Späte Blumen an einem Unort

7. Juli 2011, 17:05
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Ein temporäres Mahnmal erinnert am Morzinplatz an homosexuelle Opfer der NS-Zeit

Wien - "Niemals vergessen" steht auf dem Block aus Mauthausener Granit. Am Morzinplatz soll er daran erinnern, dass sich hier - im ehemaligen Hotel Metropol - das Gestapo-Hauptquartier befand. Das stand allerdings nicht auf der Grünfläche, wie oft fälschlich angenommen wird, sondern hinter dem Mahnmal, also dort, wo sich nun der Leopold-Figl-Hof erhebt.

Es gebe kein Bewusstsein für diesen Platz und seine Geschichte, sagt die österreichische Künstlerin Carola Dertnig über diesen seiner Renovierung harrenden "Gassi-Unort". Bei diesem Manko setzt ihre temporäre künstlerische Intervention an. Ihr Eingriff soll ebenso wie die 2010 von Ines Doujak initiierte Mahnwache (ebenfalls ein Projekt von KöR, Kunst im öffentlichen Raum Wien) an die Verfolgung und Ermordung homosexueller und Transgender-Opfer der NS-Zeit erinnern. Denn allzu lang hat man diese vergessen: erst 1995, 50 Jahre nach Kriegsende, wurde ihr Opferstatus offiziell anerkannt. "Zu spät" sei das Einzige, was einem dabei immer wieder einfalle, so Dertnig.

"Zu spät" lautet daher auch der Schriftzug aus Blumen, den sie gemeinsam mit Julia Rode, einer Landschaftsarchitektin, entwickelt hat. Mit Fetthenne, Hauswurz und Steinnelke haben sie sehr widerstandsfähige Pflanzen ausgesucht, die den spröden Standort vertragen. Und die Nelke ist nicht zuletzt Symbol kämpferischer Gemeinschaften.

"Too little, to late" wäre poetischer gewesen, räumt Dertnig ein. Es deutsch zu halten war jedoch wichtig, selbst wenn die Aussage dabei verhärtet. "Zu spät", ein kritischer, abweisender Kommentar, besitzt für die Künstlerin auch didaktische Qualitäten. Über einen Steg nähert man sich allmählich an, steht erhöht und muss zu den Dingen zwangsläufig eine andere, frontale Perspektive einnehmen.

Bereits 2006 sollte am Morzinplatz ein permanentes Mahnmal für die homosexuellen Opfer errichtet werden. Der Entwurf Hans Kupelwiesers scheiterte an behördlichen Auflagen.  (Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Printausgabe, 8.7.2011)

  • Das temporäre Mahnmal von Carola Dertnig und Julia Rode verändert sich 
im Wechsel der Jahreszeiten.
    foto: wyckoff

    Das temporäre Mahnmal von Carola Dertnig und Julia Rode verändert sich im Wechsel der Jahreszeiten.

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