"Darf man als Muslim die Flagge verehren?"

7. Juli 2011, 18:32
  • Artikelbild
    foto: dapd/emrić

    Junge Bosniakinnen beim Gebet in der Begova-Moschee in Sarajevo. Eine vollverschleierte Muslimin wurde in einer islamischen Schule vom Unterricht ausgeschlossen.

An der Islamischen Fakultät in Sarajevo diskutierte man diese Woche über Islam und Säkularismus

Die Fakultät wurde in der Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie als Scharia-Schule gegründet.

*****

Darf man als guter Muslim bei einer Flaggenehrung mitmachen? Oder aus wirtschaftlichen Gründen die Staatsbürgerschaft von einem nichtmuslimischen Land annehmen? Der Islam-Lehrer Mustafa Spahić erzählt, womit sich Leute derzeit im Internet auseinandersetzen. Im Innenhof der Islamischen Fakultät im Herzen Sarajevos mit den neomaurischen Fenstern und dem hellen Steinbrunnen diskutieren Islamwissenschafter, Vertreter der Polizei, Imame, Politologen, das geistliche Oberhaupt der bosnischen Muslime, der Großmufti Reis-ul-ulema Mustafa Cerić, und die Leiterin der Konrad-Adenauer-Stiftung, Sabina Wölkner, über Säkularismus und Islam.

Cerić verweist darauf, dass es mindestens drei Modelle von Säkularismus gibt: das französische, das zur totalen Privatisierung der Kirchen führte, das amerikanische, bei dem sich der Staat überhaupt nicht einmischt, und das kommunistische, wo es zur Unterdrückung der Kirchen kam. Cerić meint, dass derzeit oft simpel verlangt werde, dass die Muslime auf die Scharia verzichten sollen. "Das können wir nicht sagen, dass wir darauf verzichten, weil das hieße, dass wir dann keine Muslime mehr sind" , meint er. Als Scharia gelten alle Pflichten und Verbote für Muslime.

Bei dem Symposium geht es auch um die Grenzen des "Rechts, seine Religion auszudrücken" . Spahić, der an der Madrassa in Sarajevo unterrichtet, erzählt etwa, dass sie eine Studentin ausgeschlossen haben, weil diese vollverschleiert erschienen war. "Wir konnten sie nicht identifizieren. Ist sie eine Sie? Oder ist sie ein Er? Der Raum für Manipulationen war in diesem Fall zu hoch" , erklärt er.

Die Islamische Fakultät von Sarajevo ist prädestiniert für die Debatte. Sie wurde 1887 von der österreichisch-ungarischen Verwaltung als Scharia-Schule eröffnet. Es ging darum, Richter auszubilden, die in der Lage waren, sowohl die Scharia als auch Gesetze der Monarchie, die zusätzlich eingeführt wurden, anzuwenden. Die konfessionellen Gerichte in Bosnien-Herzegowina waren damals zuständig für Hochzeiten, familienrechtliche Angelegenheiten, Scheidungen, Stiftungen und Erbschaftsangelegenheiten. Für die Scharia-Schule wurde ein neues Gebäude errichtet. In Bosnien gibt es mehrere ähnliche Gebäude der Österreicher, gelb-rot gestreift mit orientalischen Ornamenten.

Romantischer Zugang

Wieso eigentlich neomaurisch? Professor Fikret Karèić schüttelt lächelnd den Kopf. Er kann das auch nicht wirklich verstehen: "Es gab ja überhaupt keine Verbindung zwischen Bosnien und Spanien. Aber das war eben ein romantischer Zugang von Österreich." Die Scharia-Schule, in der islamisches und zentraleuropäisches Recht gelehrt wurden, war die erste ihrer Art. Nur in Bulgarien gab es noch einen ähnlichen Versuch. Das Modell war offenbar erfolgreich, denn im Jahr 1903 empfahl man in Kairo, eine ähnliche Schule nach dem Vorbild Sarajevos zu errichten.

Während der Zeit der Okkupation durch die österreichisch-ungarische Monarchie bekamen die Glaubensgemeinschaften der Katholiken, Orthodoxen, Protestanten, Muslime und Juden in Bosnien-Herzegowina den Status von Körperschaften öffentlichen Rechts. Und Autoren, die sich mit dem Islam beschäftigten, wurden aufgefordert, in der Landessprache zu schreiben, nicht nur in Türkisch und Arabisch. Ein juristisches Werk wurde damals von zwei Autoren geschrieben, von einem österreichischen Juristen und einem Scharia-Richter, erzählt Karèić. Die Diskussionsthemen in der muslimischen Gemeinschaft vor hundert Jahren kommen einem auch bekannt vor. Ist eine nichtmuslimische Vorschrift zulässig? Ist es zulässig, als Muslim in der Armee zu dienen? Die Antwort lautete immer Ja, erzählt Karèić. Die Scharia-Schule existierte 50 Jahre und wurde in der Zeit des ersten Jugoslawien (1918-1941) zu einem Kolleg aufgewertet. Die Kommunisten schlossen die Schule 1946.

Nach dem Bosnienkrieg zahlte das Emirat Katar die Renovierung. Die beiden Innenhöfe wurden überdacht. Die Idee der Österreicher, offene Innenhöfe wie in Spanien zu haben, sei zwar hübsch, "aber in Sarajevo ist es einfach zu kalt für so was" , sagt Karèić. Sarajevo liegt in den Bergen, es ist um einiges kälter als etwa in Wien. (Adelheid Wölfl aus Sarajevo/DER STANDARD, Printausgabe, 8.7.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 27
1 2
Znoj
00
30.7.2011, 13:38

Europa sollte meiner Meinung nach nie zulassen, dass sich so eine Organisation um gläubige Muslime kümmert... Viellmehr muss EU und Europa eigene muslimischen Theologen ausbilden. Und genau da liegt das Problem. Weder ein EU-Staat noch Muslime lassen sich was sagen... Doch, es ist ganz einfach: die katholische Theologie wird auch nach einem Plan gehandhabt, diese sollte auch einen für den Islam entwerfen, da sie dabei viel mehr Erfahrung im europäischen Wertsystem hat: Staat-Religion-Nation-Demokratie-Wahlen-Kollektiv-Kultur...

Karl Kater
00
30.7.2011, 12:16
Gute Frage

Darf man als guter Muslim aus wirtschaftlichen Gründen die Staatsbürgerschaft von einem nichtmuslimischen Land annehmen?

Diese Frage wurde in Europa bereits millionenfach mit "ja" beantwortet.

doris klie
00
19.7.2011, 18:18
hmmm...

sarajevo wurde in der vergangenheit immer als eine hochburg der toleranz, der freiheit, der multikulturellen gemeinschaft uvm gepriesen... und nun wird darüber diskutiert ob (einige) einwohner dieser stadt eine flagge verehren dürfen... aaaaha....
kleine zweifel kratzen an diesem schönen bild...

depp am huegel
00
10.7.2011, 20:52

eigentlich bequem, wenn man immer wen andern fragen kann, ob man soll oder nicht ...

Petar C
311

Dürfen wir als Muslime dies? Dürfen wir das? Machen diese Leute etwas in ihrem Leben ohne bevor den Priester gefragt zu haben ob sie das dürfen? Auch solche banale Sachen... Und die Scharia passt der heutigen aufgeklärten Welt nicht, und es ist einfach so, sie ist längst überholt. Das Christentum übrigens auch.

nemo sander
11
12.7.2011, 15:39
dürfen sie darüber einen diskurs führen oder gibt

es ein fundamentalistisches denkverbot genau dies zu tun?

Der_Klingone
12
"Überholt" ...

... wird Glaube und Spiritualität niemals sein. Es ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Egal ob nun Islam, Christentum oder sonst was. Ich würde diese Prozesse in Bosnien jedoch nicht überbewerten. Das Aufleben der Religionsdebatte sowie der zunehmend stärkere Einfluss der Religionsgemeinschaften auf den Staat werden auch wieder zurückgehen. Das ist vielmehr ein Effekt des "nationalen Erwachens" oder des Nation Buildings am Balkan. Keine Seite ist davor sicher. Der Effekt wird dadurch verstärkt, daß die Religion am Balkan - älteren Nation Building-Prozessen des 19. Jahrhunderts sei "Dank" - auch gleichzeitig als primäres ethnisches Unterscheidungsmerkmal betrachtet wird. Mit der Zeit werden aber auch diese Effekte wieder verschwinden.

Observer 20
00
10.7.2011, 20:06
es heisst zwar "Zeit heilt Wunden"

aber es kann eine lange Zeit sein.

sepp schilehrer
18

Kann mir nicht vorstellen, dass junge Frauen in Sarajevo noch vor ein paar Jahren so zugekleistert gewesen wären....

Der_Klingone
16

Inwiefern zugekleistert? Meinen Sie mit Schminke?

Dann muss ich sagen, daß die jungen Frauen vor dem Krieg noch viel zugekleisterter und "offener" waren. Egal ob man dies nun positiv oder negativ auslegen möchte.

Eine verstärkte Rückkehr zu alten islamischen Werten fand erst nach dem Ende des Krieges statt.

insertnamehere
 
09
Der Mann hat einfach eine andere Definition davon, was denn die "Scharia" wäre, wie'scheint.

Davon abgesehn wäre es hypothetisch natürlich möglich, allen Mu*lims der Welt die volle und ganze "Scharia" zu gönnen.

Wenn zB jemand beim Ladendiebstahl erwischt wird, fragt man betreffendes Subjekt halt einfach, ob er/sie Mu*lim ist. Sagt er/sie dann nein, kriegt er/sie eine Verwarnung. Sagt er/sie ja, dann hacken wir einfach die Pfote ab.

In weiterer Folge müsste man halt auch wieder die Todesstrafe einführen - halt nur und ausschließlich für Mu*lime. WENN ihnen das angeblich solche Freude macht, wieso denn nicht?

Insofern: Scharia ja gern, aber nur für die, die sie wollen. Wer sie für alle will, wird sich schon die Mühe machen und Europa erst mit Waffen unterwerfen müssen.

Mathias
 
00
12.7.2011, 08:21
Wer sie für alle will, wird sich schon die Mühe machen und Europa erst mit Waffen unterwerfen müssen.

Na das werden die ganzen Hobby-Heiden zu verhindern wissen (müssen) ;-)

Der Zwersch
22
11.7.2011, 03:19

Die Gewaltfantasien gehn mal wieder rund...

Observer 20
00
10.7.2011, 20:08
kann so nicht funktionieren,

fundamentales Handeln führt nie in eine brauchbare Zukunft.

Sindjelic
210
das war einer der zentralen Gründe...

warum weder die Serben,noch die Kroaten in einem von Izetbegovic geführten und gelenkten Staat leben wollten und wollen!!
Gut,daß es sowas in der Republika Srpska nicht gibt und niemals geben wird!!

Miki Smiljanic
21

das ist höchstens die Föderation, bzw. Sarajevo, aber nicht Bosnien.

masaru tak
143

"Darf man als Muslim die Flagge verehren?"
nein, nur die islamische

oder aus wirtschaftlichen Gründen die Staatsbürgerschaft von einem nichtmuslimischen Land annehmen?
ja wen man nicht auf eine verfassung schwören muss die dem islam widerspricht.

wozu eine uni zu so simplen fragen?dient sie etwas nur dazu die religion so dermaßen zu verbiegen das sie ins säkulare bild passt?

"dass sie eine Studentin ausgeschlossen haben, weil diese vollverschleiert erschienen war. "Wir konnten sie nicht identifizieren. Ist sie eine Sie? Oder ist sie ein Er?Der Raum für Manipulationen war in diesem Fall zu hoch"

dieser mann nennt sich also muslim interessant.

ein tipp : anhand der stimme vlt?oder einfach mal fragen? aber wen er stirbt wird er gefragt.

Helicopterman
03
11.7.2011, 07:30

Islamist?

Godot was here
010
@masaru tak

a) Bosnien ist kein muslimisches, sondern ein multi-ethnisches Land, in dem alle Konfessionen (zumind. der Verfassung nach) gleichwertig sind. Die Flagge ist mit der Staatsangehörigkeit verbunden, nicht mit der Religion, was eine private Sache und keine die mit der Staatsbürgerschaft verbunden ist. Auf Ihrem Pass ist vorne ein Emblem, welches dem EU-Zeichen ähnelt, plus Schriften in Lateinischer und Kyrillischer Schrift, und kein Arabisch, wenn Ihnen dies nicht gefällt, Auswandern nach Saudi-Arabien ist immer ne Möglichkeit.

Vergessen Sie nie, dass die Bosniaken in erster Linie Europäer sind, die zum Islam konvertiert sind, und keine "angesiedelten" Türken oder Araber, wie Sie es wohl gerne hätten.

masaru tak
40

letztlich sind alle muslime irgendwann zum islam konvertiert.

hat auch niemand behauptet das bosnien ein muslimisches land ist.

nur sollte sich nicht jeder muslim nennen obwohl er mit islam nichts am hut hat und der meinung ist die religion zu vertreten.

Godot was here
06
@masaru tak

Ja, aber sie sind euopäische Muslime, sollten also ihren Glauben mit europäischen Werten leben und nicht nach den semitischen Werten, die in der Heimat des Islam herrschen.

Dies kann man an den Juden sehr gut sehen, wo, außer bei den orthodoxen Juden, der Großteil ein "normales" Leben führt und sich trotz eines unterschiedlichen Glaubens nicht von den Mitbürgern unterscheidet.

Mein Glaube betrifft nur mein privates Leben, es sollte nicht meinen ganzen Alltag und mein öffentl. Verhalten beeinflussen, den genau dies führt dazu das Andersgläubige diskriminiert werden.

Sindjelic
01
12.7.2011, 00:54
Godot...

guter Beitrag!!! Sag das mal bitte laut in Berlin-Kreuzberg oder Neukölln...

masaru tak
90

es gibt keinen unterschied zwischen muslimen alle muslime sind gleich.

europäische werte und semitische werte gibt es nicht.

der islam regelt die komplette gesellschaft und das zusammen leben der menschen.dabei werden anders gläubige eben nicht diskriminiert.

http://www.youtube.com/watch?v=QmlsqBdaygA

Cielito Lindo
00
16.7.2011, 01:44

Sie lügen wie gedruckt!

Der Waehlerwille
 
00
15.7.2011, 23:24
das ist eine glatte lüge ihrerseits.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 27
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.