Hilfe, die Ärzte kommen!

Kommentar der anderen

Sind Massenprüfungen zwecks Abschreckung potenzieller Medizinstudenten wirklich das richtige Rezept zur Evaluierung der Berufseignung und gegen den drohenden Ärztemangel? Gegenvorschläge eines Praktikers

In diesen Tagen kämpfen 11.500 Bewerber um 1500 Studienplätze an einer der drei staatlichen Medizinischen Universitäten. Aus Sicht der Unis müssen 10.000 potenzielle Ärzte abgeschreckt werden. Dies geschieht derzeit mit "Eignungstests" , von denen selbst ein ehemaliger Wissenschaftsminister sagt, dass er sie kaum bestehen könnte. Das ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite sagen Experten der EU-Kommission, dass in Europa in neun Jahren 230.000 Ärzte und 600.000 Menschen im Pflegebereich fehlen werden. Das bedeutet, dass 15 Prozent auch der notwendigsten Leistungen nicht mehr erbracht werden können.

Mittlerweile hat sich diese besorgniserregende Entwicklung sogar bis zur Österreichischen Ärztekammer, die noch vor wenigen Jahren regelmäßig vor einer "Ärzteschwemme" gewarnt hat, durchgesprochen. Die Standesvertretung reagiert auch prompt - mit einer halbseitigen Pressemitteilung! Darin heißt es: "Die Alterspyramide schiebt sich nach oben. Zahlreiche Facharztstellen und leitende Positionen, die derzeit von über 55-Jährigen besetzt sind, werden in den kommenden zehn Jahren vakant. Daraus ergibt sich organisatorischer und personeller Handlungsbedarf, um die Kontinuität und die Qualität der Spitalsversorgung zu sichern (...) Nur rechtzeitig gesetzte Gegenmaßnahmen könnten eine Krise verhindern (...)"

Was geschieht? Statt Maßnahmen zu setzen, die dazu angetan wären, die für diesen Beruf geeigneten jungen Menschen zu motivieren, Ärzte zu werden, verschärft sie die Zugangsbestimmungen zum Medizinstudium mittels zweifelhafter Knockout-Monsterprüfungen, für deren Durchführung jährlich rund 300.000 Euro aufgewendet werden müssen.

Zweifelhafter "Filter"

Zwar soll heuer durch die Einhebung einer Anmeldegebühr die "Ernsthaftigkeit der Anmeldung" verbessert werden, wie vonseiten der Medizinischen Universität Wien erklärt wird - die Frage, ob diese Tests wirklich die besten künftigen Mediziner herausfiltern, bleibt aber offen.

Neu ist auch (und dies führt zur Überlegung, wie man's besser machen könnte): In Wien gibt es ein freiwilliges und anonymes Self-Assessment vor dem Eignungstest, bei dem sich die Studienanwärter selbst einschätzen können und eine Rückmeldung erhalten, sowie ein im ersten Semester zu absolvierendes Praktikum in dem auf Altenpflege spezialisierten Haus der Barmherzigkeit. Dabei steht der empathische Umgang mit schwerkranken und sterbenden Menschen im Vordergrund. Das Praktikum ist Teil einer Lehrveranstaltung und beeinflusst somit auch die Benotung des ersten Studienjahres.

Mögliche Alternative

Würde man nun ein ähnliches Praktikum in Zusammenarbeit mit jenen Organisationen, die bisher Zivildiener im medizinischen Bereich eingesetzt haben, Österreich weit vor dem Beginn eines Medizinstudiums verpflichtend einführen, ließen sich gleich mehrere Probleme auf einmal lösen:

Einerseits wäre dies meines Erachtens ein besser geeignetes Mittel zur Selektion sozial kompetenter Menschen für den Arztberuf als ein stundenlanger Multiple-Choice-Test, der mit dem Alltag eines Mediziners im Spital oder in der Ordination wenig bis gar nichts gemeinsam hat.

Anderseits könnte im Falle der tatsächlichen Aufhebung der allgemeinen Wehrpflicht ein Teil der wegfallenden Zivildiener durch künftige Medizinanwärter kompensiert werden, und Institutionen wie Rotes Kreuz und Caritas könnten ihre enorm wichtigen Aufgaben weiter wahrnehmen.

Ein weiteres Problem in der zukünftigen medizinischen Versorgung der Bevölkerung besteht in der zunehmenden Landflucht der Mediziner. Kleine Gemeinden finden kaum mehr Allgemeinmediziner oder Fachärzte.

Eine Gegenmaßnahme könnte darin bestehen, die Vergabe von Ausbildungsstellen und Ordinationsplanstellen an eine Tätigkeit im ländlichen Bereich zu koppeln. "Wer sich bereiterklärt, einige Jahre im Waldviertel zu arbeiten, bekommt früher eine Facharztausbildungsstelle oder einen Kassenvertrag" könnte die Formel lauten. (Andreas Schindl, DER STANDARD; Printausgabe, 8.7.2011)

ANDREAS SCHINDL, Jg. 1968, ist Facharzt in Wien und Vater eines Medizinstudenten in spe.

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