht man eben auch nicht, warum man dann 90 Minuten mit einem Problem füllt, das gar nicht wirklich existiert, weshalb man es immer unterschwellig ironisch thematisiert. Entweder es gibt ein Problem, dann diskutiert man darüber ernst, oder man lässt es ganz bleiben.
Nimmt man den Ironikern ihre angebliche Ironie, ihr sogenanntes Augenzwinkern weg, dann bleiben lauter Wim Thoelkes zurück: ein paar schmierige Herren.
Und die Frauen-WM? Die läuft. Diejenigen, die es sehen wollen, sollen das tun. Und die anderen sollen einfach abschalten. (derStandard.at, 8.7.2011)
Autor
Jost Kaiser war Blogger bei Vanity Fair und kommentierte dort das politische Geschehen im In- und Ausland. Kaiser ist zudem Autor für die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die Zeit und den Tagesspiegel.